Im Rahmen des MA Psychoanalytische Kulturwissenschaft und Kulturpsychologie findet im Sommersemester 2026 eine öffentliche Ringvorlesung statt.
Die Reihe bietet eine Einführung in psychoanalytisch informierte Medientheorien und diskutiert das Verhältnis von Psyche, Kultur und medialen Formen im historischen Wandel. Medien werden dabei nicht nur und nicht einmal primär als technische Übertragungsinstrumente verstanden, sondern als epistemische, ästhetische und affektive Dispositive, die Wahrnehmung, Subjektivität und soziale Beziehungen strukturieren.
Diskutiert werden klassische und aktuelle Positionen der Medientheorie ebenso wie gegenwärtige mediale Praktiken. Die Ringvorlesung macht die historische Situiertheit medialer Formen sichtbar und fragt zugleich nach ihren unbewussten, affektiven und symbolischen Dimensionen. Sie richtet an Interessierte aus Kulturwissenschaft, Psychologie und angrenzenden Disziplinen.
Prof. Dr. Ralph Köhnen | Ruhr-Universität Bochum
(Abstract folgt)
Ralph Köhnen
(Informationen folgen)
Prof. Dr. phil. habil. Jochen Bonz | Katholische Hochschule NRW
In seinem Beitrag zur Ringvorlesung thematisiert Jochen Bonz die Triangulierungserfahrung im psychoanalytischen Sinne als einen medialen Registerwechsel, der grundlegend verändert, wie die Wirklichkeit erlebt wird, und damit das gesamte Sein des Subjekts betrifft. Er bezieht sich dabei auf Jacques Lacans klassische Unterscheidung zwischen den psychischen Dimensionen des Imaginären und des Symbolischen, die schon Friedrich Kittler als Medien charakterisierte. Angesichts der Allgegenwärtigkeit von Identitätsunsicherheiten und der verbreiteten Praxis, diese mittels narzisstischer Größenphantasien zu überbrücken, zeigt Bonz die Notwendigkeit pädagogischer Erfahrungsräume auf, in denen die hiermit einhergehenden Aggressionen und Entwertungen Platz haben und sich Möglichkeiten eröffnen, aus dem Register des Imaginären ins Symbolische zu wechseln.
Deutlich macht Bonz dies am Beispiel des von ihm geleiteten kulturpädagogischen Projekts Grafeneck - Münster / 1940 - heute, das den Nationalsozialismus thematisiert - die massenhafte und systematische Vernichtung von Menschen, die mit kognitiven Beeinträchtigungen lebten oder psychisch krank waren. An konkreten Beobachtungen aus einwöchigen Exkursionen, die er mit Studierenden nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, einem der zentralen Tatorte der NS-'Euthanasie'-Verbrechen, unternommen hat, sowie aus Workshops mit Schulklassen in Münster zeigt Bonz die hier eröffneten Erfahrungsräume auf. Im Zentrum steht dabei insbesondere der Stellenwert künstlerischen Arbeitens, Triangulierungserfahrungen zu ermöglichen, die sich verinnerlichen lassen.
Jochen Bonz ist ein in Bremen lebender Kulturwissenschaftler, dessen Forschungen um Fragen der Subjektivität in unserer Zeit kreisen und deren kulturelles Zentrum lange Zeit Pop bildete. Er ist stark durch die Ethnopsychoanalyse und den Poststrukturalismus geprägt.
In seiner Tätigkeit als Professor für Kulturpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster hat er das Projekt Grafeneck - Münster / 1940 - heute entwickelt, das vom 01.04.2024 bis zum 31.12.2025 in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen gefördert wurde.
Seit einigen Jahren in der Ausbildung zum Gruppenanalytiker (SGAZ), leitet er Supervisionsgruppen für ethnografisches Feldforschen.
