Overkill – Autoethnographische Notizen zur Corona-Pandemie Teil 4

Phil Langer schreibt aus Wien – aus der sozialen Isolation, während der Ausbreitung der COVID-19-Pandemie, mit sozialpsychologisch geschultem Blick. Seine Gedanken schweifen durch persönliche Gefühle und Erlebnisse aus der Forschungspraxis. In Corona-Zeiten zeigt er uns aus der Innensicht, wie weit die Welt ist.

Teil 4: Abstand.


„Es ändert sich die Art, in der Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewußtsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes.“1 Auf diese kurze Formel lässt sich bringen, was Norbert Elias in seinem zweibändigen Werk Der Prozeß der Zivilisation herausarbeitet. Die Beispiele, die er in seinem Durchlauf durch die „westliche“ abendländische oder genauer noch west- und mitteleuropäische Geschichte diskutiert, sind – bei aller möglichen und nötigen Kritik unter anderem an zu vereinfachten, unterkomplexen historischen Analysen – durchaus prägnant: Wie etwa Benimmbücher, die das Schnäuzen ins Tischtuch beim Essen verpönten, lehrten, wie mit Gabel, Löffel und Messer umgegangen werden müsste, vom Hofe ausgehend die allgemeinen Tischsitten veränderten und dazu führten, dass wir bei Verstößen gegen diese Verhaltensnormen Gefühlen von Scham und Peinlichkeit und Ekel verspüren. Ein gesellschaftliche Entwicklungen und psychische Dynamiken verschränkender Prozess, der sich in den je individuellen Sozialisationserfahrungen in der „modernen“ Gesellschaft als Internalisierung soziokultureller Standards wiederholt. Ein äußerer Fremdzwang (die Benimmbücher und die gesellschaftlichen Sanktionen, die mit Regelverstößen einhergehen) wurde und wird fortlaufend in einen inneren Selbstzwang übersetzt und verfestigt (eben dies und das so und so zu tun und nicht anders und das, was dem nicht entspricht innerlich zu sanktionieren), der sich tief in die Affektstruktur der Subjekte einschreibt.

Ich weiß nicht genau, wie ich auf Elias gekommen bin, als ich unten am Platz nach dem Semmelholen mit der Morgenzigarette in der Sonne stand, aber irgendwie war da das Gefühl, mit seinem zivilisationstheoretischen Blick in der aktuellen Situation etwas „anders“ wahrnehmen zu können, ein kleines Erkenntnis-Add-On zu hamstern sozusagen. Denn da hat sich ja schon einiges getan in den letzten Tagen und Wochen und Monaten, was sich mit Elias als Fremd- und Selbstzwangsdynamiken beschreiben lässt: Ausgehend von Veränderungen der globalisierten Umwelt, die wir mit dem Begriff der Pandemie fassen und die über die renationalisierenden Schließung von Grenzen zu einer zunehmenden Verengung des öffentlichen als sozialen Raumes und zu vor Kurzem nur in fiktionalen Dystopien für möglich gehaltenen Verhaltensdisziplinierungen führten.

Von rückblickend fast schon naiv-niedlich wirkenden Empfehlungen, in die Armbeuge zu schnäuzen, über Empfehlungen zum richtigen Waschen der Hände, beispielhaft in einem Video der Weltgesundheitsorganisation vorgeführt und vielfach in sozialen Medien adaptiert, bis hin zum Verhaltensimperativ der physischen Distanzierung, die zunächst ja in ihrer Fehlerhaftigkeit durchaus den Kern treffend als soziale Distanzierung oder social distancing bezeichnet und begriffen wurde, und schließlich mit staatlicher Macht durchgesetzte Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, Ausgangssperren. Das Gebot, sich nicht zu nahe zu kommen, das Verbot, sich zu treffen. Menschen gehen sich aus dem Weg, wechseln die Straßenseite, bestehen vehement auf Abstand an der Supermarktkasse, man beäugt sich skeptisch, empfindet den intergenerationalen großfamiliären Sonntagsspaziergang in der Sonne als verstörend, ein Gefühl stellt sich ein, das Elemente von Peinlichkeit und Ekel beinhaltet, im Falle von offensichtlich migrantischen Familien noch kulturalistisch abwertende Zuschreibungen mit sich bringt. Die freundschaftliche Umarmung zur Begrüßung oder zum Abschied, von flüchtigen oder nicht ganz so flüchtigen Küssen begleitet, hat ihre Normalität verloren, mehr noch, wird zum gesellschaftlichen no-go, dessen Beobachtung auf der Straße heute Entsetzen auslösen würde. Nicht einmal ein Händedruck scheint noch möglich oder nur mit beidseitiger Sanitätsbehandschuhung.

Zeitigt aber das, was in der aktuellen Situation epidemiologisch geraten ist, über das Ende der Pandemie, wie und wann immer diese definiert werden mag, hinaus nicht nur Folgen in der Gestaltung künftiger sozialer Interaktionen, sondern auch der psychischen und affektiven Struktur der Subjekte? Was Elias als Prozess der „westlichen“ Zivilisation im Wandel der Sozio- und Psychostruktur über mehrere Jahrhunderte hinweg beschrieben hat: Könnte dieser auch in wenigen Monaten durchlaufen werden? Verändern die in der existenziell empfundenen Krise als direkte Antwort und Intervention eingeführten Verhaltensregulationen längerfristig die Art und Weise, wie wir einander begegnen, ohne dass es dann gesetzliche Verordnungen und Strafandrohung braucht, und die Art und Weise, wie wir wahrnehmen, denken, fühlen? Wenn nicht: Wie lange wird es wohl dauern, bis wir angstfrei und ambivalenzarm engsten Körperkontakt mit Fremden in der Öffentlichkeit genießen können? Als geborener Münchner geht hier natürlich der Blick aufs Oktoberfest 2020 (oder, realistischer wohl, eben erst 21, 22, 23). Was für eine Vorstellung!

Anmerkungen
[1] Elias, N. (1969). Über den Prozeß der Zivilisation: soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2. Wandlungen der Gesellschaft: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Marburg: Francke, S. 377.

Phil Langer ist Professor für Psychoanalytische Sozialpsychologie und Sozialpsychiatrie an der IPU Berlin. Er forscht viel im internationalen Kontext, etwa zu Psychosocial Needs of Former ISIS Child Soldiers in Northern Iraq, The Afghan Youth Project, What Helps the Helpers? Responding to Staff Care Needs in Fragile Contexts und Trajectories of Flight and Migration and possible Constructions of a Future of young Refugees in in Germany. Derzeit ist er zu Gast an der Universität Wien, wo ihn auch die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie erreichten. In seinen Notizen berichtet er über sein Erleben während der Pandemie, zieht Querverweise zu Erfahrungen aus seiner Forschungspraxis und reflektiert mit sozialpsychologischem Blick das Weltgeschehen aus der forscherischen Innensicht der sozialen Isolation. Seine Betrachtungen beginnen am 20. März.