Nachrufe auf Prof. Dr. Dr. Horst Kächele

Nachruf von Prof. Dr. Ilka Quindeau (Präsidentin), Prof. Dr. Birgit Stürmer (Vize-Präsidentin) und Dr. Rainer Kleinholz (Kanzler)

Nach langer, schwerer Krankheit ist am Sonntag, den 28. Juni 2020 IPU-Seniorprofessor Prof. Dr. Dr. Horst Kächele gestorben. Seit der Gründung der IPU vor zehn Jahren hatte er eine Professur (und seit 2019 eine Seniorprofessur) für Forschungsmethoden inne. Er hat sich um den Aufbau und die Weiterentwicklung unserer Universität besonders verdient gemacht, insbesondere im Hinblick auf die empirische Forschung und die Internationalisierung.

Wir verlieren in ihm einen Pionier der empirischen Psychotherapieforschung in der Psychoanalyse und einen leidenschaftlich engagierten, solidarischen Kollegen und warmherzigen Freund. Ihn zeichnete aus, dass er ebenso geduldig jungen Bachelorstudierenden zuhörte, wie er mit berühmten Fachkollegen auf renommierten Symposien für die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse stritt.

Die empirische Erforschung der analytischen Therapie lag ihm besonders am Herzen. So gründete er bereits zu Zeiten seiner psychoanalytischen Ausbildung in den 1970er Jahren die Ulmer Werkstatt für empirische Forschung. Von 1990 bis 2009 hatte er einen Lehrstuhl für Psychotherapie an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Ulm inne, wo er ab 1997 auch Ärztlicher Leiter war.

Mit Helmut Thomä, seinem Vorgänger am Ulmer Lehrstuhl, verband ihn die Forderung, dass die Hypothesen der Psychoanalyse sich empirisch bewähren müssen. Dies führte über Jahrzehnte zu leidenschaftlichen Kontroversen in der psychoanalytischen Community. Inzwischen besteht auch in der institutionalisierten Psychoanalyse Konsens über die Notwendigkeit empirischer klinischer Forschung. Das ist auch dem unermüdlichen Einsatz Horst Kächeles zu verdanken.

Mit Forschungsprojekten und Veröffentlichungen erwarb sich Horst Kächele breite nationale und internationale Anerkennung. Das zweibändige Lehrbuch Psychoanalytische Therapie und Praxis wurde zu einem internationalen Standardwerk und inzwischen in mehr als 23 Sprachen übersetzt. Bis zuletzt arbeitete er an einer Überarbeitung des zweiten Bandes und ihrer Übersetzung ins Englische. Sie wird demnächst im Psychosozial-Verlag erscheinen. Zahlreiche Preise wurden Horst Kächele verliehen; darunter der renommierte Sigmund-Freud-Preis für Psychotherapie im Jahr 2002 oder der „Nobelpreis der Psychoanalyse“, der Mary S. Sigourney Award der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung im Jahr 2004.

In vielfältiger Weise ließ er unsere Universität an seinen beeindruckenden, weltweiten Kontakten teilhaben. So förderte er von Anfang an die Arbeit des International Office der IPU und war ideenreicher Vorsitzender der Kommission Internationales, der insbesondere auch Lehrende wie Studierende des IPU-Balkannetzwerk „Social Trauma“ mit seinen Workshops, Seminaren, Gesprächen und Vorlesungen in Bosnien-Herzegowina, Serbien, Bulgarien und der Türkei begeistert und bereichert hat. Bis zuletzt war er als „secretary“ des International Advisory Boards der IPU engagiert. Schon in den neunziger Jahren war er Präsident der „Society for Psychotherapy Research“ und unterstützte den Aufbau der Therapieforschung in Lateinamerika. Leidenschaftlich engagiert war er auch bei der Förderung der klinischen Psychoanalyse in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in Osteuropa sowie in China.

Als engagierter Lehrer förderte er in großzügiger Weise Studierende und junge Wissenschaftler_innen. Seine Seminare zu den Methoden der Psychotherapieforschung waren gespickt mit reichen Erzählungen aus seiner Forschungserfahrung. Und natürlich mit einem überwältigenden methodischen Wissen, Humor und klinischer Weisheit.