Prof. Dr. Rainer Winter | Universität Klagenfurth
Die Folgen des Gebrauchs sozialer Medien werden zunehmend kontrovers diskutiert. Die Hoffnungen auf eine neue Form egalitärer Kommunikation und auf demokratische Partizipation haben sich nicht erfüllt. Im Plattformkapitalismus werden soziale Medien stattdessen für Überwachung, Desinformation, Manipulation und die Erzeugung von negativen Affekten verantwortlich gemacht. Dennoch werden sie weiterhin intensiv begehrt und sind ein zentraler Bereich des “Genießens” in der Gegenwart. Diese scheinbar widersprüchlichen Zusammenhänge sollen medientheoretisch analysiert und diskutiert werden.
Rainer Winter lehrt seit 2001 Medien- und Kulturtheorie an der Universität Klagenfurt. Von 2002 bis 2025 war er Universitätsprofessor am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft und lange Zeit sein Vorstand. Er studierte Psychologie, Philosophie und Soziologie. Er ist (Ko-)Autor und (Mit-)Herausgeber von 41 Büchern. Zuletzt: Critique and Reflexion. Collected Articles (2023, Shanghai Academy of Social Sciences Press, in Mandarin), Film as an Art of Society (2025, Palgrave) and Research Handbook on Critical Theory (2026, Elgar University Press).
Prof. Dr. Natascha Adamowsky | Universität Passau
Medien sind Mittel, Vermittler, Dazwischenseiendes. Sie aisthetisieren und sie ‚entfernen‘ Raum und Zeit. Dabei können sie konkretisieren und objektivieren, aber auch subjektivieren und virtualisieren. Winziges wird riesig, Entferntes anschaulich, Vergangenes gegenwärtig. Damit einher geht, dass Medien stets von einem magischen Effekt begleitet sind, welcher dem Umstand geschuldet ist, dass im Moment des Erlebens das Medialisierte ist und nicht ist, was es scheint.
In der Medienkulturwissenschaft sind Medien dementsprechend kein fest umrissenes Gegenstandsfeld. Je nach Erkenntnisinteresse können wir z.B. über Film und Literatur, das Mikroskop oder Teleskop, genauso aber auch über Medien der Natur, Bildwelten oder Praktiken des Zu-Sehen-Gebens sprechen. Was die medienwissenschaftliche Perspektive von anderen Kulturwissenschaften unterscheidet, ist, dass sie sich weniger als eine Deutungswissenschaft versteht, die Sinn und Bedeutung ihrer Untersuchungsgegenstände festlegt, sondern als eine Arbeitsweise, die sich exemplarisch wie materialbezogen für Medialisierungsprozesse und mediale Differenzen interessiert.
Der Vortrag möchte diese und weitere Zusammenhänge an einem Medium verdeutlichen, dass in der Frühphase seiner Geschichte diverse Assoziationen zum Unbewussten wie zur Tiefe der menschlichen Seele produziert hat: das Aquarium. Das 19. Jahrhundert entdeckt und begeistert sich für die Tiefen des Meeres und holt sie sich in die Wohnzimmer in Form kleiner Glaskästen, mit denen sich, so die Phantasie, nicht nur ein Blick auf den Anbeginn des Lebens, sondern auch in die ozeanischen Tiefen der menschlichen Seele werfen ließ.
Natascha Adamowsky ist Medien- und Kulturwissenschaftlerin und seit 2020 Inhaberin des Lehrstuhls für Medienkulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Kulturen an der Universität Passau. Zuvor war sie Professorin für Medienwissenschaft im Bereich Digitale Medientechnologien an der Universität Siegen, Professorin und Leiterin des Instituts für Medienkulturwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Professorin für Kulturwissenschaftliche Ästhetik am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Prof. Dr. Benigna Gerisch & Prof. Dr. Andreas Hamburger | IPU Berlin
Die Filme und ihre Sprüche haben sich geändert seit Casablanca (1942), und auch das Publikum. Die Kinofans Benigna Gerisch und Andreas Hamburger sprechen darüber, wie die Filmpsychoanalyse diese - auch unbewussten - Filmerfahrungen zu erfassen versucht, warum manche Filme Kult werden und andere peinlich, warum das echte Präsenz-Kino sich so beharrlich unterzugehen weigert, und was das alles mit Digitalisierung zu tun hat. Wir freuen uns auf ein echtes, präsentes Publikum und seine Einwürfe.
