Phil Langer schreibt aus Wien – aus der sozialen Isolation, während der Ausbreitung der COVID-19-Pandemie, mit sozialpsychologisch geschultem Blick. Seine Gedanken schweifen durch persönliche Gefühle und Erlebnisse aus der Forschungspraxis. In Corona-Zeiten zeigt er uns aus der Innensicht, wie weit die Welt ist.

Shutdown. Auch in Wien. In ganz Österreich. Zwischen Ländern der Europäischen Union. Grenzen wurden wieder hochgezogen, Flüge ausgesetzt, gestrichen. Mein Partner Michael, der nur für ein Wochenende zu mir nach Wien auf Besuch kommen wollte, konnte nicht mehr zurück nach Rom, ist nun hier in Wien gestrandet, in dieser kleinen Wohnung, die eigentlich nicht für zwei ausgelegt ist. Ausgangsbeschränkungen, Ausgangssperren, Quarantäne. Über 600 Tote wurden heute aus Italien gemeldet. Ungebremste Ausbreitung in Deutschland. Heute auch in Bayern Ausgangsbeschränkung. Wer hätte sich diese Welt zu Beginn des Jahres vorgestellt oder auch noch vor einem Monat, in dieser Form einige wohl auch noch nicht einmal gestern. Social distancing, soziale Distanzierung. Sich fernhalten, es aushalten, überstehen. Wie lange kann eine Gesellschaft, noch dazu eine demokratisch verfasste, wie lange können das Menschen, nicht nur die sogenannten Millennials, für die das Ende der Welt vor Kurzem noch nahte, wenn Instagram oder Twitter kurzzeitig nicht erreichbar waren, ertragen? Aussetzung von Rechten, die das ausmachen, wofür Demokratie und die offene Gesellschaft stehen. Zusammenbruch wirtschaftlicher Teilbereiche. Verschlimmerung der Lage derjenigen, die eh ums Nötigste zu kämpfen haben aufgrund von Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit. Menschen ohne viel soziale Unterstützungsmöglichkeit, Menschen in psychischen Problemlagen?
Zwei Gedanken sind mir heute im Laufe des Tages wichtig geworden. Der eine nahm seinen Ausgang von einer kurzen konflikthaften Situation mit Michael in der Wohnung. Wir sind ja viel zusammen, auch nah, physisch, hier in der Wohnung, manchmal gehen wir raus, mal zusammen, mal jeder für sich, für ein paar Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde. In der Wohnung sind neue Nachrichten zur Pandemie omnipräsent, die Informationen überfluten einen, es ist wie ein Sog, von einer Internetseite auf die nächste und zurück, ich fühle mich paralysiert, unfähig, mich zu konzentrieren, aufs Lesen etwa oder auch aufs Schreiben. Konflikte seien in solchen Situationen vorprogrammiert, heißt es, Lagerkoller wird als Begriff dafür gewählt. Zu lange zu eng aufeinander, kein Ausweichen, Kleinigkeiten werden explosiv, Emotionen kochen hoch, suchen sich ein Ventil, etwas explodiert. Hier ist nichts explodiert, es war nur ein kleines Missverständnis, das für kurzen Unmut und ein paar ungeduldige Worte sorgte, aber genug, um sich Gedanken darüber zu machen, was hier warum passiert ist. Wir haben das Missverständnis behoben, indem wir uns kurz erzählt haben, vor welchem Hintergrund wir eigentlich was sagen wollten und zugleich implizit davon ausgegangen sind, dass der andere das doch auch wisse oder ihm es doch ganz klar sei. Und da wurde wieder einmal deutlich: context matters.
