Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

E-mago. Wissensplattform für Psychoanalyse im semantischen Netz

2012–2017 / Leitung: Prof. Dr. Lilli Gast, Arkadi Blatow M.A.

Psychoanalyse & Semantisches Netz

Das „semantische Netz“ ist ein formelles Modell von Begriffen und ihren Beziehungen untereinander. Tim Berners-Lee, der Erfinders der HTML (Hypertext Markup Language) und der Begründer des WWW (World Wide Web) griff dieses Modell 2001 auf, um seine Vorstellung von der Zukunft des Internets zu kennzeichnen. Die wichtigste Voraussetzung für das bereits seit einem Jahrzehnt mühsam entstehende „semantic web“ sei, dass die menschlichen Sprachen formulierten Informationen um eine deutliche Beschreibung ihrer Bedeutung(en) [Semantik] ergänzt werden, welche auch von Computern „verstanden“ oder, besser, „verarbeitet“ werden können. Mithilfe „semantischer Annotationen“ stellen die Buchstabenreihen auch für den Computer zuordbare Informationen dar.  Aufgrund der adäquaten Annotation sind die Daten unterschiedlichster Datenbanken weltweit untereinander verbunden, ein Zusammenschluss der nach Berners-Lee „Linked Data“ genannt wird. Es wird zunehmend unwichtiger „wo“ etwas im Internet steht, sofern der behandelte Inhalt eine angemessene Zuordnung erfährt.

Biologen und Pharmazeuten sind die Pioniere der Entwicklung und Anwendung semantischer Werkzeuge. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie mit der semantischen Annotation ihrer Daten allen anderen Wissenschaften ein gutes Jahrzehnt voraus sind. Eine ebenso entscheidende Ursache des „Zurückliegens“ der sog. Geisteswissenschaften findet sich in der regelmäßig vieldeutigen prosaischen Form. So eindeutig wie der Computer es gerne hätte, lässt sich z.Z. ein Protein deutlich besser beschreiben als ein Traum.

Das Projekt „Psychoanalyse und Semantisches Netz“ untersucht die Anwendbarkeit einiger moderner Informationstechniken („semantic annotation“,  „OWL reasoning“…) für vier Bereiche der psychoanalytischen Theorienbildung: Sammlung, Ordnung, Analyse & Synthese.

1) Sammlung: In den letzten 4 Jahren wurden knapp 900 Monographien und Zeitschriften der klassischen Psychoanalyse digitalisiert und unter dem Namen „Collection of the International Psychoanalytic University, Berlin“ auf der Plattform archive.org frei und texterkannt zur Verfügung gestellt (direkter Zugriff unter cotipub.org).

2) Ordnung: das Grundgerüst digitaler Ordnung psychoanalytischer Literatur wird durch die Einverleibung bibliographischer Daten nach modernster FRBR-Standards (Functional Requirements for Bibliographic Records) bewerkstelligt. Die Web-Oberfläche „Drupal“ erlaubt es unterschiedlichste bereits vorhandene digitale Daten (universitätseigener OPAC, Library of Congress, Worldcats u.v.a.) mit der manuellen Auswertung des für die Psychoanalyse zentralen Grinstein-Index zusammen fließen zu lassen und weiter auszubauen. Der angestrebte Gesamtindex psychoanalytischer Literatur „E-mago“ ist seit 2 Jahren in der Entstehung und umfasst z.Z. etwa 90.000 bibliographischer Datensätze.

3) Computergestütze Analyse erfordert das Herunterbrechen wissenschaftlicher Publikationen auf die in ihnen enthaltenen Theoriekleinstteile - sog. „Tripplets“ (Subjekt – Prädikat – Objekt) und deren gemeinsame Unterbringung in sog. „Tripplet-Stores“.  Besonders geeignet für dieses Verfahren sind konkrete metapsychologische Aussagen; „klinische Erfahrungen“ dagegen scheinen sich der Thesenextraktion noch vehementer zu entziehen.

4) Die Summe dieser recht mühselig zu erarbeitenden Theoriestückchensammlung lassen sich dann mit Hilfe der Methoden des „semantic reasonings“ maschinell auf Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz hin prüfen ("Synthese"). Ziel ist es nicht, Widersprüche aufzulösen, sondern sie für weiterführende Überlegungen festzuhalten. Die Streitlust der Psychoanalytiker erweckt im Allgemeinen fast den Eindruck, als bliebe nichts unwidersprochen, kein Theoriesteinchen auf dem anderen. Es wäre jedoch durchaus lehrreich, diese allgemeine Vermutung zu prüfen - sich auch auf die Suche nach merkwürdig wenig Umstrittenem zu machen.

Neben diesen neuen technischen Möglichkeiten dürfen einige Herausforderungen dieses Unternehmens nicht verschwiegen werden. Es gibt eine ganze Reihe Lesarten der Werke Freuds und seiner Schüler, sodass es nicht in jedem Fall gelingen wird, die adäquateste Bedeutung für die semantische Annotation herauszuarbeiten. Die für die Biologie bereits angewandte „automatische Erkennung“ von Entitäten und Relationen ist für unser Anliegen nur bedingt zu gebrauchen. Wohl aber erlauben moderne Datenbanken widersprüchliche Anschauungen nebeneinander stehen zu lassen und diese hervorzuheben, anstatt den Rechenvorgang abzubrechen. Eine andere Schwierigkeit liegt in der Abhängigkeit von den Informatikern, welche ihrerseits noch einige Standards zu vereinbaren haben. Es gab in den letzten Jahren einige vielversprechende Ansätze und Annotations-Werkzeuge, deren Entwicklung jedoch eingestellt wurde, noch bevor sie zur tauglichen Anwendung gereift war. Daher ist die Umsetzung des analytischen und synthetischen Anteils des Projektes von den Weiterentwicklungen der Software für kollektive semantische Annotation abhängig.  Kein Bereich der „Science of Internet“ erfährt aktuell jedoch so viel Aufmerksamkeit und Förderung, wie das „semantische Netz“, sodass die Aussicht auf – für die Psychoanalyse geeignetere – semantische Werkzeuge vielversprechend ist. Versöhnlich stimmt auch, dass auf dem Wege zu einer semantisch annotierten Wissensplattform der Psychoanalyse eine Reihe von wertvollen Zwischenergebnissen gewonnen werden können.

Arkadi Blatow, M. A.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Theorie & Geschichte der Psychoanalyse
International Psychoanalytic University Berlin GmbH
Stromstr. 3, 10555 Berlin
Telefon: +49 30 300 117-747
E-Mail: arkadi.blatow(at)ipu.berlin.de