Wir sind dankbar dafür, dass Horst Kächele ganz selbstverständlich mit uns seine Zeit, seinen unfassbar jung gebliebenen Geist, sein enormes Wissen und seine berührende Menschlichkeit geteilt hat. Horst, Du fehlst!

PS: Wir danken den Kolleg_innen Michael Buchholz, Tamara Fischmann, Carmen Scher und Marianne Leuzinger-Bohleber für ihre freundliche Unterstützung bei diesem Nachruf.

Nachruf von Prof. Dr. Christa Rohde-Dachser

Lieber Horst,

als mich die Nachricht von Deinem Tod erreichte, fiel mir unmittelbar das Gedicht von Gottfried Benn ein, dass ich ziemlich genau drei Jahre zuvor auf die Todesanzeige meines Mannes drucken ließ und eine davon auch Dir geschickt hatte. Es hieß „Letzter Frühling“.

Letzter Frühling

Nimm die Forsythien tief in dich hinein
und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen
mit deinem Blut und Glück und Elendsein,
dem dunklen Grund, auf den du angewiesen.

Langsame Tage. Alles überwunden.
Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
dann tragen dich vielleicht die Stunden
noch bis zum Juni mit den Rosen hin.

                                 Gottfried Benn (1954)


Du riefst mich daraufhin an und nahmst auf dieses Gedicht Bezug. „Jeder Mensch“, sagtest Du ganz selbstverständlich, „hat einen letzten Frühling“. Drei Jahre später war fast zur gleichen Zeit der Frühling auch für Dich zu Ende. Ich bin darüber sehr traurig und möchte Dir wenigstens auf diesem Wege sagen, was Du für mich bis zuletzt bedeutet hast. Zwei Ereignisse sind es, die dabei sofort in meiner Erinnerung auftauchen. Das erste hat mit Deiner Reaktion auf meinen Vortrag über die Psychodynamik der Hysterie auf der DGPT-Tagung 2007 in Lindau zu tun, das zweite mit unserer gemeinsamen Reise mit Studierenden der IPU und meinem Mann 2014 nach Teheran zu dem dort erstmals stattfindenden Psychoanalyse-Kongress, zu dem Du eingeladen warst.

Mein Vortrag über „Sexualität als inneres Theater. Zur Psychodynamik der Hysterie“ auf dem DGPT-Kongress in Lindau konzentrierte sich damals vor allem auf die Weigerung der HysterikerInnen, den letzten Schritt in Richtung Triangulierung zu tun und lieber an der Grenze zwischen mütterlicher und väterlicher Welt zu verharren, um sich auf diese Weise alle Möglichkeiten offen zu halten. Das Publikum war von dem Vortrag durchaus beeindruckt, bis Du, lieber Horst, Dich aus der vordersten Reihe der Zuhörer zu Wort meldetest und nach der hergebrachten Anerkennung für den interessanten Vortrag die Gretchenfrage stelltest, die praktisch alles, was ich gesagt hatte,  wieder in Zweifel zog. Deine Frage lautete, warum ich dabei die Bindungstheorie ausgeklammert hätte, die doch gerade bei der Entwicklung der Hysterie eine herausragende Rolle spielt. Mir war unmittelbar klar, dass Du damit Recht hattest, auch wenn es mir in meinem Vortrag eigentlich um etwas ganz Anderes gegangen war. Auf jeden Fall hätte ich die Einseitigkeit der Sicht in meinem Vortrag doch wenigstens erwähnen müssen. Gott sei Dank konnte ich den Impuls, mich dafür zu entschuldigen, aber gerade noch rechtzeitig unterdrücken. Stattdessen erklärte ich, dass mir die Bedeutung der Bindungstheorie für die hysterische Entwicklung durchaus geläufig sei, ich eine vertieftere Auseinandersetzung damit aber lieber anderen Kollegen überlassen wollte, die dafür versierter seien als ich und ich dabei vor allem an Dich gedacht hätte. Das Publikum reagierte darauf mit einem sichtlich befreiten Gelächter und ich hatte das Gefühl, dass wir mit dieser Antwort wieder quitt waren und wir uns von da an eher auf Augenhöhe gegenübertreten konnten, was bis dahin nicht immer der Fall war und sich dabei zumindest aus meiner Sicht eine immer tiefere Verbundenheit entwickelte.