In der aktuellen Situation ist es unendlich wichtig, vielem, was wir sagen und tun, einfach zwei, drei Sätze hinzuzufügen, etwas zu erklären, eine gemeinsame Deutung der Situation zu ermöglichen. Warum ist das so? Information ist ja nicht gleich Kommunikation. Nicht nur kann die Flut von Nachrichten gar nicht richtig verarbeitet werden, weil ihr eine Einordnung, eine Deutung, ein Narrativ fehlt, die all die kleinen und großen Fragmente zu einer Sinneinheit zusammenbindet. Jeder schafft sich zudem seine eigene Welt, in der die Informationen je nach aktueller emotionaler Situation und kognitivem Schubladensystem unterkommen oder auch irgendwo lose rumschwirren, keinen Platz finden, Unruhe auslösen. Die Annahme einer allein aufgrund des Hineingeworfenseins in die gleiche Lage am gleichen Ort implizit geteilten Situationsdeutung geht fehl. Auch oder vielleicht gerade wenn man sehr nahe zusammen ist und jeder für sich überflutet wird und eben nicht zusammen Reflexionsmöglichkeiten schafft, um ein gemeinsames Narrativ zu entwickeln oder die Narrative im Dialog sich entwickeln zu lassen, wenn jeder im schweigsam-hysterisch-paralysierten Informationsoverkill und unter Austausch lediglich von Schlagzeilen oder Stichworten verbleibt, was ja durchaus auch hilfreich sein kann, um eine gegenseitige Ansteckung, einen affektiven Katalysatoreffekt zu verhindern.
Wenn der ruhige Dialog ausbleibt, dann zerbröckelt langsam das, was eine gemeinsame Welt als implizite und unbewusste und vor allem vertrauensvoller Übereinkunft vom gemeinsamen Erleben einer Situation ausmacht. Würde man nicht vermuten, dass in einer Zwangssituation physischer und sozialer Nähe, in der alle das gleiche zu erleben scheinen, die Impulse des Außen und der lebensweltlichen Bedingungen die gleichen sind, sich auch das Verstehen dessen, was man erlebt, ein sehr ähnliches sein sollte? Gerade auch bei Menschen, die sich vorher schon über lange Jahre sehr nahe waren? Wie erschreckend ist es dann zu bemerken, wie unterschiedlich etwas wahrgenommen, interpretiert wird, sich im Handeln zeigt. Wie viel Distanz ist gerade bei großer Nähe wichtig, um wirkliche Kommunikation zu ermöglichen, also einen Austausch von je individuell erfahrenem Fremden im Alltag, im Job, mit Freunden, Bekannten und Unbekannten, um den Anderen als Anderen immer wieder neu zu entdecken. Heidegger schrieb einmal von Entfernung als dem Nahen: Ent-Fernung.1 Ich reduziere Ferne. Dazu braucht es aber Distanz. Droht sonst nicht Überwältigung, die abgewehrt werden muss? Wie gehen wir in den kommenden Tagen und Wochen damit um, wie schaffen wir es, zwei Welten miteinander in Kontakt zu bringen in einer räumlich und sozial totalisierenden Alltagswelt?
Ein zweiter Gedanke beim Spazierengehen durch das sehr leere und sehr ruhige Wien. Depressiv schien die Stimmung mitunter oder apathisch, fatalistisch, unsicher, leer. Soziale Distanzierung allerorts, auf den Straßen, an den Ampeln, im Supermarkt, an der Kasse, wo andere auf ihre Distanzlosigkeit hingewiesen werden mussten und nicht immer verständnisvoll waren. Die Ruhe auf der Straße war ansteckend, Handys scheinen nicht mehr zu klingeln, nur sehr wenige telefonieren noch in der Öffentlichkeit. Menschen gehen auf Distanz zueinander.