Benigna Gerisch ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, systemische Familientherapeutin, Psychoanalytikerin (DPV/IPA/DGPT). Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University in Berlin (IPU). Von 1990 – 2010 tätig als Psychotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Publikationen und Forschungsprojekte unter anderem zur Suizidalität und Geschlechterdifferenz, psychoanalytischen Körperkonzepten sowie (autodestruktiven) Körperpraktiken. Transdisziplinäre Forschungsprojekte zu „Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne. Gegenwärtiger kultureller Wandel von Selbstentwürfen, Beziehungsgestaltungen und Körperpraktiken sowie zu „Das vermessene Leben: Produktive und kontraproduktive Folgen der Quantifizierung in der digital optimierenden Gesellschaft“, jeweils geleitet von V. King, B. Gerisch und H. Rosa (gefördert von der VolkswagenStiftung). Sowie zahlreiche psychoanalytische Studien zur Suizidalität im Film, Theater und in der Belletristik.
Prof. Dr. Andreas Hamburger
Lektürehinweise
Dr. Szilvia Gellai | Universität Wien
Als Entwurfs- und Erkenntnispraxis spielt Diagrammatik in Freuds psychoanalytischer Theoriebildung eine wichtige Rolle. Diese Praxis beschränkt sich aber nicht nur auf die Zeichnung von Skizzen und Diagrammen, die seelische Prozesse oder Strukturen sinnlich begreiflich machen, also materiell darstellen sollen, sondern sie erstreckt sich auch auf mentale Bilder, die diskursiv produziert bzw. evoziert werden. Für die Betrachtung von Freuds Diagrammatik sind deshalb die Schaubilder in seinen Schriften – etwa in der Traumdeutung (1900), Das Ich und das Es (1923)oder der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933) – ebenso ergiebig wie die eminent szenographische Qualität seiner Texte, die sich zur Explikation des Unbewussten und der Psyche auf prägnante räumliche, organische und medientechnische Metaphern und Modelle stützen. Entlang dieser beiden Stränge zeichnet die Vorlesung konzeptionelle Verschiebungen, sich überlagernde Brüche und Kontinuitäten in der Freudschen Psychoanalyse nach.
Szilvia Gellai ist seit 2020 Postdoc am Institut für Germanistik der Universität Wien. Sie forscht an der Schnittstelle zwischen Literatur, Architektur, Medientheorie und Kulturtheorie, zuletzt intensiv mit Blick auf die (Wiener) Moderne. Im Wintersemester 2025/26 nahm sie eine Gastprofessur für intersektionale Geschlechterforschung an der Leuphana Universität Lüneburg wahr. Zu ihren neueren Publikationen zählen Glass Scenographies. Notes on Spaces of One’s Own (Weimar: M BOOKS 2023), The Opportunities of Laughter: On the Aesthetics and Politics of Humour in Walter Benjamin (gem. mit Kevin Drews, FMLS 61.3, 2025), Else Jerusalem: Venus am Kreuz. Novellen, Feuilletons und andere Prosatexte (gem. mit Kira Kaufmann, Wien: Böhlau 2026 [i.E.]).
Literaturempfehlung:Szilvia Gellai: „Psychoanalytische und poetische Diagrammatik. Sphären des Unbewussten bei H. D. und Freud“, in: Martin Bartelmus/Friederike Danebrock (Hg.): Therapie der Dinge? Materialität der Psychoanalyse in Literatur und den bildenden Künsten, Bielefeld: Transcript 2023, S. 63-87. doi:10.14361/9783839464762-004 (Open Access).

Wann?
Donnerstags, 16:15-17:45h
Wo?
Raum 91b-05, Alt-Moabit 91b (2. Etage), 10559 Berlin
Studierende der IPU und anderer Berliner Universitäten können die Prüfungsmodalitäten dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis entnehmen.