Jürgen Körner

Präsident der IPU von 2009 bis 2012 – Die Gründungsjahre der IPU

Wozu entwickelten wir, Christa Rohde-Dachser und ich, die Idee, eine psychoanalytische Universität zu gründen? Nach unserer Erfahrung war die Psychoanalyse in den letzten 30 Jahren zunehmend von den Universitäten verschwunden, und zwar vor allem aus der Klinischen Psychologie. Wir waren (und sind) aber überzeugt, dass erst die Präsenz der Psychoanalyse in der universitären Forschung und Lehre ihre Zukunft als therapeutische Methode und als Kultur- und Sozialwissenschaft sichern wird. Wir verfolgten mit der Gründung der IPU also weniger das Ziel, die psychoanalytischen Ausbildungsinstitute mit Ausbildungskandidaten zu versorgen, sondern vielmehr die langfristige Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, der sich an den Hochschulen erfolgreich bewerben kann.

Die Gründung einer in Deutschland bis dahin einmaligen Universität war eine sehr reizvolle Aufgabe. Wie soll die neue Universität heißen? Wo wird sie sich ansiedeln? Welche Studiengänge wird sie anbieten? Wie wird sie sich finanzieren, da vom Land Berlin keine finanzielle Unterstützung zu erwarten war?1 Werden sich trotz hoher Studiengebühren hinreichend viele Studierende einschreiben?

Wir haben diese Fragen, rückblickend betrachtet, befriedigend und auch mit etwas Glück beantworten können. Der Name, International Psychoanalytic University IPU, war schnell gefunden, auch das corporate design und seine Farben. Den Standort an der Stromstraße in Moabit spielte mir der Zufall in die Hände; er erwies sich als ideal, fast schon romantisch am Spreeufer gelegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Günstig war es, dass die Gebäude weitgehend leer standen, so dass wir uns dort mit der rasch wachsenden IPU schrittweise ausbreiten konnten.

Wir begannen mit dem Studiengang MA Klinische Psychologie/Psychoanalyse. Den Master of Arts wählten wir, weil wir die Psychoanalyse nicht als Naturwissenschaft (also als MSc) betrachten, sondern den Kultur- und Geisteswissenschaften zurechnen. Das war zunächst ein viersemestriges Vollzeitstudium, später kam eine berufsbegleitende Teilzeitvariante hinzu. Parallel dazu richteten wir zwei psychoanalytisch orientierte, berufsbegleitende  Weiterbildungsstudiengänge an: Zunächst mit dem Schwerpunkt Frühe Hilfen, Frühförderung und wenig später Beratung und Psychoanalytische Kulturwissenschaften. Außerdem ermutigte uns das wachsende Interesse am Masterstudiengang Klinische Psychologie/Psychoanalyse ermutigte uns, schon im Wintersemester 2010 auch einen Bachelorstudiengang Psychologie anzubieten.

Obgleich die Trägerstiftung einen starken finanziellen Rückhalt bot, erschien uns die Gründung einer privaten Universität zunächst doch als sehr riskant. Deswegen hatten wir zu Anfang nur den sehr bescheidenen Plan verfolgt, an Universitäten, die noch keinen Master Psychologie anboten, einen MA Klinische Psychologie/Psychoanalyse einzurichten und zu betreiben. Diese kleine Lösung hätte unsere Risiken sehr begrenzt. Ich habe an den Universitäten Hannover und Siegen Gespräche derartige Angebote unterbreitet, aber wir haben auch wegen fachlicher Differenzen davon Abstand genommen. Außerdem vermuteten wir, dass der Standort Berlin selbst auch die Anziehungskraft der neuen Universität erhöhen wird. Nach diesem kleinen Umweg entschlossen wir uns dann doch zu dem Wagnis, eine eigene private psychoanalytische Universität in Berlin zu gründen.

Es war nicht absehbar, ob sich genügend viele Studierende trotz der hohen Studiengebühren einschreiben würden, zumal es allein in Berlin damals schon zwei große Universitäten gab mit Masterstudiengängen Psychologie – selbstverständlich kostenfrei. Wird der psychoanalytische Schwerpunkt attraktiv genug sein, oder werden sich vor allem Interessenten bewerben, die an staatlichen Hochschulen am numerus clausus gescheitert waren?

Die meisten Studierenden, die wir in meiner Amtszeit aufnahmen, begründeten ihre Bewerbung mit ihrem besonderen Interesse an der Psychoanalyse. Nicht selten waren sie von Verwandten, die als Psychoanalytiker arbeiteten, ermutigt worden und durften sich auf die Unterstützung durch ihre Familien verlassen.

Wir entschieden uns für ein aufwendiges Zulassungsverfahren, mochten uns auf die prädiktive Validität eines numerus clausus nicht verlassen. Stattdessen baten wir alle Bewerber zu einem ausführlichen Einzelgespräch, das auch nicht selten zur Ablehnung führte, wenn uns die Motive und die Eignung der Bewerber unklar geblieben waren. Schließlich begannen wir im ersten Semester 2009/2010 mit 74 Studierenden.

Als Hochschullehrer wünschten wir uns natürlich psychoanalytisch orientierte Wissenschaftler(innen), die möglichst habilitationsäquivalente Leistung vorweisen konnten. Einige von denen, die in Frage gekommen wären, waren an in- oder ausländischen Hochschulen gebunden und mochten ihre Stellen vielleicht doch nicht zugunsten einer unsicheren Zukunft an der IPU aufgeben. Jüngere Wissenschaftler zögerten wohl, weil noch nicht abzusehen war, ob eine berufliche Mitwirkung an der IPU ihrer weiteren Karriere nützlich sein würde oder nicht. Glücklicherweise konnten wir einige Professoren gewinnen, die sich kurz nach ihrer Emeritierung zur Verfügung stellten und fachlich fraglos qualifiziert waren – wie Horst Kächele und Rainer Krause. Das sollte für die sich anschließenden Prozesse der Akkreditierung von Bedeutung sein. Wir starteten 2009 mit 10 Professor(inn)en, einige von ihnen, insbesondere auswärtige, besetzten Halbtagsstellen.