Als Du Dich wenige Jahre später spontan bereit erklärtest, an der damals gerade neu gegründeten psychoanalytischen Universität in Berlin (IPU) mitzuarbeiten, sah ich das als einen ausgesprochenen Glücksfall an. Ich denke noch manchmal an die Abende in der Cafeteria der IPU zurück, in der wir noch vor ihrer offiziellen Eröffnung wieder einmal zusammensaßen, um uns über die Möglichkeiten einer psychoanalytischen Hochschule Gedanken zu machen und Du den Vorschlag einbrachtest, doch die psychoanalytische Traumforschung als einen Forschungsschwerpunkt an der IPU zu etablieren, was mir sehr gefallen hätte. Genau so engagiert wirktest Du aber später an der Etablierung der Psychotherapie-Forschung mit, die heute im Vordergrund steht. In der langen Zeit, in der Du seither an der IPU gelehrt und weitere Forschungsprojekte auf den Weg gebracht hast, habe ich Dich als einen psychoanalytischen Lehrer und Forscher ersten Ranges erlebt, der immer zur Verfügung stand, wenn man ihn brauchte und auch auf die Fragen der Studierenden immer eine weiterführende Antwort wusste. Das International Advisory Board der IPU mit so berühmten psychoanalytischen Forschern, wie Peter Fonagy, Otto F. Kernberg, Rolf Sandell, David Tuckett, Sverre Varvin und Marianne Leuzinger-Bohleber, das Du kurz vor dem ersten Besuch des Wissenschaftsrates an der IPU 2014 in wenigen Tagen aus der Taufe hobst, ist für die IPU nicht nur ein wichtiges Vorzeigeobjekt; es hat ihr auch eine Vielzahl von neuen Forschungsmöglichkeiten eröffnet, die in den folgenden Jahren immer weiter ausgebaut wurden. Mit gewohnter Zielstrebigkeit arbeitetest Du gleichzeitig weiter an der Aktualisierung Deines mit Helmut Thomä 1985 verfassten dreibändigen Standardwerks „Lehrbuch der psychoanalytischen Psychotherapie“, das mittlerweile in elf Sprachen übersetzt wurde und der Psychoanalyse auf diese Weise Eingang auch in Länder und Kulturen verschaffte, die bis dahin der Psychoanalyse eher fremd gegenüberstanden und die Du zusammen mit Studierenden der IPU auch immer wieder selbst bereist hast, um dieses Vorhaben weiter voranzubringen. Der Iran, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, ist eines davon.

Der Umgang mit Dir war auch für mich irgendwie immer etwas Besonderes. Wenn ich Dich in den ersten Jahren nach der Gründung der IPU zwischendurch in organisatorischen Fragen zu Rate ziehen wollte, trafen wir uns dazu entweder am Flughafen, wo Du gerade ankamst oder abflogst, aber auch, für mich etwas etwas gemütlicher, im Café Buchwald an der Spree. Wenn ich mir manchmal selbst an heißen Sommertagen nachmittags in einem benachbarten Café eine kleine Ruhepause gönnte, konnte ich Dir dort unverhofft auch mit Deinen Studierenden begegnen, die Du dort, gemeinsam Eis essend, weiter unterrichtetest, als ob ein solcher Szenenwechsel das Normalste von der Welt wäre. So warst Du einfach, mit immer neuen Ideen, oft auch kämpferisch in ihrer Durchsetzung, dabei jeder psychoanalytischen Indoktrination abgewandt, und immer hilfsbereit, wenn man jemand sich um Rat an Dich wandte. Die theatralische Aufführung der von Dir betreuten Masterarbeit von Lena Amende über die psychoanalytische Behandlung von „Amalie“ in einem extra dafür gemieteten Theater in Berlin war für mich ein bleibendes Erlebnis.

