Stationäre Psychotherapie: Erleben Frauen und Männer die gleiche Therapie unterschiedlich

Finanziert durch: Drittmittelförderung Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG)

2015–2017 / Leiterin: Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber


Zusammenfassung

Depressive Erkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Dabei ist die Prävalenz bei Frauen deutlich höher (z.B. Busch et al., 2013) und es kommt häufiger zu einem chronischen Krankheitsverlauf (z.B. Essau et al., 2010). Depressive Frauen leiden stärker an begleitenden Ängsten, depressive Männer dagegen häufiger an komorbiden Suchterkrankungen und ihre Suizidrate ist höher.

Bei Männern und Frauen gibt es unterschiedliche Symptommuster, die möglicherweise verschiedene Subtypen der Depression repräsentieren (Karger, 2014). Während Frauen scheinbar mehr "klassische" depressive Symptome zeigen, neigen Männer z.B. zu mehr Aggression, Risikoverhalten, Kontaktreduktion und Substanzabusus (Martin et. al, 2013). Geschlechtsunterschiede im Krankheitsbild der Depression werden als eine Ursache für das Unterdiagnostizieren der Depression und verminderter Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern gesehen und könnten auch mit einem unterschiedlichen Erleben von Psychotherapie und Effektivitätsunterschieden verschiedener Therapieformen einhergehen.

Um dies zu untersuchen werden Daten aus einer stationären psychodynamischen Psychotherapie von depressiven Männern (N=195) und Frauen (N=453) ausgewertet und sowohl Geschlechtsunterschiede in der Symptomatik und begleitenden interpersonellen Problemen analysiert, als auch in der Wirksamkeit der stationären Therapie sowie in der Bewertung verschiedener Behandlungsaspekte und Therapieformen (z.B. Einzel-, Gruppen-, kreative Therapien etc.).

Trotz der insgesamt kargen Evidenz zur Wirksamkeit stationärer psychodynamischer Therapie (Liebherz & Rabung, 2010) konnte in zwei vorhergehenden Studien zur hier untersuchten stationären Therapie bereits deren Wirksamkeit nachgewiesen werden (Huber et al., 2009; Herrmann & Huber, 2013). Vorläufige Analysen einer Teilstichprobe deuten darauf hin, dass Geschlechtsunterschiede in der Veränderung durch eine unterschiedliche Symptombelastung zu Therapiebeginn erklärbar sind. Männer und Frauen scheinen die Behandlung insgesamt unterschiedlich hilfreich zu bewerten. Analysen der Beurteilung unterschiedlicher Behandlungsangebote stehen noch aus.

In einer längerfristigen Perspektive sollen prospektiv die unterschiedlichen Formen von Depression, insbesondere basierend auf der Typologie des Psychoanalytikers S. Blatt, anaklytisch vs. introjektiv, erhoben und ihre Auswirkung auf den Therapieerfolg untersucht werden. Ein größeres Wissen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten könnte bei der Frage nach der Notwendigkeit einer geschlechtssensiblen Psychotherapie bei Depressionen hilfreich sein.

Vortrag

Fizke, E., Müller, A., Huber, D. (2016). Geschlechtsspezifika im Krankheitsbild und im Ansprechen auf eine stationäre psychodynamische Psychotherapie bei depressiven Patienten. Jahrestagung Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin, März 2016, Potsda

Projektteam

Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber
International Psychanalytic University
Stromstraße 3b, 10555 Berlin und
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Klinikum München
dorothea.huber(at)ipu-berlin.de

Dr. Axel Müller
Dr. Ella Fizke
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum München

Literatur

  • Blatt, S.J., Schaffer, C.E., Bers, S.A., & Quinlan, D.M. (1992): Psychometric properties of the Adolescent Depressive Experiences Questionnaire. Journal of Personality Assessment, 59, 82–98.
  • Busch, M.A., Maske, U.E., Ryl, L., Schlack, R. & Hapke, U. (2013). Prävalenz von depressiver Symptomatik und diagnostizierter Depression bei Erwachsenen in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt 56, 733–739. doi: 10.1007/s00103-013-1688-3
  • Essau, C.A., Lewinsohn, P.M., Seeley, J.R., Sasagawa, S. (2010). Gender differences in the developmental course of depression. J Affect Disord 127, 185–190. doi:10.1016/j.jad.2010.05.016
  • Herrmann, A. S. & Huber, D. (2013). Was macht stationäre Psychotherapie erfolgreich? Der Einfluss von Patienten- und Behandlungsmerkmalen auf den Therapieerfolg in der stationären Psychotherapie. Z Psychosom Med Psychother 59, 273–289.
  • Huber, D., Albrecht, C., Henrich, G. & Klug, G. (2009). Langzeit-Katamnese zur Effektivität einer stationären psychodynamischen Psychotherapie. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 55, 189-199.
  • Karger, A. (2014). Geschlechtsspezifische Aspekte bei depressiven Erkrankungen. Bundesgesundheitsblatt 57, 1092–1098. doi: 10.1007/s00103-014-2019-z
  • Liebherz, S. & Rabung, S. (2013). Wirksamkeit psychotherapeutischer Krankenhausbehandlung im deutschsprachigen Raum. Eine Meta-Analyse. Psychoth Psych Med 63. 355-364. Doi: 10.1055/s-0033-1337909
  • Martin, L.A., Neighbors, H.W., & Griffith, D.M. (2013). The experience of symptoms of depression in men vs women: analysis of the national comorbidity survey replication. JAMA Psychiatry 70, 1100–1106. doi:10.1001/jamapsychiatry.2013.1985.