Mein Berliner Kollege Thomas Kühn fragte in einer Whatsapp-Notiz so treffend, wie das denn gehe: Der Mensch, der doch ein soziales Wesen sei, sollte nun eben das Soziale meiden, das plötzlich existenzielle Risiken für ihn bedeuteten. Menschen mit Handschuhen, mit Mundschutz, besorgte Blick, ängstliche Bewegungen. Beim Gehen durch die Straßen fragte ich mich, wovor wir eigentlich Angst haben, wovor ich Angst habe. Was das Erschrecken oder Erschaudern ausmacht. Die Pandemie und Corona sind erst mal nur abstrakte Wörter. Infiziert zu werden, krank zu werden, gar zu sterben? Ich selbst kann nicht mal sagen, ob ich Angst davor habe oder nicht. Oder es sich mittlerweile so nah anfühlt, wie es das vielleicht sollte. Bewusste Angst habe ich nicht. Aber was ist mit den unbewussten Anteilen, die sich vielleicht anders äußern? Unwohl ist mir durchaus, weil ich nicht weiß, wie der Krankheitsverlauf bei mir aussehen würde. Eine chronische Grunderkrankung habe ich ja durchaus, aber keine, die die Atemwege betrifft. Macht das einen Unterschied?
Wenn es nicht zeitnah einen Impfstoff oder eine gut wirksame Therapie gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass ich infiziert werde. Wie so viele andere auch. Michael, meine, unsere Eltern, die eindeutig mehrere Merkmale der sogenannten Risikogruppen aufweisen. Eines der unbegreiflichen Phänomene: Wir fiebern Tag um Tag, ob es jetzt Duzende oder vielleicht auch Hunderte neu Infizierter geben würde, ob die Kurve abflacht oder nicht, aber – at the end of the day – wird es hier nicht um Dutzende oder Hunderte gehen, sondern Hunderttausende und Millionen. Die Skala der Infizierten, die länger im Bereich der Hunderter verlief, jetzt der Tausender verläuft, dürfte ohne Impfstoff selbst bei einer gewissen Eindämmung, örtlich wie zeitlich, bald ein paar Log-Stufen in die Höhe schnellen, die Zahl der Toten ohne wirksame Therapie ebenfalls. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hätte in ihrer Ansprache im Fernsehen2 wohl auch das sagen können: „Mit einer großen Wahrscheinlichkeit werden Sie sich anstecken. Wahrscheinlich wird das einigermaßen glimpflich verlaufen, aber ein Teil von Ihnen wird schwer erkranken, viele von Ihnen sterben oder Menschen, die Ihnen nah sind, verlieren.“ Hat sie nicht gemacht und wahrscheinlich ist das gut so. Aber selbst wenn die Kurve abflacht, wird es ohne einen Impfstoff oder eine wirksame Therapie (und auch danach in gewissem Ausmaß) neue Infektionen geben und neue Dynamiken, die immer wieder außer Kontrolle geraten werden, solang es nicht eine Zwangsdurchtestung der Bevölkerung und ein Wegsperren der positiv Getesteten gibt.
Demokratie wäre das dann nur noch begrenzt. Was aber wären die Alternativen? Aufrechterhalten des Shutdowns für eine lange Zeit, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten? Auch das ginge auf Kosten der Freiheitsrechte, einer offenen demokratischen Gesellschaft und würde zudem die Wirtschaft auf Dauer lahmlegen, was wieder Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben würde. Eher also nicht. Dann doch die erste Option? Oder doch die Position vertreten, dass Menschen eben sterben werden, dass es nicht anders gehe? Der Generationenkonflikt wäre zumindest vorläufig entschärft und die Rente wieder sicher, weil es am Ende kaum mehr Rentner_innen gäbe. Bei drei Prozent Sterblichkeit und 60 Prozent weltweiter Durchseuchung – was für ein Wort! – wären das fast 140 Millionen Tote. Einhundertvierzig Millionen, ein großer Teil davon – auch wenn das aktuell genau andersherum erscheint – wohl im globalen Süden. Der Spanischen Grippe werden etwa 50 Millionen zugerechnet, bloß war damals Weltkrieg und die gesundheitliche Versorgung konnte nicht mal ansatzweise mit der unsrigen mithalten.
