Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

Emotionale Verarbeitung und Therapieergebnis in Langzeitpsychotherapien: Eine Prozess-Outcome Studie

2013–2018 / Leiterin: Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber

Drittmittel Förderung: Heidehofstiftung

Im Rahmen der Psychotherapieforschung erlangen emotionale Prozesse bzw. das emotionale Erleben als Prozessparameter laufender Therapien vermehrt an Wichtigkeit. Die Beziehung zwischen emotionalen Prozessen in der Therapie und Therapieerfolg hat sich als robuster Befund in der Prozess-Outcome-Forschung erwiesen (vgl. Orlinsky et al., 2004), insbesondere das Konstrukt der emotionalen Verarbeitung spielt hier eine bedeutende Rolle. Mit emotionaler Verarbeitung wird ein intrapsychischer Prozess bezeichnet, der der psychobiologischen Komponente der Emotionen eine kognitive Komponente hinzufügt, so dass aus einem ursprünglich rein körperlichen ein mentales Phänomen entsteht (Lecours et al., 2007). Verfahrensübergreifend erwies sich bei humanistischen Verfahren, bei Verhaltenstherapie und bei psychoanalytisch begründete Verfahren die so konzipierte emotionale Verarbeitung in ihrer Intensität als zuverlässiger Prädiktor für den Therapieerfolg (u.a. Goldman et al., 2005; Castonguay et al., 1996; Silberschatz & Curtis, 1993). Diese Befunde beziehen sich hauptsächlich auf Kurzzeitbehandlungen, so dass die Untersuchung der emotionalen Verarbeitung in Langzeitbehandlungen bislang eine Forschungslücke blieb.

Fragestellung und Hypothesen
Die übergreifende Fragestellung der Studie lautet: „Welche Rolle spielt die emotionale Verarbeitung bei Langzeittherapien im Hinblick auf den Therapierfolg und dessen Stabilität?“

Mittels eines zweistufigen Vorgehens soll folgenden Forschungsfragen nachgegangen werden:

  • In einem ersten, hypothesengeleiteten Schritt wird die Hypothese geprüft, ob der Grad der emotionalen Verarbeitung in der Mittelphase der Therapie mit dem Therapieerfolg und dessen Stabilität positiv korreliert.
  • In einem zweiten, explorativen Schritt soll darüber hinausgehend untersucht werden, ob die emotionale Verarbeitung als Mediator des Therapieerfolgs zu betrachten ist.

Die Bestimmung eines Mediators setzt differentielle Outcome-Effekte voraus, die in der Münchener Psychotherapiestudie  (MPS) für die drei Richtlinienverfahren nachgewiesen wurden (vgl. Huber et al. 2012a; Huber et al. 2012b; Huber et al. 2013). Die Untersuchung erfolgt auf der Datenbasis der MPS.

Arbeitsplan
Zur Beantwortung der o.g. Forschungsfragen wird der Prozessparameter der emotionalen Verarbeitung mit den Ergebnismaßen über die Messzeitpunkte Post, 1- und 3-Jahres Katamnese in Beziehung gesetzt. Da es in dieser Phase der Forschung um die Zusammenhänge von Therapieprozessen in lege artis beendeten Therapien und dem Langzeitergebnis gehen soll, wählen wir ein Completersample als Datengrundlage. Von den insgesamt 100 Patienten der intent-to-treat Stichprobe haben 85 Patienten ihre Therapie regulär beendet. Nach Überprüfung der Aufnahmequalität der Stunden der Mittelphase mussten 13 Fälle (6 PA, 3 PT, 4 KVT) ausgeschlossen werden. Die verbliebenen 72 Patienten werden danach gescreent, ob sie zwei Sitzungen der Mittelphase aufweisen, die den unten operationalisierten cut-off Wert auf der Stundeneinschätzskala für Veränderungsrelevanz erreichen oder überschreiten. Die Anzahl der so gefundenen Therapien soll pro Therapieform gleich sein und ein n = 20 nicht überschreiten:

1. Analytische Psychotherapie (PA): 20 Patienten mit einer Frequenz von zwei bis drei Sitzungen/Woche im Liegen;
2. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (PT): 20 Patienten mit einer Sitzung/Woche im Sitzen;
3. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): 20 Patienten mit einer Sitzung/Woche.

Der Grad der emotionalen Verarbeitung in der Mittelphase der Therapie soll mit der Experiencing Scale (EXP; dt. Version Dahlhoff & Bommert, 1978; Klein et al., 1986a; Klein et al., 1986b) erfasst werden, die auf einer 7-stufigen Skala die emotionale und kognitive Beteiligung des Patienten im therapeutischen Dialog misst. Für die Anwendung der EXP-Skala werden gezielt Stundensegmente aus dem Therapieverlauf ausgewählt. Zuerst werden Stunden aus der mittleren Therapiephase, operationalisiert als das mittlere Drittel der Therapie, ausgesucht. Von dieser Therapiephase wird angenommen, dass sie die genuine „Arbeitsphase“ der Therapie darstellt. Aus diesem Segment werden dann zwei Therapiesitzungen anhand von sog. Stundeneinschätzskalen ausgewählt, von denen theoretisch zu erwarten ist, dass sie sich für die Beantwortung unserer Fragestellung eignen („significant events approach“, Elliott,  2010).
Veränderungsrelevante Stunden können in der Münchner Psychotherapie Studie mit Hilfe der Stundeneinschätzskala identifiziert werden, auf der der Therapeut auf einer Likert-Skala unmittelbar nach Stundenende eine Bewertung der Stunde vornahm. Veränderungsrelevanz ist operationalisiert a) für die PA und PT als eine Stunde, in der die Variablen „Übertragungsbearbeitung“ auf einer 4-stufigen Likertskala mit 4 = viel und „Stundenbewertung“ auf einer 5-stufigen Likertskala mit +1 oder +2 (= „gute Stunde“) gescort wurden und b) für die KVT als eine Stunde, in der die Variablen „erkennbare kognitive Umstrukturierung“ oder „erkennbare Verhaltensänderung“ mit viel = 4 und „Stundenbewertung“ auf einer 5-stufigen Likertskala mit +1 oder +2 (= “gute Stunde“) gescort wurden.

