Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

Untersuchung zur Adherence-Messung bei psychoanalytisch begründeten Verfahren

2012–2017 / Leiterin: Dr. Melanie Ratzek

Finanziert durch: Drittmittelförderung Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG)

Forschungsanliegen

Die Einschätzung der Adherence stellt ein zentrales Gütemerkmal von Therapie-Outcomestudien dar. Die Wichtigkeit der Beurteilung dieses Gütemerkmals seitens externer Rater wird aus Gründen der Replizierbarkeit und der Vergleichbarkeit angewandter Therapiemethoden über unterschiedliche Studien immer wieder angeführt (Kendall, Holmbeck & Verduin, 2004). Andere Autoren betonen zudem die Adherence als einen zentralen Bestandteil methodologischer Aspekte, wie die Konstrukt- und die interne Validität (Leichsenring, Salzer, Hilsenroth, Leibing, Leweke & Rabung, 2011; Shadish & Cook, 2009; Shadish, Cook & Campbell, 2002). Die objektive Messung der Adherence durch externe Rater mittels Ratingskalen lehnt sich inhaltlich nicht selten an die in den Studien verwendeten Manuale an. Sowohl effectiveness-Studien (naturalistische Designs) als auch Untersuchungen langfristiger Behandlungen (bspw. analytische Psychotherapie über 300 Sitzungen) stellen daher eine besondere Herausforderung an die Messung der Adherence dar: Es sind Therapien, in denen manualisierte Vorgehensweisen unüblich sind und bei denen man sich bei der Entwicklung eines Adherence-Messinstruments anderer Mittel zu bedienen hat. Ein eben solcher Weg soll in diesem Projekt beschritten werden.

Bislang zeigt sich trotz vielfältiger Forschungsbemühungen im v.a. angloamerikanischen Sprachraum, dass die Trennung zwischen unterschiedlichen Formen psychodynamischer Verfahren eine besondere Schwierigkeit darstellt (Caligor et al., 2012). Ebenso stellt sich im deutschsprachigen Raum mit seiner Einteilung der Richtlinienverfahren in „tiefenpsychologisch fundierter“ und „analytischer Therapie“ (TfP und AP) die besondere Anforderung an ein Adherence-Messinstrument, zwischen diesen beiden Verfahren valide zu diskriminieren.

Mit Hilfe eines mehrstufigen Vorgehens soll ein Instrument zur Adherence-Messung konstruiert werden, das insbesondere zwischen den beiden psychoanalytisch begründeten Verfahren (TfP und AP) valide zu trennen vermag. Die Besonderheit des Konstruktionsprozesses liegt darin, dass dieser auf der Basis real durchgeführter Behandlungen aus der Münchener Psychotherapiestudie (MPS; Huber, Henrich, Clarkin & Klug, 2013; Huber, Zimmermann, Henrich & Klug, 2012) erfolgen soll. Die Schritte im Einzelnen:

1. Systematische Literaturrecherche für die Entwicklung von Items mit verfahrenstypischen Inhalten für die TfP und AP (bereits erfolgt).

2. Gruppendiskussion mit N=6 Expert/innen (Lehranalytiker/innen) über die eigens entwickelten Items und konsensuelle Einschätzung der Items hinsichtlich ihrer Diskriminierungsfähigkeit in Bezug auf TfP und AP (bereits erfolgt).

3. Einschätzung der Verfahrenszugehörigkeit: Um die entwickelten Items auf real durchgeführte Therapiesitzungen anwenden zu können, die als vergleichsweise prototypisch für das jeweilige Verfahren anzusehen sind, werden solche Therapiesitzungen folgendermaßen eruiert: Es  werden audiografierte TfP- und AP-Therapiesitzungen aus der Therapiemittelphase jeweils von N=2 externen, unabhängigen Rater/innen (Lehranalytiker/innen und Lehrtherapeut/innen) hinsichtlich ihrer Verfahrenszugehörigkeit eingeschätzt. Nur diejenigen Therapiesitzungen, bei denen die beiden Rater/innen mit dem vom behandelnden MPS-Therapeuten angegebenen Therapieverfahren übereinstimmen, bilden die Datengrundlage für Stufe 4 (bereits erfolgt).

4. Anwendung der Items (aus Stufe 2) auf die audiografierten TfP- und AP-Expertentherapiesitzungen (aus Stufe 3): Analytisch und tiefenpsychologisch praktizierende Psychotherapeut/innen (mind. 5 Jahre Berufserfahrung) schätzen ein, inwieweit die Iteminhalte in den real durchgeführten AP- und TfP-Behandlungen tatsächlich realisiert werden (bereits erfolgt).

5. Revision des Itempools auf Basis der Ratings aus Stufe 4.

6. Rekrutierung einer weiteren Ratergruppe (postgraduierte Psycholog/innen), die zur Optimierung der Reliabilität in der Skala trainiert werden sollen.

Ausblick

Ein reliables und diskrimierungsfähiges Adherence-Messinstrument ist als ein wichtiger Schritt in der vergleichenden Psychotherapieforschung anzusehen: Es würde die Konstruktvalidität insbesondere bei naturalistischen Studien sichern und zur empirischen Klärung der differentiellen Wirksamkeit von Langzeitpsychotherapien beitragen.

Projektteam

Dipl.-Psych. Melanie Ratzek
International Psychoanalytic University Berlin
Forschungsmethoden, Wissenschaftstheorie und psychologische Diagnostik
Stromstr. 3, 10555 Berlin
Fon 030-330 117 767
Fax 030-300 117-769
melanie.ratzek(at)ipu-berlin.de

Dr. Günther Klug
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
TU-München
Langerstr. 3, 81675 München
Fon 089-649 105 44
GuentherKlug(at)gmx.de

Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber
International Psychanalytic University
Stromstraße 3, 10555 Berlin
dorothea.huber(at)ipu-berlin.de

Literatur

  • Caligor, E., Hilsenroth, M., Devlin, M., Rutherford, B., Terry, M., & Roose, S. (2012). Will patients accept randomization to psychoanalysis? A feasibility study. Journal of the American Psychoanalytic Association, 60 (2), 337-360.
  • Huber, D., Henrich, G., Clarkin, J. & Klug, G. (2013). Psychoanalytic versus psychodynamic therapy for depression: A three-year follow-up study. Psychiatry, 76 (2), 132-149.
  • Huber, D., Zimmermann, J., Henrich, G. & Klug, G. (2012). Comparison of cognitive-behaviour therapy with psychoanalytic and psychodynamic therapy for depressed patients—A three-year follow-up study. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 58 (3), 299-316.
  • Leichsenring, F., Salzer, S., Hilsenroth, M., Leibing, E., Leweke, F. & Rabung, S. (2011). Treatment integrity: An unresolved issue in psychotherapy research. Current Psychiatry Reviews, 7(4), 313-321.
  • Shadish, W.R. & Cook, T.D. (2009). The renaissance of field experimentation in evaluating interventions. Annual Review of Psychology, 60, 607-629.
  • Shadish, W.R., Cook T.D. & Campbell D.T. (2002). Experimental and quasi-experimental designs for generalized causal inference. Boston, MA, US: Houghton, Mifflin and Company.