Verhaltensbasierte Untersuchung emotionaler und motivationaler Bewertungsprozesse bei multipel-komplex traumatisierten Kindern – Mutige Kinder (MuKi)

Seit 2019 (laufend)

Prof. Tamara Fischmann (SFI/IPU) in Kooperation mit Prof. Patrick Meurs (SFI)
Gefördert durch das IDeA-Zentrum Frankfurt

Projektbeschreibung

Das Projekt „MuKi“ ist ein Projekt zur grundlagenwissenschaftlichen Erforschung von Entwicklungsrisiken im sozio-emotionalen Bereich mit dem Ziel, abweichende Entwicklungsverläufe auf der Basis emotionaler Prozesse und ihre Auswirkungen auf Erwartungs- und Bewertungsprozesse und damit auf ihre individuelle Lernentwicklung zu untersuchen. Langfristig können diese Erkenntnisse in die Entwicklung von Frühpräventionsmaßnahmen einfließen. Ziel des Projekts „MuKi“ ist die Beforschung von multipel komplex-traumatisierten Kindern, die aufgrund ihrer psychosozialen Entwicklung besonders Defizite im emotionalen Bereich aufweisen. Kinder mit multipel komplexer Traumatisierung sind durch häufige Beziehungsabbrüche zu primären Bezugspersonen und frühe aversive Erfahrungen geprägt. Sie können in Alltagssituationen emotional entgleisen, da sie diese fälschlicherweise als existentiell bedrohlich bewerten. Kinder, die multipel komplex-traumatisiert sind, zeigen in solchen Situationen häufig (auto-)aggressives Verhalten oder ziehen sich aus sozialen Situationen zurück (Weinberg, 2010), vermutlich um nicht in Situationen zu geraten, die sie emotional überfordern und die sie nicht regulieren werden können (Weinberg, 2010, S.37). Es ist davon auszugehen, dass multipel komplex-traumatisierte Kinder eine erhöhte Erwartungs-Ängstlichkeit und Emotionsvermeidung zeigen, welches sich im Folgenden spezifisch auf ihre Belohnungsverarbeitung auswirkt und damit letztendlich auf ihr psychosoziales und emotionales Erleben und Verhalten. Ziel ist ein besseres Verständnis der Verarbeitung von Belohnungserwartung und -bewertung und deren Auswirkung auf Verhalten bei diesen Kindern zu erlangen.

Bei Kindern ist über die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Erwartungs- und Bewertungsprozesse der Konsequenzen, die auf ein Verhalten folgen, wenig bekannt. Studien an Erwachsenen mit psychischen Störungen konnten zeigen, dass traumatische Erfahrungen mit veränderten Erwartungs- und Bewertungsprozessen assoziiert sind (Cella et al., 2010; Sebold et al., 2014), was wesentlich zur Genese von psychischen Störungen beitrug (Huys et al., 2015). Zu untersuchen, wie Bewertungsprozesse nach früher und chronischer Traumatisierung bei Kindern verändert sind, ist Ziel dieses Forschungsprojekts. Dadurch soll ein besseres Verständnis der Genese psychischer Entwicklungsstörungen erreicht werden. Dieses Verständnis ist für die Entwicklung spezifischer Präventionsangebote für multipel komplex-traumatisierte Kinder wesentlich. Diese Kinder erlebten häufig auch Misshandlungen, unter denen sie wiederholt todesnahe Ängste empfanden. Es ist anzunehmen, dass sie dies in einen Zustand der Übererregung versetzt (Schore, 2001). Um emotional nicht überflutet zu werden und ihr Überleben zu sichern kann es bei diesen Kindern dazu kommen, dass sie emotional abschalten, wenn sie neuen und unsicheren Situationen ausgesetzt sind. Diese Emotionsvermeidung gleicht einer Schutzreaktion vor einer erneuten Traumatisierung, die sie aufgrund ihrer traumatischen Vorerfahrungen erwarten (Weinberg, 2010, S. 55).

Multipel komplex-traumatisierte Kinder, sogenannte „Systemsprenger“, fallen in unserem Gesundheitssystem nicht selten durch das Raster und werden häufig mangels eines umfassenden Verständnisses ihres emotionalen Erlebens mit unterschiedlichen Behandlungsansätzen auf unterschiedliche Diagnosen hin stationär behandelt. Es ist schwer für diese Kinder zur Ruhe zu kommen, was die Voraussetzung für eine positivere psychosoziale Entwicklung ist. Der Film „Systemsprenger“ (Hartwig et al., 2019) zeigt in eindrucksvoller Weise, welche Schwierigkeiten multipel komplex-traumatisierte Kinder beim Lernen aufweisen und wie bedrohlich wohlwollende Beziehungsangebote vor dem Hintergrund ihrer aversiven Vorerfahrungen auf sie wirken.

Infolge traumatischer Erfahrungen zeigen Menschen und sogar auch Tiere Schwierigkeiten Erwartungsängstlichkeit und Vermeidungsverhalten entgegenzuwirken oder aufzulösen (Milad et al., 2009; Jovanovic et al., 2010). Auswirkungen von früher Traumatisierung können zu einer Zunahme von konditionierten Angstreaktionen und Vermeidungsverhalten führen und damit wichtige soziale, aber auch kognitive Lernprozesse stören. In der Folge ist davon auszugehen, dass der Erwerb wichtiger psychosozialer Fähigkeiten ebenso gestört ist. Die bestehenden Hilfeangebote von Jugendämtern und Kinderärzten zielen allerdings auf bereits erworbene soziokognitive Fähigkeiten ab sowie den Erwerb neuer Kompetenzen. Sind basale Lernprozesse jedoch gestört, gilt es Angebote zu entwickeln, die zunächst eine positive Erwartungshaltung traumasensibel fördern, um Lernen erst zu ermöglichen (Zimmermann, 2019)