An die Eröffnungsfeier am 28. November 2009 kann ich mit gut erinnern. Otte Kernberg hielt eine Rede über „Psychoanalysis in the University: Contributions and challenges“. Er gratulierte uns zur Gründung der IPU und freute sich mit uns über die Aufbruchsstimmung, die insbesondere von den anwesenden, froh gestimmten Studierenden getragen wurde.

So verlief der Aufbau der IPU, die Entwicklung der Hochschulselbstverwaltung, die Zusammenstellung des wissenschaftlichen Personals und der Verwaltung weitgehend störungsfrei. Im Außenverhältnis jedoch stießen wir auf erhebliche Hindernisse. Zunächst wollte die Senatsverwaltung des Landes Berlin die IPU nicht als Universität, sondern nur als Fachhochschule anerkennen. In diesem Falle hätten unsere Absolventen nicht in die psychoanalytische Ausbildung aufgenommen werden können. Mit Hilfe eines rasch geschriebenen Forschungskonzeptes haben wir die Senatsverwaltung aber überzeugen können. Auch gelang es uns, die Bedenken zu zerstreuen, ob denn ein Studiengang „Klinische Psychologie/Psychoanalyse“ überhaupt als ein vollgültiges Masterstudium angesehen werden könnte.

Sehr viel schwieriger jedoch wurde es, unsere Absicht zu verwirklichen, zum MA Klinische Psychologie nicht nur Bewerber mit einem Bachelorabschluss Psychologie, sondern auch Absolventen erziehungs- oder sozialwissenschaftlicher Studiengänge zuzulassen. Diesem Vorhaben lag unsere Überzeugung zugrunde, dass das bisherige Psychologiestudium durchaus nicht die ideale Voraussetzung für die Aufnahme einer Psychotherapeutischen Ausbildung darstellt, vor allem dann nicht, wenn sich die Absolventen für eine psychoanalytische Ausbildung entscheiden.

Unser Konzept sah vor, dass auch Absolventen sozial- oder kulturwissenschaftlicher Studiengänge zu Beginn des Masterstudiums an der IPU eine Anzahl von „Brückenkursen“ erfolgreich zu absolvieren hatten, um ggfs. vorhandene Lücken im klinischen oder therapeutischen Grundlagenwissen zu schließen. Dieses Konzept fand beim zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales anlässlich einer Dienstbesprechung eindeutige Zustimmung. Leider widerrief das LaGeSo diese Zustimmung später und stützte sich dabei wohl auch auf gutachterliche Stellungnahmen konkurrierender Hochschulen.

Ich bedaure sehr, dass ich daraufhin zahlreiche Studierende enttäuschen musste, denen ich als Quereinsteiger einen vollgültigen Masterabschluss versprochen hatte. Da die IPU selber im Gegensatz zu ihrer Trägerin kein Klagerecht hatte, waren uns die Hände gebunden. Erst nach meinem Ausscheiden hatte eine Absolventin mit ihrer Klage in der zweiten Instanz Erfolg, so dass das Modell des Quereinstiegs heute rechtlich unangreifbar ist. Außerdem zwingt die jüngste Novelle des Psychotherapeutengesetzes ohnehin zu einer Veränderung des Psychologiestudiums ganz in unserem Sinne: Es zielt vom ersten Semester an auf den Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten und schließt u. a. sozial- und erziehungswissenschaftliche „Bezugswissenschaften“ ein.

Meine Amtszeit endete mit erfreulichen Entwicklungen: Eine extern in Auftrag gegebene Lehrevaluation bescheinigte unseren Lehrveranstaltungen eine hohe Qualität: Die IPU fördere, so das Gutachten, neben der Fachkompetenz insbesondere die „Personalkompetenz (Engagement und Interesse)“ der Studierenden, und zwar in deutlich stärkerem Maße als andere Universitäten. Die erste Akkreditierung als Universität gelang ohne Auflagen. Und noch im Mai 2009 wurde mir anlässlich eines Besuches beim Wissenschaftsrat die baldige Verleihung des Promotionsrechts in Aussicht gestellt, zumal wir aufgrund einer Kooperationsvereinbarung mit der HU schon die ersten Promotionen unserer Mitarbeiter(innen) abschließen konnten.

Vieles von dem, was wir in den ersten Jahren erreicht haben, kann ich hier nur andeuten: Die Einrichtung einer attraktiven Bibliothek und eines modernen Campus Management Systems, die Entwicklung internationaler Partnerschaften auch über den DAAD, der Start eines Promotionsprogramms, die Akquise von Deutschlandstipendien und die Gründung eines Vereins der Freunde und Förderer der IPU.

Sehr gern habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, an der Entwicklung der IPU mitzuwirken. Und ich danke den Vielen, die mitgeholfen haben, dieses Projekt zu verwirklichen.

1 Das Land Berlin erhielt damals aus dem „Hochschulpakt“ erhebliche Bundesmittel, um die wachsenden Studierendenzahlen bewältigen zu können. Ein Teil dieser Summe war auch den Studierenden der IPU zu verdanken, kam ihnen aber nicht zugute.