Nie vergessen werde ich auch, wie Du mich eines Tages bei einem gemeinsamen Mittagessen einludest, mit Dir und einer Gruppe von Studierenden der IPU zusammen nach Teheran zu fahren und dort den erstmalig stattfindenden Psychoanalyse-Kongress zu besuchen, zu dem Du als Vortragender eingeladen warst. Auf meine Nachfrage hin warst Du auch einverstanden, dass mein Mann, wie Du Psychiater und Psychoanalytiker, mit an der Reise teilnahm. Was daraus entstand, waren für mich bleibende Erinnerungen zunächst an Teheran und anschließend dem nördlichen Iran, wo die Religion auch im öffentliche Leben so stark das Sagen hatte, dass sogar der psychoanalytische Kongress in Teheran mit einem Lob an Allah und einer Sure aus dem Koran eingeleitet wurde, und wo wir von unseren persischen Kollegen im privaten Gespräch auch erfahren konnten, wie einengend auch die die politische Kontrolle war, die sich damit verband. Die Zugewandtheit und Gastfreundlichkeit der persischen Kollegen, die uns zu sich einluden, zeigte uns Persien aber auch noch von einer ganz anderen Seite.

In den vielen Gesprächen, die mein Mann und ich auf dieser Reise mit Dir und den Studierenden führen konnten, kam irgendwann die Rede auch auf unser Ferienhaus in Berkhof, und ich erzählte, wie ich dort schon während meiner Zeit als Professorin in Frankfurt immer wieder Psychodrama-Workshops veranstaltet hatte, von denen viele noch heute schwärmten. Meine Rede wirkte offenbar so verlockend, dass die Studierenden am Ende der Reise einstimmig den Wunsch äußerten, dieses Ferienhaus doch auch selbst einmal kennenzulernen. Mein Mann und ich haben diesem Wunsch entsprochen und alle Teilnehmer der Teheran-Reise für ein Wochenende nach Berkhof eingeladen. Es war ein unvergessliches Wochenende nicht nur mit den Studierenden, sondern insbesondere auch mit Dir, lieber Horst, mit vielem und gutem Essen und immer wieder neuen Fachgesprächen, mit denen Du auf die Fragen der Studierenden eingingst und dabei auch mit Informationen aus Deiner eigenen langjährigen Berufserfahrung nicht hinter dem Berg hieltest. Ich hatte Dir damals, anders als den Studierenden, die auf verschiedenen Couchen und Luftmatratzen nächtigten, statusgemäß ein Zimmer in einem benachbarten Hotel reserviert, von dem Du aber, je weiter der Abend voranrückte, umso weniger wissen wolltest. Schließlich übernachtetest Du in unserem Ferienhaus in einem viel zu kurzen Bett, das noch von meinem jüngsten, damals etwa zwölf Jahre alten Sohn stammte und bis jetzt noch nicht entsorgt worden war. Dich schien dies aber nicht weiter zu bekümmern,  und am nächsten Morgen wirktest Du  ausgeschlafen wie immer. Als ich Dich zwei Monate später anrief, um Dir frohe Weihnachten zu wünschen, sagtest Du mir am Telefon, dass es Dein schönstes Reiseerlebnis war, dabei meinen Mann und mich näher kennenzulernen. So etwas von Dir zu hören, war nichts, was man so leicht vergisst.

2014 erkrankte Deine Frau Beate schwer, und als Ihr beide diese Krankheit gerade überwunden glaubtet, verstärkten sich Deine Gehbeschwerden, bis man Dich irgendwann nur noch mit Stock durch die Gegend gehen sah – wie immer selbstbewusst und mit der verrinnenden Zeit konkurrierend und der IPU weiter zur Verfügung. Dass ich als Stifterin die Gelegenheit hatte, auch die Verfilmung von „Amalie“ finanziell soweit zu unterstützen, dass der Film noch kurz vor Deinem Tod fast fertiggestellt und Dir in dieser Form noch vorgeführt werden konnte, habe ich wie einen letzten Blumenstrauß erlebt, den ich Dir wenigstens auf diesem Wege noch überreichen konnte.

