Wer ist ein Antisemit? Psychoanalytische Überlegungen zu einer uralten Debatte
Die krIPU freut sich, den Psychoanalytiker, Psychiater und Historiker Eran Rolnik aus Tel Aviv willkommen zu heißen. In seinem Vortrag wird er über die traumähnliche Qualität des Antisemitismus sprechen und sich mit den Ereignissen und Folgen des 7. Oktobers 2023 befassen.
Zugegebenermaßen hat Antisemitismus etwas Unheimliches. Unabhängig von der akribischsten historischen Darstellung und trotz seiner tiefen Einschreibung in die Moderne beansprucht der Antisemitismus immer wieder den Platz eines Phantoms oder einer Metapher im Kopf, selbst wenn er einem unter die Nase gerieben wird; als wäre er durch eine hartnäckige Gedächtnisstörung vom Bewusstsein abgeschirmt. Mir kommen die Worte von Sigmund Freud in den Sinn, als er zum ersten Mal vor der Akropolis stand: »Das alles existiert also wirklich, so wie wir es in der Schule gelernt haben!« (Freud, 1936).
Antisemitismus entgeht leicht dem Bewusstsein und nimmt eine traumähnliche Qualität an. Seine Realität wird oft von Zweifeln begleitet oder kurzzeitig, am besten im Nachhinein, als Relikt aus der Vergangenheit erkannt, ja als etwas, das man »in der Schule gelernt« hat. Können die Ereignisse des 7. Oktober 2023 neue Perspektiven für manche seelische und gesellschaftliche Funktionen dieses Phänomens verschaffen?
Dr. Eran J. Rolnik ist Psychoanalytiker (Israel Psychoanalytic Society, IPA), Psychiater und Historiker. Er ist Lehranalytiker und Supervisor am Max Eitington Institut in Jerusalem und lehrt als außerordentlicher Professor an der Universität Tel Aviv. In Israel ist er auch für sein beharrliches Engagement bekannt, die Öffentlichkeit für den Wert psychoanalytischen Denkens zu sensibilisieren, insbesondere für das Verstehen der sozialen und politischen Realität. Seine Artikel erscheinen in der Haaretz und bei The Times of Israel. Angesichts der internationalen Reaktionen auf den 7. Oktober kritisierte er die Unfähigkeit vieler Linker, auf die Gräueltaten der Hamas emotional und moralisch adäquat zu reagieren. Anfang November sorgte er für Aufsehen, als er in einem offenen Brief publik machte, aufgrund seiner kritischen Artikel über Benjamin Netanjahu von der National Service Commission verhört worden zu sein. Seine Studie Freud auf Hebräisch. Geschichte der Psychoanalyse im jüdischen Palästina (Vandenhoeck & Ruprecht, 2013) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt; zuletzt erschien Redekur – Psychoanalyse verstehen (Brandes & Apsel, 2023).