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„Jenseits der Selbsterhaltung. Der Todestrieb und die Arbeit des Negativen in Individuum und Kultur“

Veranstaltungsreihe der Initiative „krIPU": „Jenseits der Selbsterhaltung. Der Todestrieb und die Arbeit des Negativen in Individuum und Kultur“.

In gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zeigen sich häufig Tendenzen, statt auf eine Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse zu drängen, in destruktiven Nihilismus zu verfallen. Dieser ist einer gesellschaftlichen Ordnung inhärent, die sich einzig durch einen kontinuierlichen Zerstörungsprozess aufrechterhalten kann. Nur durch die Unterwerfung der inneren wie äußeren Natur weiß sie sich zu reproduzieren und ihre Ängste zu bewältigen. Angesichts falscher Verhältnisse lautet die traurige Einsicht dennoch, dass die durch parlamentarische Legitimation vermittelte Gewalt den Einzelnen ein vergleichsweise hohes Maß an Schutz bietet. Ihr unverschleierter Gegenpart, die unmittelbare Gewalt – das Recht des Stärkeren – in die beständig ein Umschlag zu drohen scheint, sorgt nicht für weniger Unversehrtheit. Oft ist der Preis, den die Einzelnen für diesen Schutz zahlen müssen, zu hoch.


Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Symptom, eine Kompromissbildung, die entgegen der alltagssprachlichen Auffassung keine »einzuhaltende und haltbare«, sondern vielmehr eine »als Zwang empfundene Übereinkunft« (Klaus Heinrich) darstellt. Die Legitimationskrisen dessen, was man – wer weiß wie lange noch – Westen nennt, verschärfen sich zunehmend. Wo Kritik aber auf die Aufhebung bürgerlicher Verhältnisse im Hegelschen Sinne abzielt, die auch eine Konservierung ihrer Errungenschaften meint, steht sie allerdings gegen das tabula rasa Machen. Nicht zuletzt, weil destruktiver Nihilismus sich mit blinder Zielgenauigkeit meist in einem auf Vernichtung zielenden Antisemitismus entlädt, der die Widersprüche der kapitalförmig organisierten Weltordnung an den Juden ausagiert und die Widersprüche einer staatlich organisierten Weltordnung an Israel.


Die Auseinandersetzung mit menschlicher Destruktivität zieht sich durch die Geschichte der Psychoanalyse: von Freuds Überlegungen zu Krieg und Tod und der Einführung des Todestriebs in Jenseits des Lustprinzips über die britische Psychoanalyse kleinianischer Prägung. Besonders hervor stechen hier die Arbeiten André Greens. Beide Strömungen integrierend, wendet er sich insbesondere den selbstdestruktiven Ausdrucksformen des Todestriebs zu, wie sie sich klinisch in schweren, suizidalen Formen der Depression oder der Psychose ausdrücken. Zentral ist die Bewegung der Entbindung in dem, was er als die Arbeit des Negativen begreift. Nicht nur ein Objekt wird angegriffen, sondern die psychische Funktion der Objektverbindung wird aufgelöst. Zu diskutieren ist, inwiefern seine Theorie auch nach außen gerichtete Destruktivität erfasst.


Der Todestrieb und die Arbeit des Negativen sollen in den drei Vorträgen unserer neuen Reihe besprochen werden. Ihr Titel »Jenseits der Selbsterhaltung« spielt auf die Aufhebung der ersten Freudschen Triebtheorie in der zweiten an, in der der Selbsterhaltungstrieb, den Freud zuvor noch dem Sexualtrieb gegenüberstellt, mit diesem als Lebenstrieb verschmilzt. Zudem markiert der Titel die Bedeutung der Frage der Selbsterhaltung in der Kritischen Theorie, die nachzeichnet, wie die zivilisationsgeschichtlich gewachsene Fokussierung auf die Selbsterhaltung in ihre eigene Zerstörung umschlägt. Leise klingt hier eine Utopie an: Es könnte ein Jenseits der Selbsterhaltung geben, in dem sich die Zivilisation ihrer nicht mehr in permanenter Wiederholung von Opferriten versichern muss, sondern dem, was sich als Versprechen im schönen Schein verheißt, widmen könnte.

Die KrIPU

Die krIPU ist eine studentische Initiative an der IPU Berlin, die sich regelmäßig trifft und Veranstaltungen organisiert, um die Möglichkeiten und Grenzen einer gesellschaftskritischen und politischen Psychoanalyse, ihre überschaubare Geschichte und ihre ungewisse Zukunft zu diskutieren. Interessierte sind eingeladen, sich in Verbindung zu setzen (krIPU).

Gefördert durch den StuRa.

Auf dem YouTube-Kanal der IPU Berlin können Sie sich Mitschnitte der vorangegangen Vortragsreihen ansehen.

Termine

Vom Verlöschen zur Beziehung - Von der Möglichkeit und der Unmöglichkeit des Todes im Psychischen

Referent:
Phillip Denzin

Weitere Informationen hier

Bilderwelten der Versteinerung – Konstellationen von Tod, Gestein und Körper

Referent:
Henri Armke

Weitere Informationen folgen.

»Hier ist kein Warum« – André Green und das radikal Negative der Shoah

Referent:
Jakob Eisemann

Weitere Informationen folgen.