Nun hat nach langer schwerer Krankheit, die Du mit großer Tapferkeit ertragen hast, schließlich doch der Tod gesiegt. Drei Tage vor Deinem Tod riefst Du mich unerwartet noch einmal an und sagtest mir, wie immer kurz und bündig, Dank dafür, dass ich Dich an die IPU geholt und Dir damit den Raum geschaffen habe, dort weitere elf Jahre mit allem, was Du an Forschung und Lehre innerhalb der Psychoanalyse aufzubieten hattest, weiter zu wirken und Deine Erfahrungen an die dortigen Studierenden weiterzugeben. Mir war klar, dass dies das letzte Gespräch zwischen uns war, auch wenn wir nicht darüber sprachen, kurz und sachlich und doch auf ungemeine Weise rührend.

Mit diesem Nachruf danke ich Dir, lieber Horst, nun meinerseits für alles, für das, was Du für die IPU in dieser Zeit getan hast und für die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gemeinsam mit Dir machen konnte und für das fachliche ebenso wie menschliche Vorbild, was Du mir dabei warst. Was Du für die IPU getan hast, wird dort weiter wirken und Früchte tragen. Davon bin ich überzeugt.  

Ich werde Dich sehr vermissen.

Christa Rohde-Dachser

Nachruf von Prof. Dr. Michael B. Buchholz

Am 28. Juni, mittags um 13.20 ist unser Freund und Kollege, Prof. Dr. Dr. Horst Kächele in Ulm im Beisein seiner selbst erkrankten Frau Beate und im Kreis seiner Familie gestorben. Nach langem Leiden, so muss man hinzufügen. Eine Zeit, die er in bewundernswerter Tapferkeit damit verbrachte, die neue Auflage des „Ulmer Lehrbuchs“ zu überarbeiten; im Bett liegend, den Rechner auf dem Schoß. Ein Inbegriff der Hingabe an eine lebenslang verfolgte Aufgabe, dazu beizutragen, die Psychoanalyse auf der Höhe ihrer Zeit zu halten. Die drei Bände des „Ulmer Lehrbuch“, seit 1985 in mehr als 20 Weltsprachen übersetzt und neu aufgelegt, werden auch für einstige Historiker der Psychoanalyse ein Leitstern sein. Für Kliniker sind sie es jetzt schon.

Tatsächlich gab und gibt es kaum jemanden, der derartig weitgefächert über die vielfältigen theoretischen und klinischen Verzweigungen von längst geführten, hochinteressanten Diskussionen Bescheid wusste, der so reiche Bezüge zu Nachbarwissenschaften (v.a. Säuglingsforschung, aber auch Literatur, Neurowissenschaften, Sozialforschung und Philosophie) herstellen und dabei beständig auf Erfahrung aus erster Hand zurückgreifen konnte, denn er kannte einfach Gott und die psychoanalytische Welt, himmelweit und international. Kein Wunder, denn er, der schon als 17jähriger Freud las, bezeichnete sich amüsiert als „Frühstarter“ und hatte schon lange Wege hinter sich, wenn andere anfingen.

Die Art, wie Horst auf mehreren, gemeinsam an der IPU organisierten Kongressen die eingeladenen Vortragenden vorstellte, war davon beeinflusst. Er mied förmliches Ablesen von diesem und jenem, was jemand publiziert hatte, sondern genoss es sichtbar, wenn er die Großen aus persönlicher Erfahrung beschrieb, mit Wärme und Charme und zugleich einer unnachahmlich ironischen Distanz, womit er sich auch über sein eigenes Vergnügen, in deren Nähe zu stehen, amüsierte – und man musste über diese Variante des „Apud Sanctos“ unwillkürlich mitschmunzeln.  Apud Sanctos – das war die Formel für die, die „bei den Heiligen“, in oder nahe der Kirche, beerdigt sein wollten. Das hinderte ihn freilich nicht, sich mit der besten psychoanalytischen Höflichkeit, nämlich mit respektlosem Respekt, mit kräftiger Stimme zu Gehör zu bringen und sich einzumischen und manchmal seicht werdende Diskussionen kräftig aufzumischen. Wer darüber beim ersten Mal erschrak, erkannte sehr bald den großen Wert dieses mutigen Durchbrechens von falschen Rücksichtnahmen.