Statistische Analyse

Zur Prüfung der ersten Fragestellung sind insgesamt sechs multiple Regressionsanalysen geplant. Für die zweite, explorative Fragestellung sind Mediatoranalysen vorgesehen.

Praktische Relevanz und Ausblick
“We know well that therapy works, i.e. is responsible for change, but have little
knowledge of why or how it works” (Kazdin, 2007, S. 2). Kazdin weist damit auf die Notwendigkeit eines Prozess-Outcome-Ansatzes hin, in dem durch ein Verständnis der therapeutischen Prozesse wiederum Strategien, die therapeutische Veränderungsprozesse anstoßen, optimiert werden können. Der Prozess-Outcome-Ansatz ist somit als zentraler Bestandteil der Qualitätssicherung und der Optimierung psychotherapeutischer Behandlungen zu betrachten. In diesem Forschungskontext soll diese Studie einen Beitrag zu Erkenntnissen über die Wirkweise und die Wirkmechanismen unterschiedlicher Therapieformen bei depressiven Patienten leisten.

Projektleitung

Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber
International Psychonalytic University
Stromstraße 3b
10555 Berlin
dorothea.huber(at)ipu-berlin.de

Projektmitarbeiter

Dr. Günther Klug
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, TUM
Langerstrasse 3
81675 München

Dr. Dipl. Psych. Carolina Seybert
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
International Psychoanalytic University Berlin
Stromstr. 3b
Telefon: +49 30 300 117-767
Telefax: +49 30 300 117-769
10555 Berlin
E-Mail: carolina.seybert(at)ipu-berlin.de

Dr. Dipl. Psych. Melanie Ratzek
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
International Psychoanalytic University Berlin
Stromstr. 3b
10555 Berlin
Telefon: +49 30 300 117-767
Telefax: +49 30 300 117-769
E-Mail: melanie.ratzek(at)ipu-berlin.de

Prof. Dr. Johannes Zimmermann
Psychologische Hochschule Berlin (PHB)
Am Köllnischen Park 2
10179 Berlin

Literatur

  • Castonguay, L. G., Goldfried, M. R., Wiser, S., Raue, P. J., and Hayes, A. M. (1996). Predicting the effect of cognitive therapy for depression: study of unique and common factors. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64, 497-504.
  • Dahlhoff, H. D., & Bommert, H. (1978). Forschungs- und Trainingsmanual zur deutschen Fassung der Experiencing-Skala [Research- and trainings-manual for the German version of the Experiencing Scales]. In H. Bommert & H. D. Dahlhoff (Eds.), Das Selbsterleben (Experiencing) in der Psychotherapie [Experiencing in psychotherapy] (pp. 63-125). München, Wien, Baltimore: Urban & Schwarzenberg.
  • Elliott, R. (2010). Psychotherapy change process research: realizing the promise. Psychotherapy Research, 20, 123-135.
  • Goldman, R. N., Greenberg, L. S., & Pos, A. E. (2005). Depth of emotional experience and outcome. Psychotherapy Research, 15, 248-260.
  • Huber, D., Henrich, G., Clarkin, J., & Klug, G. (2013). Psychoanalytic versus psychodynamic therapy for depression – A three-year follow-up study. Psychiatry, 76(2), 132-149.
  • Huber, D., Henrich, G., Gastner, J., & Klug, G. (2012a). Must all have prices? The Munich Psychotherapy Study. In J. S. Ablon, R. Levy & H. Kaechele (Eds.), Evidence Based Psychodynamic Psychotherapy (pp. 51-69). New York: Humana Press.
  • Huber, D., Zimmermann, J., Henrich, G., & Klug, G. (2012b). Comparison of cognitivebehaviour therapy with psychoanalytic and psychodynamic therapy for depressed patients – a three-year follow-up study. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 58, 299-316.
  • Kazdin, A. E. (2007). Mediators and mechanisms of change in psychotherapy research. Annual Review of Clinical Psychology, 3, 1-27.
  • Klein, M. H., Mathieu-Coughlan, P., & Kiesler, D. J. (1986). The Experiencing Scales. In L. S. Greenberg & W. Pinsof (Eds.), The psychotherapeutic process: a research handbook (pp. 21-71). New York, London: The Guilford Press.
  • Klein, M. H., Mathieu, P., Gendlin, E., & Kiesler, D. J. (1986). The Experiencing Scales: a research and training manual (Vol. 1). Madison: University of Wisconsin, Extension Bureau of Audio visual instruction (copyrighted 1970).
  • Lecours, S., Sanlian, N., & Bouchard, M.-A. (2007). Assessing verbal elaboration of affect in clinical interviews. Bulletin of the Menninger Clinic, 71, 227-247.
  • Orlinsky, D. E., Ronnestad, M. H., & Willutzki, U. (2004). Fifty years of psychotherapy process-outcome research: continuity and change. In M. Lambert (Ed.), Handbook of Psychotherapy Research and Behavior Change (pp. 307-389). New York: Wiley.
  • Silberschatz, G., & Curtis, H. (1993). Measuring the therapist's impact on the patient's therapeutic progress. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 61, 403-411.