Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

Conversation Analysis of Empathy in Psychotherapy Process Research (CEMPP)

2014–2017 / Leitung: Prof. Dr. Dr. M. B. Buchholz, Prof. Dr. Dr. H. Kächele

Wissenschaftliche Mitarbeit: Marie-Luise Alder, Michael M. Dittmann und Florian Dreyer
Finanziert durch: Köhler-Stiftung und der IPA (International Psychoanalytic Association)

Projektbeschreibung
Das Konzept der Empathie auf Seiten des Therapeuten wird trotz der Unterschiedlichkeit der Therapieschulen ähnlich beschrieben, ihr Gelingen gilt als ausschlaggebend für erfolgreiche therapeutische Arbeit. Erstaunlich ist bei großer Wertschätzung der Empathie, dass es bisher kaum empirische Untersuchungen zur Realisierung von Empathie im therapeutischen Prozess gibt. Hier will das Forschungsprojekt ansetzen.

Empathie muss sich in der therapeutischen „Konversation“ (Freud) darstellen, nicht allein in Worten, aber auch. Empathie ist „konversationelle Ko-Produktion“, d.h. sie wird von beiden Gesprächspartnern in einem gemeinsamen Prozess realisiert. Dieser Prozess lässt sich in Sequenzen (sog. kommunikativen Turns) beschreiben. Uns interessiert,

  • wie – mit welchen konversationellen Mitteln also – TherapeutIn und PatientIn sich aufeinander einstellen und
  • wie sie ihre Äußerungen aufeinander zuschneiden („recipient design“),
  • wie sie einen gemeinsamen Raum der Verständigung („common ground“) schaffen,
  • wie beide ihn ausbauen zu einer Zone des Vertrauens,
  • welche „typical problematic situations“ (TPS) dabei bewältigt,
  • wie Missverständnisse kommunikativ gelöst und
  • wie heikle Themen miteinander kommunikativ gestaltet werden.

Neben den konversationsanalytischen Untersuchungen wird auch die Prosodie an ausgewählten Stellen einer gesonderten Untersuchung unterzogen. Unter anderem aus Säuglings- und Kleinkindforschung ist bekannt, wie sich Bezugsperson und Kind sprachmelodisch (prosodisch) aufeinander beziehen und dass es hierbei zu einem beständigen Zyklus von „Reparaturen“ kommt, die auch in der Untersuchung von therapeutischen Dialogen als „rupture-repair-Zyklen“ (RRZ) beschrieben worden sind. Gerade hierbei macht der Ton die Musik, wie alle Kliniker wissen – finnische Autoren, mit denen wir im Austausch stehen, haben hier erste interessante Befunde vorgelegt.

Wir wollen mit diesem Projekt noch ein weiteres Ziel verfolgen. Die schulischen Auseinandersetzungen der verschiedenen Therapiemethoden verlaufen meist auf einer Ebene des konzeptionellen Schlagabtauschs; wir wollen untersuchen, ob sich die genannten drei Schulen auch hinsichtlich der genannten Dimensionen – Rupture-Repair-Zyklen, Etablierung von „Common Ground“, Artikulationsformate des „Recipient Design“, der Handhabung von TPS usw. unterscheiden.

Datenmaterial
Als Datengrundlage dienen uns psychotherapeutische Sitzungen, audiografiert in der Münchener Psychotherapiestudie (Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber). Sie werden sorgfältig transkribiert (angelehnt an das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem - GAT) und konversationsanalytisch analysiert.

Die Psychotherapieaufnahmen umfassen die drei kassenärztlich anerkannten Richtlinienverfahren:

  • Analytische Psychotherapie (PA) mit einer Frequenz von zwei bis drei Sitzungen/Woche im Liegen;
  • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) mit einer Sitzung/Woche im Sitzen;
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit einer Sitzung/Woche.

Wir nehmen 5 Therapien aus jedem der drei Therapieverfahren heraus. Aus diesen 5 Therapien werden jeweils eine Stunde vom Anfang, eine aus der Mitte und eine vom Ende transkribiert werden. Das entspricht einem Datenumfang von 45 Therapiestunden. Die Transkription erfolgt nach GAT Regeln (Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem).

Zusammenarbeit
Eine Zusammenarbeit mit dem Finnish Centre of Excellence in Research on Intersubjectivity (Prof. Dr. Anssi Peräkylä) an der Universität Helsinki ist begonnen. Prof. Dr. Jörg Bergmann, em. Direktor des Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, ist externer Berater.
Prof. Dr. Uli Reich, Linguist an der FU-Berlin hat seine Mitarbeit zugesagt.

Bei Interesse zum Verfassen von Bachelor- und Masterarbeiten oder auch Promotionen zu Teilthemen des Projektes wenden Sie sich bitte an uns. Wir besprechen gerne mögliche Themen mit Ihnen.

Veröffentlichungen zum Projektthema
Alder, M.-L.; Brakemeier, E.-L.; Dittmann, M.M.; Dreyer, F.; Buchholz, M.B. (2016). Fehlleistungen als Empathie-Chance–die Gegenläufigkeit von „Projekten“ der Patientin und der Therapeutin. Psychotherapie Forum. Vol. 21. No. 1. Springer Vienna, 2016.
Alder, M-L & Buchholz, M.B. (2016), Kommunikative Gewalt in der Psychotherapie, in: Sylvia Bonacchi (Hg.), Linguistische Untersuchungen zur Gewalt, Berlin, de Gruyter.
Buchholz, M. B. (2014). Patterns of empathy as embodied practice in clinical conversation - a musical dimension. Frontiers in Psychology, 5. doi:10.3389/fpsyg.2014.00349
Buchholz, M. B., & Alder, M.-L. (2015). Communicative Violence in
Psychotherapy. Language and Psychoanalysis, 4(2), 4–33.
Buchholz, M. B., & Gödde, G. (2013). Balance, Rhythmus, Resonanz: Auf dem
Weg zu einer Komplementarität zwischen "vertikaler" und "resonanter"
Dimension des Unbewussten. Psyche - Z Psychoanal, 67(9/10), 844–880.
Buchholz, M. B., & Kächele, H. (2013). Conversation Analysis - A Powerful Tool for Psychoanalytic Practice and Psychotherapy Research. Language and Psychoanalysis, 2(2), 4–30.
Buchholz, M. B. & Kächele, H. (2015). Emergency SMS-based intervention in chronic suicidality: a research project using conversation analysis. In J. S. Scharff (Ed.), Library of Technology and Mental Health. Psychoanalysis Online 2. Impact on Development, Training and Therapy (pp. 145–161). Boston: Karnac.
Buchholz, M. B., & Kächele, H. (2015, July). Conversational Aspects of the Unconscious - Project-related Empathy. Data from a Short-Term Therapy with an Obsessive-Compulsive Patient. International Psychoanalytic Association, Boston, Congress of the International Psychoanalytic Association.
Buchholz, M. B., & Reich, U. (2014). Dancing Insight - How Psychotherapists Use Change of Positioning in Order to Complement Splitt-off Areas of Experience. In F. Orsucci (Ed.), Psychotherapy as a Complex Dynamical System - The New Meta Model. London.
Buchholz, M. B., & Reich, U. (2015). Tanz der Einsicht - Linguistische
Einblicke in ein therapeutisches Gespräch. Journal für Psychologie, 23(2),
11–51.
Buchholz, M. B., Spiekermann, J., & Kächele, H. (2015). Rhythm and Blues - Amalie's 152nd session. From Psychoanalysis to Conversation and Metaphor Analysis - and back again. Int. J. Psychoanal., 96(3), 877–910.