Die Corona-Pandemie als vielleicht das erste wirklich globale kollektive Trauma aus der gemeinsam geteilten Erfahrung des Leidens und des Todes? Womit ich schon wieder sehr weit weg bin von meinem eigenen Befinden, abgeschweift in statistischen Prognosen und Gesellschaftsdiagnosen. Ich glaube, dass das, was ich als unaussprechliche Angst da draußen (und etwas auch da drinnen) zu vermerken meine, was meine Stiefmutter in einer Message heute als „Schockstarre“ bezeichnet hat, zwar auch mit der Angst vor dem Infiziertwerden mit all den möglichen Folgen zu tun hat – einer Angst vor dem Ungewissen, das sich auch aus dem psychohygienisch manchmal unumgänglichen Selbstverbot des Nach- und Weiterdenkens speist: Wie wird es mir gehen, wenn ich erst mal infiziert sein werde, wobei das „wenn“ kein konditionales, sondern ein temporäres ist.
Die Angst geht aber noch tiefer. Ich wollte schon vor Jahren das Buch geschrieben haben, hatte auch meine Antrittsvorlesung ursprünglich unter diesem Titel laufen lassen: Weltangstgesellschaft.3 Wobei es nicht nur und auch nicht einmal primär um die Ängste geht, die wegen globalisierten Kriegen, Terror, nun der Pandemie da draußen in der Welt sind, sondern um die Angst vor dem Verlust einer gemeinsamen Welt, die sehr reale Züge annimmt, wenn man sich nicht mehr begegnet, also real begegnet im Raum, im öffentlichen Raum, wenn die Selbstverständlichkeit des Dialogs, des Austausches abhandenkommt, wenn alle in ihren kleinen Welten keine gemeinsame Welt mehr herstellen können in den alltäglichen sozialen Interaktionen, in der Konfrontation mit dem Anderen, das mich dazu bringt, zu mir zu kommen und zu einem anderen zu werden. Shutdown und soziale Distanzierung hat ein Abbild in der Konzeption des Menschen als Homo Clausus.4 Wir verbleiben in unseren Welten oder vertiefen uns paranoid in die Echoräume virtueller Communities. Die Welt, wie wir sie kannten, ist in der Fragilität, die wir unterschätzen, zerbrochen. Sie wird eine andere sein nach der Pandemie, welche Option des Umgangs auch immer mit ihr gewählt wird. Wer jetzt von Resilienz spricht oder von post-traumatic-growth hat nichts verstanden, lebt immer noch in der Welt davor, wo diese Begriffe eine Bedeutung hatten.
Anmerkungen
[1] Heidegger, M. (1927). Die Räumlichkeit des Daseins. In J. Dünne & S. Günzel (Hrsg.) (2006), Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften (S. 141-152). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
[2] https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134
[3] Das habe ich dann ja später nachgeholt, an einem anderen Ort, zu einem anderen Anlass, einem Abschied: Langer, P. C. (2018, 21. Februar). Zur Weltangstgesellschaft - eine sozialpsychologische Diagnose. Vortrag am Klinik rechts der Isar. https://www.mri.tum.de/veranstaltungen/body-and-soul-zur-weltangstgesellschaft-eine-sozialpsychologische-diagnose
[4] Elias, N. (1998). Homo clausus: The thinking statues. In ders., On civilization, power and knowledge (S. 269-290). Chicago: University of Chicago Press.
Phil Langer ist Professor für Psychoanalytische Sozialpsychologie und Sozialpsychiatrie an der IPU Berlin. Er forscht viel im internationalen Kontext, etwa zu Psychosocial Needs of Former ISIS Child Soldiers in Northern Iraq, The Afghan Youth Project, What Helps the Helpers? Responding to Staff Care Needs in Fragile Contexts und Trajectories of Flight and Migration and possible Constructions of a Future of young Refugees in in Germany. Derzeit ist er zu Gast an der Universität Wien, wo ihn auch die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie erreichten. In seinen Notizen berichtet er über sein Erleben während der Pandemie, zieht Querverweise zu Erfahrungen aus seiner Forschungspraxis und reflektiert mit sozialpsychologischem Blick das Weltgeschehen aus der forscherischen Innensicht der sozialen Isolation. Seine Betrachtungen beginnen am 20. März.