Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

Patenschaften im Kindergarten durch Studierende der IPU (K-IPU)

1/2014–3/2015; 4/2015–1/2016 / Leiterin: Prof. Dr. Christiane Ludwig-Körner

Wissenschaftliche Mitarbeit: Ulla Stegemann, Dr. Karsten Krauskopf
Studentische Mitarbeit: Melanie Eckert (BA Psychologie)
Finanziert durch: Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, „Bild hilft“

Dieses Projekt gliederte sich in zwei Teile. Im ersten Teil stand die Evaluierung der Patenschaften im Vordergrund, im zweiten die Fortführung von Patenschaften.

Nach den positiven Erfahrungen im vorangegangenen Pilotprojekt „ Förderung von Eltern-Kind-Beziehungen in Kindergärten“ wurde die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung innerhalb eines Kindergartens im Brennpunktbezirk Berlin Neukölln fortgeführt. Das Projekt wurde jedoch dadurch erweitert, dass Studierende der Psychologie Patenschaften für weitere Kinder (außer den bisher betreuten) übernahmen (Patenschaft „K-IPU“). Es handelte sich um eine Forschungsstudie zur Wirksamkeit von Patenschaftsbeziehungen zwischen Psychologiestudierenden und Kindergartenkindern als Präventionsmaßnahme in einem Brennpunktbezirk Berlins.

Primäres Anliegen von „K-IPU“ ist es, die Patenschaften zwischen Studierenden und Kindergartenkindern aufzubauen und ihre Wirkungen zu evaluieren. Die Patenschaften werden von Psychologiestudierenden der IPU und Kindern aus Kindergärten im Berliner Brennpunktbezirk Neukölln gebildet. Mindestens ein Jahr lang verpflichten sich die Studierenden zu wöchentlichen Treffen, in denen sie den Kindern ihre Zeit und Aufmerksamkeit widmen und ihnen neue Lern- und Bildungserfahrungen ermöglichen. Über die wachsende Beziehung und gemeinsame Erfahrungen soll die kindliche emotionale, soziale, kognitive, motorische und sprachliche Entwicklung sowie die Persönlichkeitsbildung positiv beeinflusst werden. Es handelt sich somit um ein Präventionsprogramm mit dem Ziel einer Stärkung der Resilienz von Kindern schon während der Kindergartenjahre.

Studierende, die an „K-IPU“ teilnehmen, erhalten durch die Patenschaft die Möglichkeit, die theoretischen Lehrinhalte des Studiums in der Praxis anzuwenden. Neben Workshops und regelmäßigen Supervisionen nehmen die Studierenden am E-Learning-Programm „Frühe Hilfen und frühe Interventionen im Kinderschutz“ der Universität Ulm teil. Ehrenamtlich arbeitende Supervisor(inn)en unterstützen die Studierenden in ihrer Arbeit, indem sie sie darin begleiten, ihre Erfahrungen als Paten zu reflektieren und theoretisch einzuordnen. Wesentliches Lernziel für die Studierenden ist es, erste Erfahrungen über den Einfluss der Beziehung und ihrer Dynamik in pädagogisch/therapeutischen Settings zu sammeln und zu reflektieren.

Ergebnisse
Basierend auf den positiven Erfahrungen mit dem noch unsystematischen Einsatz von Studierenden als Interaktionspartner der Kinder in der ersten Phase des Projekts wurde die zweite Phase so entwickelt, dass sie nun explizit auf den Einsatz von Patenschaften im Kindergarten fokussierte – ein bisher nicht beforschter Bereich.

Die 53 Studierenden der Psychologie trafen sich regelmäßig wöchentlich mit „ihrem“ Patenkind, um ein beziehungsorientiertes Angebot zu ermöglichen, das auf Freiwilligkeit beruht. Dementsprechend bestand die Aufgabe der studentischen Paten primär in entwicklungsfördernder Beschäftigung mit dem Kind und nicht in einer Beratungsfunktion für die Familien. Neben der kindlichen Entwicklung war die Beziehungsgestaltung durch die ehrenamtlichen Paten von Interesse. Besonders relevant erschien es, die Herausforderungen und Grenzen, denen die Pat(inn)en begegneten, als Zusammenspiel ihrer persönlichen Voraussetzungen, der speziellen Gegebenheiten der Umgebung und anderer Akteure genauer zu beleuchten.

