Prof. Dr. Dr. Michael B. Buchholz

Sozialpsychologie, Promotionsbegleitprogramm

IPU Berlin
Stromstr. 3b - Raum 1.05
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-745
E-Mail: michael.buchholz(at)ipu-berlin.de

Schwerpunkte in der Lehre

Studierende der klinischen Fächer verstehen menschliche Wesen meist als „von innen nach außen“ handelnde Wesen; sie lernen, dass Menschen von Trieben und Wünschen bestimmt sind und wenn sie diese abwehren, dass es zu einer Wiederkehr des Verdrängten kommt – in entstellter Form zeigt sich das Abgewehrte. Das ist jedoch nur die eine Seite der Münze.

Kommt ein Baby auf die Welt bringt es drei Fähigkeiten mit: es kann imitieren (Zunge rausstrecken), es kann scharf sehen im Abstand von etwa 26 cm und es interessiert sich am meisten für menschliche Gesichter, die es am längsten anschaut. Babys müssen nicht nur mit einer Riesenmenge an Information fertig werden, sie müssen v.a. ein Raster ausbilden, um diese Eindrücke irgendwie sortiert zu bekommen. Dazu, so hat es Daniel Stern einmal beschrieben, „studieren“ sie ihre menschliche und soziale Umwelt. Sie bilden kognitive Komplexität aus. Sie werden keineswegs passiv „geprägt“, sondern verhalten sich aktiv kompetent, viel kompetenter als man lange dachte. Sie sind und müssen es sein: soziale Wesen von Anfang an, weil sie sonst nicht überleben würden. Sie haben fürsorgliche Personen um sich, die genau darauf eingestellt sind. Dabei kann freilich sehr viel schief laufen.

Babys nutzen beim Aufbau kognitiver Komplexität (der unbewusst abläuft) ein Prinzip der Rekursion, das geradezu genial in der Evolution entstanden ist: man kann immer das gleiche tun und dabei entsteht geradezu eine Unendlichkeit an neuen Erfahrungen. Dies Prinzip der Rekursion ist dem Wiederholungszwang verwandt, erweitert aber diese Idee Freuds: es wird nicht nur wiederholt, sondern eben Neues kreiert. Rekursion gibt es genetisch, gibt es interaktiv, in Handlungen und im Sprechen. Ich möchte, dass Studierende in meinen BA-Begleitseminaren dieses Prinzip in sehr vielen Varianten kennenlernen und begreifen.

Man könnte zusammenfassend von der Theorie der zwei Nadelöhre sprechen:
Zum einen gilt, dass das Menschen das, was in ihrer sozial-kommunikativen Umwelt geschieht, sehr selektiv aufnehmen; sie interpretieren es gemäß erworbener, freilich unbewusster Deutungsschemata; alles was kommunikativ geschieht, muss durch das Nadelöhr der subjektiven Interpretation, um psychische Bedeutung zu erlangen. Umgekehrt gilt, dass alles, was psychisch geschieht, durch das Nadelöhr der Kommunikation hindurch muss, soll es im sozialen Leben Bedeutung erlangen. Dabei geht es keineswegs nur um intellektuelle, verbale Kommunikation, sondern um jede Form der sozialen Mitteilung, die bei der Kleidung anfängt und beim benutzten Jargon nicht aufhört.

Es kommen somit zwei Prinzipien hinzu:
Das Prinzip der selektiven Kraft kultureller Diskurse, die – ebenfalls wiederum unbewusst – bestimmten, was gehört und wie es aufgefasst wird; kulturelle Diskurse legen die basalen Differenzen fest (z.B. was „innen“ und was „außen“ ist)
Das Prinzip der Körperlichkeit, das sich weit über den biologischen Körper hinaus erstreckt bis in die „embodied schemata“, die bestimmen, was wir rezipieren und was wir dem „Abhub“ (Freud) überlassen.

Diese Prinzipien durchdringen und bestimmen alle meine Lehrveranstaltungen. In meiner Vorlesung sollen Studierende einen breit gefächerten Überblick sowohl über die akademische Sozialpsychologie, einige ihrer prominentesten Theorien und paradigmatischen Experimente bekommen und ebenso einen Einblick in die Traditionen der psychoanalytischen Sozialpsychologie und dies soll ihnen vermitteln, welche Erklärungskraft diese Konzepte haben, um sich in der modernen und sehr kompliziert gewordenen Welt zurecht zu finden. Es soll Studierenden auch deutlich werden, welche Erklärungskraft noch erarbeitet werden muss und man sich nicht auf den Leistungen der Vorgenerationen beschaulich ausruhen kann; denn die Definition dessen, was „Psychoanalyse ist“, muss in jeder Generation neu ausgehandelt werden (und das ist nicht leichter geworden).

Im Masterkurs dreht sich alles um die Tatsache, dass die klinische Beschäftigung mit dem Trauma eine Kehrseite hat, die in der Sozialpsychologie der Interaktion, der verfehlten Intersubjektivität (auch in manchen therapeutischen Entgleisungen) und schließlich der Gewalt liegt. Gewalt ist ein Element modernen Lebens in vielfach begegneten, aber auch in ebenso vielfach abgeblendeten Formen. Gewalt gibt es im Kleinformat von Interaktionen bis hin zu „hate speech“, in verbalen Formaten der Geringschätzung, der Verachtung bis zum „shit storm“, in institutionalisierter Form wie z.B. Degradierungszeremonien und schließlich zwischen und innerhalb von Staaten. Sie betrifft insbesondere weltweit etwa 60 Mio Kinder, die in armen und verelendeten Verhältnissen aufwachsen, denen Bildung verweigert wird, die als Arbeitskräfte verschlissen, als Soldaten gefährdet und als Sexarbeiterinnen versklavt werden. Mir will scheinen, bei vielen internationalen Hilfsprogrammen könnten psychoanalytische Kompetenzen für solche Kinder sinnvoll und nützlich eingebracht werden. Psychoanalyse muss sich nicht auf den Platz hinter der Couch beschränken.

Insgesamt hat die Sozialpsychologie an der IPU sich auf die Anregung von Prof. Langer hin vorgenommen, sich als Friedenspsychologie zu begreifen. Dazu ein reiches Wissen, einen vielfachen Methodenkanon auszubilden und dabei die Rolle der menschlichen Interaktion und Konversation ins Zentrum zu stellen, scheint mir ein lohnendes Ziel.

Schwerpunkte in der Forschung

Meine Forschungsprojekte seit 2013
2013-2015
“Conversational Aspects of the Unconscious”, gefördert von der International Psychoanalytic Association (IPA)

2014-2015 „Dancing Insight“, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Uli Reich (FU-Berlin)

2016 „Typical Problematic Situations“ (leider nicht gefördert, dennoch durchgeführt)

2014-2018 Forschungsprojekt: „Balance – Rhythmus – Resonanz“, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Gabriele Brandstetter (FU-Berlin), Prof. Dr. Andreas Hamburger (IPU), Prof. Dr. Uli Reich (FU-Berlin) und Prof. Dr. Christoph Wulf (FU-Berlin)

2014-2017Forschungsprojekt CEMPP („Conversation Analysis of Empathy in Psychotherapy Process“), gefördert von der Köhler-Stiftung

2018- jetzt: “Bio-psycho-social interactions during psychoanalytic first interviews - Understanding transference-countertransference and the body”, gefördert von der International Psychoanalytic Association (IPA)