Horst, der Forscher, musste manchmal mit dem Gerücht kämpfen, er sei ja „kein Kliniker“. Nun, wer Tonaufnahmen seiner Behandlungen gehört hat, die er Forschern zur Verfügung stellte oder in Seminaren nutzte (immer mit Einwilligung), der wunderte sich. Horst war ein Kliniker ersten Ranges, mit Feingefühl, Sprachkunst, Klugheit und Takt. Vom „Emo-Talk“, der sich im Zeitgeist so weit in die allgemeine Öffentlichkeit vorgedrängt hat und Tiefe nur suggerieren kann, distanzierte er sich; das war ihm zu flach. Es stimmt ja auch; wer wie er Lehrer, Kollegen und Freunde wie Helmut Thomä hatte, oder Lester Luborsky und Merton Gill, der wusste, um was es im Behandlungszimmer geht, wie man es anpackt und wie man sich hilfreich für seine Patientin, seinen Patienten engagiert. Das haben alle, die ihn wirklich kannten, so gesehen. Er engagierte sich für seine Patienten, weil er die Psychoanalyse liebte, die sich natürlich in der Praxis bewähren muss.

Über die psychoanalytische Welt hinaus engagierte er sich in der SPR (Society for Psychotherapy Research), zu deren Mitgründern er gehörte und die er von Anfang an mit steuerte, deren Expertise er nach Ulm zog. Seit der unvergessenen ersten „Ulmer Werkstatt“ 1987 war Psychotherapieforschung in Deutschland mit seinem Namen, und zu jener Zeit v.a. mit dem der Psychoanalyse verbunden. Seine Verdienste um Beides, Forschung und Psychoanalyse, wurden geehrt durch den Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien 2002 und den Signourney-Award der IPV 2004. Weil er wusste, dass die Praxis der Psychoanalyse ein Sprechen und Schweigen ist und dazu in Ulm seit den 1980er Jahren mit Erhard Mergenthaler die „Ulmer Textbank“ aufgebaut hatte, promovierte er, der in seinen Sechzigern angekommene Mediziner, auch noch einmal in der Psychologie, natürlich über Themen der Kommunikation. Das war für ihn auch – ein Sieg über das Älterwerden.

Dass er diesen Kampf nicht wirklich würde gewinnen können, war klar. Er belebte und verausgabte sich dennoch – mit Förderung von Studierenden im In- und Ausland, mit der Bearbeitung seiner Texte und mit dem gemeinschaftlichen Schreiben an neuen Publikationen und gemeinsamen Reisen mit Promovenden nach Teheran, Moskau, Bukarest, Jerusalem, Istanbul. Eine Hingabe an die Sache, die ihresgleichen nur sehr schwer findet.

Wir wollen ihn ehren, indem wir ihn vermissen, um ihn trauern und uns anstecken lassen von seiner Ergebenheit an Psychoanalyse und Wissenschaft. Das mindert den Schmerz, wenn wir gewahr werden müssen: Horst, Du fehlst!

Prof. Dr. Michael B. Buchholz, Berlin/Göttingen

Nachruf von Prof. Dr. Heinrich Deserno

Mit einem Fest im Haus von Beate und Horst Kächele klang 1980 in Ulm die Forschungswerkstatt für empirische Therapieforschung aus. Horst stellte einen Band mit Carl-Loewe-Liedern auf den Flügel und schlug das Lied mit dem Titel Die Uhr auf. Ich war sehr berührt von der herzlichen Ausgelassenheit des Festes und beeindruckt von der engagierten, kritischen, aber nie rechthaberischen Diskussion der Forschungswerkstatt. Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung während der Forschungswerkstatt gehörte die anschließende Gastfreundschaft von Beate und Horst, mit Musik und Bewirtung beim geselligen Beisammensein in ihrem Haus in Ulm.

Jetzt, als ich die Nachricht von Horsts Tod am Sonntag, den 28. Juni erhielt, fiel mir dieser erste Abend in Ulm wieder ein. Das von Carl Loewe vertonte Gedicht Johann Seidls beginnt mit der Zeile: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, und am Ende heißt es über den Meister, der die Uhr hergestellt hat und das regelmäßige Ticken des Uhrwerks: Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn. Es liegt nahe, an das regelmäßig pochende Herz zu denken, das bei Horst jetzt aufgehört hat zu schlagen.

