Krise lehrt Handeln

Online-Workshop mit Eva von Redecker zum Thema „Phantombesitz und Abwehrmechanismen: Ein Versuch, die Theorie des autoritären Charakters zu aktualisieren“

Wann?

Am Samstag, den 29. Januar 2022
10 bis 12 Uhr

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Die Theorie des autoritären Charakters, wie sie Mitglieder des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in den 1940er-Jahren formuliert haben, versucht ein Rätsel zu lösen, das von großer Aktualität ist: Warum sind eigentlich freie, moderne Subjekte empfänglich für autoritäre Aggression und faschistische Feindbilder? Die Antwort der Kritischen Theorie verbindet auf beeindruckende Weise die Effekte anonymer Marktgesellschaften mit der Sozialisierung in bürgerlich-patriarchalen Familien zum Befund der Ich-Schwäche. Dennoch scheint die klassische Erklärung des autoritären Charakters in mehreren Details überholt: Neoliberale Gesellschaften setzen nicht auf Standardisierung und Konformität, sondern auf rücksichtslose Selbstverwirklichung. Familienväter sind nicht mehr die zentrale Instanz aller privaten Autorität und vor allem haben sich die Themenfelder, auf denen rechtsextreme Mobilisierung greift, erheblich über den in der Frankfurter Schule analysierten Antisemitismus hinaus vervielfältigt. Rassismus und Migrationsfeindlichkeit, Anti-Genderismus, Transphobie und Abtreibungsgegnerschaft sind zentrale Motive eines neuen Autoritarismus der sich auch in brutaler Indifferenz gegenüber menschgemachten Naturkatastrophen, wie der Covid-Pandemie und dem Klimawandel äußert.

In dem Vortrag soll weniger ein bestimmter Charaktertypus als die besitzindividualistische Subjektstruktur insgesamt in ihrer Destruktivität analysiert werden. Im Rückgriff auf Elisabeth Young-Bruehls Klassifizierung von Vorurteilsstrukturen sollen verschiedene »phobische« Einstellungen als psychologische Abwehrmechanismen von obsessiver, hysterischer und narzisstischer Struktur bestimmt werden. Sie leisten, so die Kernthese, unabdingbare Stabilisierung für eine problematische Figur: das moderne Individuum, das seine Freiheit im Selbstbesitz sucht und doch stets im Phantombesitz über andere ausagiert.

Der Workshop mit Eva von Redecker findet unter dem Titel Krise lehrt Handeln statt. Er knüpft an die Krise lehrt Denken aus dem Sommersemester 2021 unter Leitung von Prof. Dr. Susanne Lanwerd an.

Zur Referentin

Eva von Redecker ist Philosophin, Autorin und Publizistin. Sie forscht zur Kritischen Theorie sowie zu feministischer Philosophie. Neben einer Monographie zu Hannah Arendt und einer zu Judith Butler veröffentlichte Eva von Redecker Publikationen unter anderem zu den Themen sozialer Wandel sowie Handlungs- und Revolutionstheorie. Aktuell ist sie Fellow an der Universität Verona inne und forscht in diesem Rahmen zum autoritären Charakter. Eva von Redecker ist zudem assoziiertes Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin.

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