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Rainer Krause

Prof. Dr. phil., klinische und sozialpsychologische Grundlagen der Psychoanalyse – im Ruhestand

1. Welche sind Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre?
Krankheitslehre, Emotion und Motivation, Sozialpsychologie. Forschung wird noch festgelegt. Bisher Affekt Forschung, vor allem unbewusste Austauschprozesse in Dyaden von psychisch Kranken mit Gesunden, auf der Suche nach der materiellen Grundlage von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen, sowie des Wiederholungszwanges.

2. Welche Inhalte vermitteln Sie in Ihrem Modul?
Einführung in die deskriptiven Beschreibungssysteme ICD 10 und DSM IV sowie der Vorstellungen der Richtlinienpsychotherapie. Aufarbeitungsversuche der kritikwürdigen Bereiche durch das DSM V. Über das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt am Beispiel zweier Störungsbilder die wir untersucht haben, nämlich Stottern und Schizophrenien. Epidemologie: die Mannheimer Kohortenstudie von 1987 im Vergleich zu aktuellen Studien. Der Vergleich von traumatischen Störungen und solchen mit einem unbewussten Konflikt und die Wanderungsbewegungen zwischen beiden. Unspezifische Symptome eines unbewussten Konfliktes - die Aktualneurosen oder Neurasthenien. Kernkonflikte und Strukturniveaus und der entwicklungspsychologische Herleitung. Bindungsmodelle und Psychische Störungen. Emotion. Der Aufbau des Emotionssystems als modulare Organisation. Expression, Physiologie, Willkürmotorik, Interozeption, Protokognitive Rahmen, Emotionssprache. Die Primäraffekte und ihre phylo- und ontogenetische Herleitung. Die einzelnen Affekte: Freude, Interesse, Neugier, Angst, Trauer, Ärger, Ekel und Verachtung. Ihre Bedeutung und Funktion für Objektbeziehungen und als Leitemotionen für bestimmte Störungen und Konfliktfelder. Die strukturellen Emotionen Scham, Schuld, Stolz und ihre Entstehung und Bedeutung für die menschliche Psyche.
Gedächtnis: Gedächtnis- und Lernmodelle. Traumagedächtnis und wie werden Inhalte "unbewusst". En- und Decodierungsprozesse. Formen und Grundlagen von Realitätsveränderungen.

3. Was können Studierende von Ihnen persönlich lernen?
Ich habe seit 1973 Universitätsambulanzen aufgebaut und geleitet, und habe sehr viele Personen gesehen, kennengelernt und diagnostiziert und oft auch behandelt. Manchmal jahrelang. Diese Erfahrungen konnte ich teilweise mit meinen Forschungsprojekten verbinden, so dass ich mir ein gewisses Wissen über die Menschen mit solchen Störungsbildern erworben habe. Der Kern dieser Art des Wissens ist allerdings dadurch gekennzeichnet dass wir keinesfalls so tun sollten als hätten wir die Menschen deshalb verstanden und dass es nicht ganz neue Entwicklungen geben könnte die unser Verständnis als Stufe zu neuen Formen der Erkenntnis macht. Diese Art des Wissens und auch der Haltung gebe ich gerne an die nächste Generation weiter.

4. Was begeistert Sie an der Psychologie/Psychoanalyse?
Von der Psychoanalyse bin ich keineswegs so begeistert. Mich hat das definitorische und methodische Durcheinander und die Leichtfüßigkeit mit der jeder Autor neue Begrifflichkeiten und Modelle entwickelt eher betrübt, vor allem deshalb, weil ich sowohl die Behandlung als auch die Kernbereiche der Theorie für unersetzbar halte. Deshalb war mein Bestreben die Situation des Klinikers so weit es eben geht in der Komplexität der Forschung abzubilden. Ich stehe damit von der methodischen Seite in der Tradition eines induktiven Forschers. Hypothesen testende Designs haben mich nicht so sehr interessiert. Ich bin wohl auch dafür nicht so geeignet.

5. Haben Sie ein Lebensmotto oder einen Lieblingsspruch?
Ich denke nicht in Mottos, aber ich werde oft von Strophen aus Gedichten und Märchen besucht. Hier sind einige:

Der Morgen das ist meine Freude, da steig ich in stiller Stund  hinaus auf den Berg in die Weite, grüß Dich Deutschland aus Herzensgrund (Eichendorff)
Komm mit uns, sprach der Esel zum Hund  etwas Besseres als den Tod findest Du allemal. (Die Bremer Stadtmusikanten)

Gelassen steigt die Nacht ans Land, lehnt träumend an den Bergen. (So hat sich meine Mutter den Tod vorgestellt und gewünscht, hoffen wir es ist so gewesen).

Alle diese Partikel machen das Herz weit und ohne diese Weite, die die elementare Freude an den Dingen, den solidarischen Kampf gegen die Traumatisierung und die Akzeptanz des Abschieds einschließt würde ich mir nicht zutrauen mich so intensiv auf andere Menschen einzulassen, seien sie nun momentan psychisch krank oder nicht. Ohne die Auseinandersetzung mit mir in der Analyse hätte ich glaube ich diese Fähigkeit nicht erworben. Insofern bin ich doch begeistert von der Analyse, vor allem aber von meinen Analytikern.

Foto Rainer Krause