Prof. Dr. Annette Streeck-Fischer

Psychoanalytische Entwicklungstheorien, Diagnostik

IPU Berlin
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10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-712
E-Mail: annette.streeck-fischer(at)ipu-berlin.de

In meiner klinischen Arbeit habe ich viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene kennengelernt, die in ihrer Entwicklung schweren Belastungen und Traumata ausgesetzt waren. Die vielfältigen Entwicklungstheorien, die aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven formuliert sind, sind nicht nur im Hinblick auf normale Entwicklungen und Entwicklungsbedingungen hilfreich, sondern auch für die klinische Praxis unverzichtbar. Sie zeichnen die Wege der Entwicklung hin zu Gesundheit oder psychischer Krankheit von jungen und älteren Menschen nach und können deren zeitliche Abfolge erklären.

In meiner Lehre zur Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie vermittle ich den Studierenden die theoretischen Konzepte der Entwicklung mit anschaulichen Beispielen aus meiner klinischen Praxis. Von Bedeutung sind dabei sowohl die klassischen psychoanalytischen Entwicklungstheorien als auch neuere komplexere Theorien, die zum überwiegenden Teil durch Forschungsergebnisse gestützt sind. Ebenso wie neurobiologische Befunde zur Entwicklung bilden sie eine Grundlage für moderne diagnostische und therapeutische Verfahren.

Die Diagnostik psychischer Störungen ist ein zweischneidiges Schwert. Freud hat seinerzeit betont, dass die Grenzen zwischen Normalität und Pathologie fließend seien. Die heute verwendeten diagnostischen Klassifikationssysteme zeigen eine Tendenz zur Pathologisierung auffälligen Verhaltens. Entsprechend hat, wie von vielen Seiten kritisiert, die Zahl der Diagnosen, mit denen Auffälligkeiten als krankhaft definiert werden, in den vergangenen Jahren stetig zugenommen.

Die klinische Diagnostik von psychischen Störungen stützt sich auf zähl- und messbare Befunde, die als Krankheitsindikatoren gelten einerseits und eine ganzheitliche psychoanalytische Wahrnehmungseinstellung, die  sinnliche Eindrücke, Aspekte der Beziehungsgestaltung und Gegenübertragung sowie der interpersonellen Interaktion in die Diagnostik mit einbezieht. Dabei werden auch Vorurteile oder reflexhafte Reaktionen ebenso wie reale Fakten und Wiederholungszwänge als Quelle unbewussten Wissens genutzt.

Schwere Entwicklungsstörungen in Kindheit und Jugend gehen mit vielfältigen Beeinträchtigungen einher, die eine von der Genetik bestimmte Forschung lange Zeit nicht oder nur unzureichend erfassen konnte. Der Komplexität dieser Störungen wird in den diagnostischen Klassifikationssystemen kaum erfasst. In der klinischen Arbeit mit schwer gestörten Kindern und Jugendlichen stehen wir immer wieder vor der Frage, wie eine hilfreiche und dieser Komplexität Rechnung tragende psychotherapeutische Behandlung aussehen sollte. Das ist zumal dann der Fall, wenn den jungen Patienten Räume der Reflexion nicht verfügbar sind und ihre Beeinträchtigungen nicht mit Worten ausgedrückt, sondern im Handeln dargestellt werden. Als weitere Komplikation kommen kognitive sowie sensomotorische Einschränkungen hinzu. Unsere Untersuchungen zur ADHS und ihrer Behandlung im Rahmen einer naturalistischen Therapiestudie lassen die Vielfalt der körperlichen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen der Patienten erkennen.

Ein besonderer Schwerpunkt meiner Forschung ist die therapeutische Praxis.  Aktuell entwickeln und evaluieren wir psychotherapeutische Konzepte für jene Adoleszente, die bereits im Jugendalter die diagnostischen Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erfüllen und komplexe Traumatisierungen aufweisen. Das Ziel dabei ist, diese Patientengruppe möglichst frühzeitig adäquat zu behandeln. Für die aus der Psychoanalyse abgeleitete psychoanalytisch-interaktionelle Methode (PIM-A) konnten wir bei jugendlichen Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im stationären Rahmen mit einer ersten randomisierten kontrollierten Studie nachweisen, dass diese Therapie eine wirksame Behandlungsoption darstellt. Zurzeit wird im Rahmen einer kleinen Therapiestudie in Berlin das bisherige stationäre Behandlungskonzept der psychoanalytisch-interaktionellen Methode (PIM-A) für Jugendliche mit Borderline-Persönlichkeitsstörung an das ambulante Setting angepasst und implementiert.

Bei der Angststudie für Kinder (ASK-Studie), die wir seit 2014 durchführen, handelt es sich um eine multizentrische Studie in Kooperation der drei Universitäten Berlin, Göttingen und Heidelberg mit dem Ziel, die psychotherapeutische Behandlung von Kindern mit Angststörungen zu erforschen und zu verbessern. Während die psychotherapeutische Behandlung von Angststörungen bei Erwachsenen und Jugendlichen mittlerweile recht gut erforscht ist, gibt es zur psychotherapeutischen Behandlung von Angststörungen im Kindesalter deutlich weniger Studien. An der ASK-Studie nehmen Kinder im Alter von 7-13 Jahren teil, die an Trennungsangst, einer Generalisierten Angststörung oder an einer Sozialen Phobie leiden. Die fokusbezogenen Kurzzeittherapien der jungen Patienten finden an der jeweiligen Hochschulambulanz sowie bei kooperierenden niedergelassenen Therapeuten statt. Auch hier handelt es sich um eine randomisierte kontrollierte multizentrische Studie.

Schließlich gelten meine Forschungsinteressen der Adoleszenz mit ihren Krisen und,neuen Identitätsausgestaltungen (z.B. Gender Diversity) sowie den Integrationsproblemen jugendlicher Migranten (z.B. #Me-Two)

2006 - 2009: Wissenschaftliche Begleitung des Projekts „Zeit für ein Kind“ im Rahmen der Bürgerstiftung Göttingen.

2007 - 2011: Durchführung einer randomisiert kontrollierten Therapiestudie von Jugendlichen mit Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen. Drittmittelfinanzierung: 132 000.- Euro durch den Förderverein für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie e.V. Krefeld

2009-2013: Therapiestudie mit Wartezeitkontrollgruppe von Kindern und Jugendlichen mit ADHS.

Ab 2014: Durchführung einer randomisierten kontrollierten Therapiestudie zu den verschiedenen Angststörungen im Kindes- und Jugendalter an der IPU im Verbund mit der Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttingen (Frau Salzer) und Universitätspsychiatrie Heidelberg (Frau Stefini)

2017: Machbarkeitsstudie zur ambulanten Psychotherapie von Jugendlichen mit Borderline Persönlichkeitsstörungen (zus. Mit Frau Salzer)