2014 erkrankte Beate schwer, aber sie erholte sich wieder, konnte mit Horst nach Berlin zu einer Veranstaltung der IPU kommen und anschließend mit vielen anderen gesellig beisammen sein. Dass nun Horst 2019 so schwer erkrankte, kam für alle überraschend und ist sicher über die Maßen schmerzlich für Beate, die Töchter und die Enkelkinder, denen mein Mitgefühl gilt.

Die Geschichte von der Uhr im Loewe-Lied, der Uhr, die regelmäßig tickt, aber am Ende stillsteht, bedeutete für Horst immer und zu jeder Zeit auch Zeitdruck. Immer ging es um die Zeit, die es zu nutzen galt. Das hat Horst stets getan. Ich denke traurig daran, dass sein Herz, und damit auch sein Engagement, seine Hingabe an die Psychotherapieforschung jetzt stillsteht.

Nach dieser für mich ersten Forschungswerkstatt in Ulm blieben wir in Kontakt. Ich war inspiriert von der empirischen Psychotherapieforschung, wie ich sie bei Thomä und Kächele kennen gelernt hatte und begann selbst mit der Tonbandaufzeichnung einer Analyse. Nachdem ich 1985 in Ulm Hartwig Dahl, Merton Gill und Lester Luborsky kennengelernt hatte, bildete ich eine Arbeitsgruppe, die sich auf die Auswertung der Transkripte mit dem Verfahren des Zentralen Beziehungskonfliktthemas (ZBKT, Luborsky) vorbereitete. 1993 war dann ein Transkript, die 290. Stunde aus der 1990 beendeten, von mir aufgezeichneten Analyse die Grundlage für eine Ulmer Forschungswerkstatt .

Die Prozessforschung, in die ich über die Ulmer Werkstätten gekommen war, konfrontierte die psychoanalytischen Theorien zur Übertragung, zum Arbeitsbündnis und dem therapeutischen Prozess mit der konkreten Realität von Therapieverläufen. Sie suchte danach, wie Veränderungen möglich werden. Von den dominierenden psychoanalytischen Konzepten war Horst nichts „heilig“. Für ihn gab es nicht die Suche nach dem „wahren, psychoanalytischen Prozess“. Er suchte nach der Verbindung von Theorie und Methode, oder wie Gottfried Fischer es ausdrückte, nach der Konvergenz von Logik und Empirie. Durch die Prozessforschung sollten Faktoren, welche eine Therapie fördern und Veränderung bewirken, erkannt werden. Es wurden in diesem Untersuchungsansatz aber auch Faktoren erkennbar, die nicht förderlich, ja schädlich waren. Hierzu äußerte Horst sich sehr klar und plädierte für eine Fehlerkultur. Er benannte Fehlerhaftes in den psychoanalytischen Konzepten. So kritisierte er herrschende Annahmen über die Kindheit als Mythenbildung, als Projektion aus dem erwachsenen Erleben auf die kindliche Entwicklung. Er sprach vom adultomorphen Mythos, nachdem das Kind sei wie wir Erwachsenen; dem theoreticomorphen Mythos, wonach das Kind so sei, wie unsere Theorie es konstruiert und dem pathomorphen Mythos, demzufolge das Kind so denke und fühle wie psychotische Patienten. Sein Fazit war: Diese drei Mythen solle man beerdigen (Thomä und Kächele, 2020, p. 88).

Horst Kächele plädierte engagiert für die Aufnahme der viel geschmähten Babywatcher sowie für Fonagys Forschungen zu Mentalisierung und Bindung in den Ausbildungskanon. Die Beschäftigung mit dem realen, zu beobachtenden Kind in seiner Entwicklung und seinem Interaktionsgeschehen mit Eltern und Umwelt war für ihn Voraussetzung für ein angemessenes Verständnis der Erlebnismuster im Übertragungsgeschehen von Psychotherapien.