Zur Qualitätssicherung wurden zwei Säulen eingerichtet: die kontinuierliche Dokumentation in Form von Lerntagebüchern und die regelmäßige Begleitung durch ehrenamtliche Supervision. Außerdem wurden unterschiedliche Fragebögen eingesetzt.

Diese Begleitforschung bezieht sich auf 38 Patenschaften. Nach Beendigung der Datenerhebungen wurden erfreulicherweise 15 weitere neue Patenschaften aufgebaut, die in der Forschung aber nicht mehr berücksichtigt werden konnten.

Im Zentrum der Tagebucheinträge standen die Begegnungen zwischen Pat(inn)en und Kindern. Daher fokussierte sich die vertiefte inhaltliche Analyse der Beschreibungen darauf, Ressourcen und Herausforderungen der Patenschaftsbeziehungen anhand allgemeiner Dimensionen zu extrahieren, wobei der Gegenstand der Analysen durch die folgenden zwei Leitfragen bestimmt wurde:
1. Welche persönliche Merkmale in der Beziehungsgestaltung seitens der Pat(inn)en sind erkennbar?
2. Welche Herausforderungen, denen die Pat(inn)en begegnen, lassen sich als prototypisch identifizieren?

Die Pat(inn)en des Projekts zeichneten sich durch eine eher altruistische und vertrauensvolle Grundhaltung aus, die zuweilen mit Tendenzen zur Konfliktvermeidung einherging. Sie brachten günstige Konfliktbewältigungsstrategien mit – z.B. den auf Verständigung zielenden sozialen Austausch. Die Befunde zeigen, dass eine besondere Offenheit für neue Erfahrungen sowie ein positives Verhältnis zu den eigenen Eltern und Freunden eine Basis für den förderlichen Umgang mit den Patenkindern bot.

Daran anschließend zeigte die detaillierte qualitative Analyse der Tagebucheinträge, dass die Pat(inn)en vielen belastenden Herausforderungen begegneten, und ihre Fähigkeit, das Beziehungsangebot der Patenschaft verlässlich und beharrlich aufrechtzuerhalten, erwies sich als wesentliche Bedingung für das Gelingen der Patenschaft. Dabei zeigte die Analyse, dass diese Verlässlichkeit sowohl in einem engeren Sinne, nämlich als Regelmäßigkeit der Treffen wirksam war, als auch in einem weiteren Sinne, nämlich als Kontaktsuche auch nach weniger positiv erlebten Begegnungen. Gelungene Patenschaftsbeziehungen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Pat(inn)en immer wieder eine offene und interessiert-zugewandte Haltung einnehmen konnten.

Diese Haltung wurde nicht nur durch besondere Anforderungen seitens der Kinder herausgefordert, sondern auch durch die Aufgabe, die eigene Rolle als Pate/Patin gegenüber Eltern, Erzieher(inne)n und letztlich anderen Kindern immer wieder zu reflektieren. Dies schien zu gelingen, wenn es gelang, die Ebenen der funktionalen Beziehungsstruktur immer wieder zu regulieren. Dazu gehörten unter anderem die positive Kommunikation der eigenen Haltung und die Regulation von Nähe und Distanz sowohl zum Kind als auch zu den Eltern. Darüber hinaus wurde anhand von Beispielen, wie dem bewussten Gestalten von Übergängen, deutlich, wie bedeutsam psychologisch-pädagogisches Fachwissen als Grundlage des Handelns war.

Im Hinblick auf die begleitende Datenerhebung konnte gezeigt werden, dass die gewählte Form der schriftlichen Dokumentation ein wichtiges und geeignetes Mittel sowohl der Begleitforschung als auch der Dokumentation im Sinne der Qualitätssicherung von Patenschaften darstellt.

Supervision
Nachdem das Patenschaftsprojekt verlängert werden konnte, wirkten sechs der acht Supervisor(inn)en über insgesamt 28 Monate mit. Die zeitliche und räumliche Koordination der Pat(inn)en mit den Supervisionen erforderte ebenso wie die Koordination der Termine im Kindergarten einen so hohen Aufwand, dass die patenschaftsbegleitende Supervision trotz ehrenamtlicher Supervisor(inn)en ohne Funding nicht geleistet werden konnte.

