Wissenschaftler

Wissenschaftliches Personal

Joachim Bauer

Prof. Dr. med., Gastprofessor

1. Welche sind Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre?
Die Frage lässt sich am besten anhand meines Werdeganges beantworten. Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper interessierten mich bereits im Gymnasium. Mein Plan war, die Sache von der körperlichen Seite her anzugehen, weshalb ich Medizin studierte. Meine Promotion behandelte eine Thema aus dem Bereich der psychosomatischen Gynäkologie. An der Inneren Medizin, wo ich eine erste Facharztausbildung durchlief und mich erstmals habilitierte, faszinierte mich vor allem das Immunsystem und dessen kommunikative Potentiale. Das Immunsystem besitzt Eigenschaften, die auch die Psyche kennzeichnen: Empfang, innere Verarbeitung und Aussendung von Signalen, vor allem aber die Unterscheidung zwischen Selbst und Nichtselbst. Wechselwirkungen zwischen Immunsystem, Gehirn und Psyche (Stichwort „Psycho-Neuro-Immunologie“) waren der Grund, dass ich eine zweite Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie absolvierte, hier auch ein zweites Mal habilitierte, um dann schließlich an eine Abteilung für Psychosomatische Medizin zu wechseln. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Stressforschung, Depression, Traumafolgestörungen, die Bewahrung der Gesundheit am Arbeitsplatz sowie das Verstehen neurobiologischer Korrelate psychischer Prozesse. Reduktionistische Vereinfachungen lehne ich aber ab: Psychische Prozesse lassen sich nicht neurobiologisch erklären, sie haben aber neurobiologische Korrelate. Ein Beispiel dafür ist das System der Spiegelneurone, welches erklärt, warum z. B. das Phänomen der psychoanalytischen Gegenübertragung keine Fata Morgana ist, sondern eine neurobiologische Basis hat.

2. Was sind Inhalte Ihrer Studienmodule?
Meine Unterrichtsveranstaltungen thematisieren, siehe oben, neurobiologische Korrelate psychischer Prozesse, insbesondere die Frage, welche neurobiologischen Systeme den Menschen zu einem Beziehungs-Wesen machen. Psychologen, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker sollten m. E. wissen, warum die moderne Hirnforschung das menschliche Gehirn als ein „social brain“ bezeichnet. Konkret: Welche Bedeutung haben Beziehungserfahrungen für das limbische System und für das Motivationssystem? Was ermöglicht dem Menschen, empathisch oder compassionate zu sein? Welche Kontexte aktivieren das Aggressionssystem? Von hier ausgehend lassen sich verschiedene Fragenkomplexe angehen, z. B. Fragen der Erziehung, Fragen des psychotherapeutischen Arbeitens, oder die Frage, wie sich die Gesundheit am Arbeitsplatz bewahren lässt.

3. Was können Studierende von Ihnen persönlich lernen?
Was sich bei mir vielleicht lernen lässt, wäre eine Haltung, die den scheinbaren, m. E. nicht existierenden Widerspruch zwischen (Neuro-)Biologie und Psychoanalyse überbrückt und überwindet. Das eine lässt sich zwar nicht auf das andere reduzieren. Beide Perspektiven können sich jedoch in wertvoller Weise ergänzen.

4. Was begeistert Sie an der Psychoanalyse/Psychologie?
Ich bin, neben meinen medizinischen Qualifikationen, sowohl in psychodynamischer Psychotherapie als auch in Verhaltenstherapie ausgebildeter und für beide Verfahren zugelassener Psychotherapeut. Meine Identität ist psychoanalytisch. Meine Lehranalyse machte ich bei Menachem Amitai (Freiburg). An der Psychoanalyse begeistert mich ihr reiches Instrumentarium des „Sich selbst und andere Menschen Verstehen-Könnens“ und ihr gewaltiges psychotherapeutisches Heil-Potential.
 
5. Haben Sie ein Lebensmotto oder ein Lieblingszitat?
„Edel sei der Mensch, milchreich die Kuh“ (alter Sponti-Spruch, ein Goethe-Wort verfremdend). Damit möchte ich ausdrücken, dass mir Lebensmottos etwas suspekt sind, und dass es manchmal Humor braucht, um das Leben zu ertragen.