Einen weiteren Fehlerbereich sah er in der Überschätzung des psychoanalytischen Settings und seiner klassischen Technik, mit der eine Unterschätzung der schädigenden Wirkung verbunden war: fehlende Resonanz und Empathie sowie subsumtionslogische Verwendung von Konzepten. Er verwies auf die Funktion der Selbststabilisierung von Therapeuten durch ihre theoretische Präferenz und die lediglich traditionsbewusste Begründung dieses sogenannten „klassischen“ hochfrequenten jahrelangen Verfahrens. Die von ihm angestrebte Fehlerkultur wurde von ihm als Angelegenheit der Therapeuten verstanden, womit er die Patienten von dem stets zur Hand genommenen negativen Urteil befreite, an ihnen läge es, wenn eine Analyse nicht gelinge.

Über diese kritische Position zur klassischen Analyse hinaus verband mich mit Horst das Interesse am Traum bzw. Träumen. In der Dokumentation und Beforschung von Traumserien eröffnete sich ein weiterer Zugang zu therapeutischen Prozessen. Wir waren uns einig, dass gegenwärtig das Modell der kognitiven Affektregulierung im Traum von Ulrich Moser und Ilka von Zeppelin am besten zur Therapieprozessforschung geeignet sei (Zurich Dream Process Coding System).

Ab 2009, der Eröffnung der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin, wurde unsere Zusammenarbeit wieder intensiver. Ich konnte mich mit ihm über mein Vorhaben, eine Forschungsambulanz an der Hochschule zu errichten, austauschen und bin ihm dankbar für mancherlei Anregungen für die ab 2012 stattfindenden Forschungswerkstätten nach dem Vorläufer und Vorbild der Ulmer Werkstatt.

Mit der Gründung der IPU konnte Horst Kächele seinen Einfluss auf eine kritische Gestaltung und Veränderung psychodynamischer Psychotherapien und ihrer Theoriebildung nochmals verstärken. Wenn er die Zeit dafür hatte, kam er zu den wöchentlichen Fallkonferenzen der Forschungsambulanz der Hochschule und sparte nicht mit interessanten, schlüssigen Interpretationen, aber auch Studien- und Literaturhinweisen, die kurz darauf von ihm per Mail verschickt wurden.

Die Zeit war für ihn ein hohes Gut. Er guckte nie demonstrativ auf die Uhr, aber er war immer, vor allem am Telefon, in einer bestimmten Eile. Noch bis zuletzt hat er am zweiten Band der englischen Neuauflage von Thomä und Kächele gearbeitet. In Band eins der englischen Neuauflage, der am Anfang dieses Jahres erschien, drückte Christa Rohde-Dachser ihre Freude darüber aus, dass dieses Buch nun ein neues Zuhause in der IPU gefunden habe, weil eine Reihe von Professoren der IPU an der Revision der früheren Auflage mitgearbeitet hatten und das Werk rechtzeitig zum Beginn des englischen Masters Psychology an der IPU vorliegt .

Es ist ein Verlust für alle, die ihn in dieser großzügigen Weise kannten, dass wir ihn nun nicht mehr fragen können. Aber wir können uns ja fragen, was er uns auf unsere Fragen geantwortet hätte und in der großen Zahl seiner Buch- und Zeitschriftenpublikationen lassen sich viele Antworten finden.

Horst war nicht eitel. Er gab sich kaum gekränkt oder überlegen. Wenn jemand z. B. nicht zu seinem Vortrag kommen konnte, nahm er das mit Humor, indem er meinte, dass jeder ohnehin „seine eigene Show“ mache. Er hat, ob er es jeweils beabsichtigte oder nicht, vielen dazu verholfen, einen eigenen Weg durch das immer größer und vielfältiger werdende Gebiet der psychodynamischen Psychotherapie und Forschung zu finden. Damit steht er für einen professionellen und akademischen Weg, das Wissen um Veränderung durch Psychoanalyse dadurch zu erreichen, dass man auch bereit ist, die Psychoanalyse selbst zu verändern – in Theorie, Praxis, Forschung und Ausbildung. Horsts kritische Wertschätzung der Psychoanalyse ist beispiel- und vorbildhaft. Er war großzügig, freigiebig und handelte nach dem unausgesprochenen Ethos: wer viel hat, kann auch viel geben.