Aus den Beschreibungen der Pat(inn)en wird vor allem deutlich, dass die Supervision als hilfreiches Mittel empfunden wurde, mit den oft schwierigen Kontakten zu Kindern und Familien entlastend umzugehen. Die Unterstützung durch die Supervison wurde als sehr hilfreich empfunden, neben der Möglichkeit, die Erfahrungen mit Kindern und Eltern mit anderen Pat(inn)en, die Ähnliches erlebt hatten, zu teilen. Dabei ermutigte es sie, sich selbst als hilfreich für die anderen zu erleben. Inhalte der Supervision waren vornehmlich die Besprechung akuter Begebenheiten in der Patenschaft, gegen Ende vermehrt das Abschiednehmen und die Beendigung der Patenschaft.

Die reflektierenden Aussagen der Pat(inn)en und Supervisor(inn)en zeigen ein konvergentes Bild mit den Analysen der Tagebucheinträge. Vor allem die Klärung der eigenen Rolle, die Reflexion des Einflusses der eigenen Biografie sowie die Regulation von Nähe und Distanz erwiesen sich als wiederkehrende Themen. Dass die Supervision insbesondere bei Bewältigung resignativer Stimmungen eine wirksame Hilfe darstellte, wurde sowohl von den Pat(inn)en als auch von den Supervisor(inn)en selbst hervorgehoben.

Entwicklung der Kinder
Um den allgemeinen Entwicklungstand und dessen Veränderung im Laufe der Patenschaftszeit verfolgen zu können, wurde der Entwicklungstest 6-6 in einem Prä-Post-Testdesign eingesetzt. Zu Beginn der Betreuung wurden bei den Kindern niedrige Ausgangswerte erhoben. Ihre Entwicklung ließ im Verlauf der zweiten Projektphase ein erfreuliches Muster erkennen: Insbesondere die motorische und die kognitive Entwicklung der Kinder wiesen eine signifikante Verbesserung auf. Zum zweiten Messzeitpunkt, also ca. ein Jahr nach der ersten Testung, befanden sich deutlich mehr Kinder im normalen oder sogar überdurchschnittlichen Bereich.

Veröffentlichungen

  • Ludwig-Körner, C., Krauskopf, K., Stegemann, U. (2016) (Hg.) Frühe Hilfen – Frühförderung – Inklusion. Gießen: Psychosozial
  • Ludwig-Körner, C., Krauskopf, K., Stegemann, U. (2015) Förderung der Eltern-Kind-Beziehung im Kindergarten. Die mögliche Rolle spezialisierter Fachkräfte vor Ort. In: Seifert-Karb, I. (Hg.) Frühe Kindheit unter Optimierungsdruck. Entwicklungspsychologische und familientherapeutische Perspektiven. Gießen: Psychosozial, S. 257-276
  • Ludwig-Körner, C. (2014) Bildung durch Beziehungsförderung. Zur Verknüpfung von Frühpädagogik und Erwachsenenbildung bei belasteten Eltern-Kind-Beziehungen. In: Prengel A., Winklhofer, U. (Hrsg.) Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen. Band 2: Forschungszugänge. Opladen: Budrich, S. 75-88
  • Ludwig-Körner, C. (2014) Helfende Beziehungen im Kindergarten. Erfahrungen aus einem Pilotprojekt zur Förderung der Eltern-Kind-Beziehung. In: Frühförderung interdisziplinär. Zeitschrift für Frühe Hilfen und Frühe Förderung benachteiligter, entwicklungsauffälliger und behinderter Kinder. 1, S. 26-33
  • Ludwig-Körner, C. (2014) Frühe Hilfen, Frühförderung aus psychoanalytischer Sicht. Stuttgart: Kohlhammer
  • Ludwig-Körner, C. (2013) Psychoanalytisch orientierte Praxiskonzepte und Projekte in der Frühen Hilfe. In: Wininger, M., Datler, W., Dörr, M. (Hrsg.) Psychoanalytische Pädagogik und frühe Kindheit. Schriftenreihe der DGfE, Kommission Psychoanalytische Pädagogik. Opladen: Budrich, S. 103-117