Die Wucht der Erinnerung: Zwischen Zeugnis und Zumutung
Interdisziplinäre Veranstaltungsreihe der IPU Berlin und AMCHA Deutschland e. V.
Die Vortrags- und Veranstaltungsreihe wird die unterschiedlichen Dimensionen des Zeugnisgebens nach der Shoah vor dem Hintergrund des Verschwindens der Augenzeug:innen thematisieren und sich mit Traumata und den psychosozialen Dimensionen befassen.
Auch 2026 setzen die IPU Berlin und AMCHA Deutschland e. V. ihre gemeinsame Vortragsreihe fort – bereits im dritten Jahr der Kooperation. In vier Abendveranstaltungen rückt diesmal der Schwerpunkt „Zeug*innenschaft“ in den Mittelpunkt: Wie lässt sich Zeug*innenschaft im Hinblick auf die Schoah heute denken, wenn die Zahl der Überlebenden weiter abnimmt? Welche Rolle spielen Bilder, Erzählungen, Weitergabe in Familien, Bildung und öffentliche Erinnerung – und welche psychosoziale Verantwortung folgt daraus?
Die diesjährige Reihe ist als Salonformat konzipiert. Nach kurzen inhaltlichen Inputs öffnet ein Dialog der Referierenden mit einer Person aus dem Vorbereitungskreis den Austausch behutsam in Richtung Publikum.
Die IPU Berlin und AMCHA haben die Reihe nach „Transgenerationalem Trauma begegnen“ (2024) unter dem Titel „Bilder, Bewältigung & Erinnerungskulturen“ (2025) weiterentwickelt und führen sie 2026 fort.
Termine
- 17. November 2026
Input von und Gespräch mit Aurélia Kalisky (Universität des Saarlands)
Beginnend mit der Frage nach einer Zeug:innenschaft der „zweiten“ oder „dritten Generation“ richtet Kalisky die Aufmerksamkeit darauf, was eigentlich weitergegeben wird, wenn Zeug:innenschaft selbst nicht vererbbar ist oder weitergegeben werden kann, ohne sich dabei in etwas in etwas anderes zu verwandeln. Was Nachkommen erben, sind vielmehr Geschichten und Schweigen, Zugehörigkeiten und Widersprüche, die Wahrnehmungen und Haltungen prägen.
Der Vortrag erkundet die unterschiedlichen Positionalitäten eines Subjekts, das mehrere, mitunter widersprüchliche historische Positionen erbt und zugleich in gegenwärtige gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse verstrickt ist. Dabei geht es auch um die Frage, wie ein solches Erbe die eigene wissenschaftliche Arbeit prägt. Denn für Kalisky bedeutet die Beschäftigung mit der Shoah und ihrer Erinnerung auch, die Wahrnehmung für gegenwärtige Formen von Gewalt und Unrecht zu schärfen und danach zu fragen, wie kollektive Identitäten – insbesondere nationale und staatliche – Ausgrenzung, rassistische Ideologien und genozidale Gewalt hervorbringen können, selbst wenn sie sich auf die Erinnerung an vergangene Verfolgung und erlittenes Unrecht berufen. Zugleich fragt sie danach, wie historische und gesellschaftliche Konfliktlinien bis in die Familie hineinwirken und wie ein gemeinsames Erbe zu radikal gegensätzlichen politischen und identitären Positionierungen führen kann. In diesem Wechselspiel zwischen individueller und kollektiver Geschichte, zwischen familiären Dynamiken und gesellschaftlichen Konflikten, wird eine psychosoziale Dimension des Erbens von Geschichte und Erinnerung sichtbar.
Aurélia Kaliskys Vater war Jude und überlebte die Shoah als verstecktes Kind in Belgien; ihre Mutter war nichtjüdische Deutsche und stammte aus einer Familie, zu der prominente Nationalsozialisten gehörten. Ausgehend von dieser doppelten Familiengeschichte fragt Kalisky danach, was es bedeutet, unterschiedliche, ja gegensätzliche Geschichten zu erben.
- 8. Dezember 2026, 18:30 Uhr
Input von und Gespräch mit Prof. Dr. Maria Böttche (FU Berlin)
Die Erfahrungen der Shoah wirken über die Generationen hinweg fort. Für Kinder und Enkelkinder von Überlebenden können sich historische Traumatisierungen mit eigenen belastenden oder traumatischen Erfahrungen und aktuellen gesellschaftlichen Bedrohungen verbinden. Der Input beleuchtet, wie sich diese unterschiedlichen Formen von Traumatisierung auf die psychische Gesundheit auswirken können und welche Faktoren dabei Vulnerabilität oder Resilienz begünstigen.
Maria Böttche ist Psychologin und Psychotherapeutin. Nach ihrem Abitur studierte sie Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Mai 2023 ist sie Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin.
Ihre Forschung beschäftigt sich vor allem mit der Behandlung von traumatisierten Menschen, insbesondere Kriegsopfern und Geflüchteten. Außerdem entwickelt sie digitale Möglichkeiten zur psychologischen Unterstützung
Die IPU Berlin organisiert diese Reihe zusammen mit Amcha Deutschland e. V. AMCHA wurde 1987 in Israel von Holocaust-Überlebenden gegründet und bietet psychosoziale Unterstützung für Überlebende und ihre Angehörigen; AMCHA Deutschland e. V. unterstützt diese Arbeit seit 1988 und bringt sie in die öffentliche und fachliche Auseinandersetzung in Deutschland ein.