Die Wucht der Erinnerung: Zwischen Zeugnis und Zumutung

Interdisziplinäre Veranstaltungsreihe der IPU Berlin und AMCHA Deutschland e. V.

 

Die Vortrags- und Veranstaltungsreihe wird die unterschiedlichen Dimensionen des Zeugnisgebens nach der Shoah vor dem Hintergrund des Verschwindens der Augenzeug:innen thematisieren und sich mit Traumata und den psychosozialen Dimensionen befassen.
 

Auch 2026 setzen die IPU Berlin und AMCHA Deutschland e. V. ihre gemeinsame Vortragsreihe fort – bereits im dritten Jahr der Kooperation. In vier Abendveranstaltungen rückt diesmal der Schwerpunkt „Zeug*innenschaft“ in den Mittelpunkt: Wie lässt sich Zeug*innenschaft im Hinblick auf die Schoah heute denken, wenn die Zahl der Überlebenden weiter abnimmt? Welche Rolle spielen Bilder, Erzählungen, Weitergabe in Familien, Bildung und öffentliche Erinnerung – und welche psychosoziale Verantwortung folgt daraus?

 

Die diesjährige Reihe ist als Salonformat konzipiert. Nach kurzen inhaltlichen Inputs öffnet ein Dialog der Referierenden mit einer Person aus dem Vorbereitungskreis den Austausch behutsam in Richtung Publikum. Am 28. April eröffnet Prof. Dr. Jürgen Straub das aktuelle Format mit einem Input unter dem Titel »Zeitgenössische und retrospektive Zeugenschaft«, Dr. Juliette Brungs, Vorstandsmitglied von AMCHA Deutschland, kommt anschließend mit ihm darüber ins Gespräch, das Publikum ist eingeladen bei Getränken und kleinen Snacks mit beiden daran anzuknüpfen.


Die IPU Berlin und AMCHA haben die Reihe nach „Transgenerationalem Trauma begegnen“ (2024) unter dem Titel „Bilder, Bewältigung & Erinnerungskulturen“ (2025) weiterentwickelt und führen sie 2026 fort. 

 

Termine

 

  • 16. Juni 2026
    Input von und Gespräch mit Prof. Dr. Kristin Platt (Ruhr-Universität Bochum)

Der einleitende Input nimmt das „Trauma der Zweiten Generation“ in den Blick und wendet sich gegen die Vorstellung einer intergenerationellen „Übertragung“ im Sinne eines weitergegebenen Rucksacks aus unbearbeiteten Erfahrungen der Eltern. Stattdessen wird argumentiert, dass sich das, was als „Trauma“ der Zweiten Generation bezeichnet wird, in Prozessen der Identitätsbildung, der Erinnerung und des Erzählens jeweils neu konstituiert.

Im Zentrum stehen die Möglichkeiten und Begrenzungen, eine eigene Biographie im Spannungsfeld familiärer Erfahrungen und gesellschaftlicher Deutungsangebote zu entwickeln. Beziehungen zu den Eltern – etwa durch implizite Erwartungen, kommunikative Lücken oder emotional geprägte Interaktionsmuster – bilden dabei einen zentralen Kontext, ohne dass daraus eine lineare Weitergabe von „Trauma“ abgeleitet wird. Ebenso relevant sind gesellschaftliche Diskurse, die bestimmte Formen des Erinnerns und Sprechens nahelegen oder privilegieren und damit Selbstverhältnisse strukturieren.

Der Beitrag regt an, die Herausforderungen der Zweiten Generation weniger in der „Verarbeitung“ eines übernommenen Traumas zu sehen als in der Aushandlung von Zugehörigkeit, Anerkennung und individueller Identität. „Trauma“ erscheint so nicht als übertragene Last, sondern als Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen familiären Beziehungen, sozialen Erwartungen und biographischen Erzählungen.

Prof. Dr. Kristin Platt arbeitet im Schnittfeld von Sozialpsychologie und Kulturwissenschaft zu Themen von kollektiver Gewalt und traumatischer Nachfolgen. Sie leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum und ist Privatdozentin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

  • 17. November 2026, 18:30 Uhr
    Input von und Gespräch mit Dr. Jasmin Spiegel (Hebrew University Jerusalem) und Dr. Anne-Christin Klotz (FU Berlin)
  • 8. Dezember 2026, 18:30 Uhr
    Input von und Gespräch mit Prof. Dr. Maria Böttche (FU Berlin)

Die IPU Berlin organisiert diese Reihe zusammen mit Amcha Deutschland e. V. AMCHA wurde 1987 in Israel von Holocaust-Überlebenden gegründet und bietet psychosoziale Unterstützung für Überlebende und ihre Angehörigen; AMCHA Deutschland e. V. unterstützt diese Arbeit seit 1988 und bringt sie in die öffentliche und fachliche Auseinandersetzung in Deutschland ein. 

Informationen und Anmeldung zum kommenden Vortrag


Wann?

Dienstag, 16. Juni 2026, 18.30 Uhr


Wo?
Seminarraum 91b-05 der IPU Berlin in der Alt-Moabit 91b, 10559 Berlin (2. OG)

Bitte melden Sie sich für die April-Veranstaltung über das folgende Formular zur Veranstaltung an:

Vergangene Vorträge in der Reihe

Abstract

In seinem Input widmet sich Jürgen Straub zeitgenössischer und retrospektiver Zeugenschaft im Kontext der nationalsozialistischen Verfolgung. Ausgehend von kurzen theoretischen Überlegungen zu beiden Formen der Zeugenschaft sowie zum hermeneutischen und konstruktiven Charakter sprachlicher Darstellung stellt er ausgewählte Ergebnisse der jüngst abgeschlossenen Forschungsarbeiten von Maria Jäger und Hannah Wunderlich vor.

Im ersten Fall stehen Tagebücher aus den 1930er Jahren im Zentrum. Sie geben fortlaufende Einblicke in die schrittweise Ausgrenzung jüdischer und von den Nationalsozialisten als jüdisch kategorisierter Menschen aus der deutschen „Volksgemeinschaft“ sowie in deren zunehmende Entrechtung und Entwertung, die in der Shoah kulminierten. Im zweiten Fall geht es um Erzählungen über die Kindertransporte von 1938/39, durch die jüdische Kinder vor Verfolgung und Ermordung gerettet wurden, insbesondere nach Großbritannien. Einige der heute hochbetagten Zeitzeug:innen berichten davon und von ihrer eigenen Lebensgeschichte.

An diesen Beispielen zeigt Jürgen Straub die Unterschiede und die besondere Bedeutung zeitgenössischer und retrospektiver Zeugnisse. Zugleich macht er deutlich, dass diese Quellen nicht nur Aufmerksamkeit und Auslegung verlangen, sondern auch eine fortdauernde Aufgabe der Erinnerung und Auseinandersetzung markieren.

Zum Referenten

Prof. Dr. phil. Jürgen Straub ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialtheorie und Sozialpsychologie in der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er leitet mit Dr. Pradeep Chakkarath und Aladin El-Mafaalani das Hans Kilian und Lotte Köhler-Centrum für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie. Zu seinen einschlägigen Publikationen zählen u. a. der Sammelband Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein sowie die Reihe seiner ausgewählten Schriften Das erzählte Selbst zur narrativen Identität.