Seminarzyklus: Das Körperselbst – Aufbau, Entwicklung, traumatische Desorganisation und Behandlung
Wir wohnen in unserem Körper und es ist klar, dass er zu uns selbst gehört. Gleichzeitig ist dieser Teil des Selbst – das Körperselbst – in der psychoanalytischen Begriffsbildung kaum berücksichtigt. Eine explizite und umfassende Theorie des Körperselbst liegt derzeit nur bei Dejours in Weiterentwicklung der Theorie von Laplanche vor und ist in deutscher Sprache noch kaum veröffentlicht. Im Seminar wird das Thema des Körperselbst in seiner lebenslangen Bedeutung entfaltet.
Dabei wird zunächst einmal die primäre sinnliche Interaktion zwischen Mutter und Kind beschrieben und herausgearbeitet, wie sich aus der Mutter-Kind Symbiose ein autonomes Selbst herauslöst, das vor allem ein Körperselbst mit klaren Grenzen ist und bleibt.
Zielsetzung
Diesem Entwicklungsschritt – der Separation aus der primären Symbiose und der Entwicklung eines autonomen Körperselbst – wird im Seminar viel Aufmerksamkeit gewidmet. Das Körperselbst löst sich aus der Phantasie eines einzigen symbiotischen Mutter-Kind-Körpers, einer Dualunion in einer einzigen Hauthülle (Anzieu) erst Stück für Stück heraus.
Gelingt dies nur unvollkommen, so bleiben unsymbolisiert im Körperselbst Beschädigungen zurück, die sich chronifizieren und jeden weiteren Entwicklungsschritt erschweren. Einerseits werden hier die spezifischen Beschädigungen des Körperselbst und deren ebenfalls körperlich organisierte Abwehrstruktur beschrieben: Zweithautbildung (Esther Bick) autistische Barrieren (Francis Tustin), verkapselte Körperengramme (Sebastian Leikert).
Andererseits wird die Wirkung solcher Körperselbst-Störungen auf weitere Entwicklungsschritte betrachtet:
- Beim Zwangscharakter dient die betonte Reinlichkeit und Berührungsscheu dem Absichern einer noch unklaren Selbstgrenze.
- In der Pubertät ist die Aufnahme der sexuellen Reifung des biologischen Körpers substantiell erschwert, wenn das Körperselbst gestört ist.
- Sexuelle Intimität bleibt verwirrend und potentiell retraumatisierend, wenn im sexuellen Rausch die Selbstgrenzen temporär aufgelöst werden.
- Mutterschaft wird in vielfacher Weise erschwert, wenn das Neugeborene nicht vom eigenen Körperselbst differenziert werden kann oder der Säugling eigene Traumatisierungen triggert.
Neben der Beschreibung der Entwicklung wird mit der somatischen Narration eine Arbeitsweise vorgestellt, die sich spezifisch diesen Strukturen zuwendet und eine nicht-deutende, auf Wahrnehmungsarbeit beruhende Akzentuierung des analytischen Prozesses darstellt (Seminar Juni 2023). Wahrnehmungslenkung und Präsenz der Analytikerin bietet den nicht intrusiven Rahmen dafür, dass die unterbrochene Separation des Körperselbst nachgeholt werden kann, ohne das voreilig in einen Symbolisierungsvorgang gedrängt wird, der die Bildung der Körperselbst-Grenze nicht fördert, sondern unterbricht.
Das Seminar ist theoretisch und kasuistisch ausgerichtet. Die Arbeit in Kleingruppen unterstützt darin, die diskutierten Konzepte mit der eigenen klinischen Erfahrung zu verbinden.
Zielgruppe
Das Blockseminar ist konzipiert für Psychotherapeut:innen in Anstellung oder in eigener Praxis, sowie für Studierende der IPU im Masterstudiengang (klinisch) und Mitarbeiter:innen der IPU-Ambulanz, sowie für Kandidat:innen der psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Institute.
Um eine gute Arbeitsatmosphäre zu gewährleisten ist die Teilnehmerzahl auf 25 begrenzt.
Das Seminar findet kontinuierlich mit zwei Terminen pro Jahr statt, bei denen jeweils ein Schwerpunkt – in diesem Fall das Körperselbst und seine Entwicklung – in den Vordergrund gestellt wird.
Literatur
Grundlage des Seminars sind die Bücher:
- Das sinnliche Selbst – das Körpergedächtnis in der psychoanalytischen Behandlungstechnik. Sebastian Leikert, Brandes und Apsel-Verlag 2019.
- Die analytische Haltung und das körperliche Unbewusste – Bemerkungen zu einer behandlungstechnischen Kontroverse. (2023) Jahrb. Psychoanal. (86) 37 – 65. (Link)