Forschungsprojekte der IPU

Die klinische Praxis und die Forschung

Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne

2012–04/2018 / Leitung: Prof. Dr. Vera King, Prof. Dr. Benigna Gerisch, Prof. Dr. Hartmut Rosa

Gegenwärtiger kultureller Wandel von Selbstentwürfen, Beziehungsgestaltungen und Körperpraktiken

Im Dezember 2012 wurde die Arbeit am gemeinsam von Prof. Dr. Benigna Gerisch, IPU Berlin, Prof. Dr. Vera King, Universität Hamburg, und Prof. Dr. Hartmut Rosa, Friedrich-Schiller-Universität Jena, initiierten transdiziplinären Projekt »Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne« aufgenommen.

Förderung

Das Projekt wird durch die VolkswagenStiftung gefördert im Rahmen der Förderinitiative »Schlüsselthemen in Wissenschaft und Gesellschaft«
Bewilligungszeitraum: 01.12.2012 – 31.03.2018

Forschungsanliegen
Ausgangspunkt des Projekts ist der Befund, dass sich moderne Gesellschaften westlichen Typs dynamisch reproduzieren, d. h. auf stetigem Wachstum und Innovation basieren, und dass sich im Zuge dessen die Modi der Effektivitätssteigerung verändern. So impliziert dynamisches Wachstum nicht nur die Beschleunigung sozialer Prozesse, sondern erfordert permanente Optimierung sozialer Praxis in unterschiedlichen Lebensbereichen. Die verschiedenen, teils auch im Verhältnis zueinander strukturell entgegengesetzten Optimierungslogiken in differenten Teilbereichen müssen auf der Ebene individueller Lebensführung wiederum integriert und in diesem Sinne zu perfektionieren versucht werden.

Während Optimierungsanforderungen aus der Rationalisierung und operativen Beschleunigung sozialer Handlungsfelder resultieren und in der Regel auf die quantitative Steigerung einzelner Parameter der Lebensführung abzielen, richten sich Perfektionierungsbestrebungen in diesem Sinne auf die gesamte Lebensführung. Dabei gehen wir davon aus, dass sich spätestens mit den folgenreichen politischen, technischen sowie ökonomischen Umbrüchen um 1990 die Moderne selbst noch einmal in einer Weise beschleunigt hat, die für die individuelle Lebensführung neuartige Perfektionierungsansprüche und Widersprüche hervorbringt und bisherige Integrationsfähigkeiten in Frage stellt.

Projektleitend ist somit die Annahme eines spezifischen Zusammenhangs von Beschleunigung, Optimierung und Perfektionierung, dessen Untersuchung auf verschiedenen Ebenen des Sozialen aussteht. Ausgehend von der Vermutung, dass die Anforderungen an perfektionierte Lebensführung biografische Muster und Bewältigungsformen begünstigen, die systematisch die – für das gesellschaftliche Funktionieren und die Reproduktion zugleich unverzichtbaren – Ressourcen sozialer Beziehungen und psychischer Verarbeitungskapazitäten zu unterminieren neigen, untersuchen wir insbesondere die potentiell kontraproduktiven Folgewirkungen der Perfektionierungsansprüche. Aus dieser Sicht sind Zusammenhänge naheliegend zwischen (Aporien der) Perfektionierung und jenen Phänomenen und Störungsbildern, die als zeittypische Pathologien’ verstanden werden können. Erscheinungsformen der Erschöpfung und Überforderung sowie pathologisch übersteigerte Formen der (insbesondere körpermanipulierenden) Selbstoptimierung sind, so eine untersuchungsleitende Hypothese, gesellschaftlich mitproduzierte und/oder verstärkte symptomatische Verarbeitungsweisen, die die Aporien der Perfektionierung zugespitzt zum Ausdruck bringen. Vor diesem Hintergrund sollen im Projekt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen alltäglichen biografischen Mustern der Optimierung und Perfektionierung und Bewältigungsmustern oder Überforderungsszenarien bei klinisch auffälligen Gruppen verglichen werden.

Im Zentrum stehen daher für alle Teile des Projekts die Fragen, wie sich die fortwährende gesellschaftliche Dynamisierung des Wettbewerbs und der Anerkennungsstrukturen in Perfektionierungszwänge für die Subjekte übersetzt und welche Konsequenzen dies für soziale Beziehungen und Selbstentwürfe auch auf der Ebene der Körper-Selbstverhältnisse hat. Dazu ist ein dreigliedriger, eng aufeinander bezogener, mehrere Ebenen des Sozialen vermittelnder und zugleich mehrdisziplinärer Zugang konzipiert, bei dem verschiedene qualitative und quantitative Methoden kombiniert werden.

Methodik
Im ersten Teilprojekt (Rosa) wird aus makrosoziologischer Perspektive die Matrix einer Zeit- und Gesellschaftsdiagnose erarbeitet, die im zweiten Teilprojekt (King) durch eine biografieanalytische Mikroanalyse unter Einbezug generationaler Aspekte von Sozialisationsprozessen sowie psychischen Verarbeitungsmustern weiter ausdifferenziert wird, während im dritten Teilprojekt (Gerisch) die Auswirkungen auf den Ebenen des Psychischen mit Blick auf die Umschlagstelle von Selbstoptimierung und Autodestruktion fokussiert werden.

Ziel
Der innovative Gewinn dieses dreigliedrigen Forschungsansatzes liegt insgesamt in der Möglichkeit, den sozialtheoretisch offenen Fragen zur komplexen Vermittlung von Sozialem und Individuellem im Kontext der dargelegten kulturellen Wandlungsprozesse nachgehen zu können. Entsprechende Ergebnisse sind sowohl für die Sozialisations- und Entwicklungsforschung als auch für den klinisch-diagnostischen und präventiven Bereich relevant und darüber hinaus auch in gesellschaftlicher Hinsicht von großem Interesse.

Projektteam Berlin

Projektleitung
Prof. Dr. Benigna Gerisch
IPU Berlin
Stromstr. 3 – Raum 2.03
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-713
Fax.: +49 30 300 117-509
E-Mail: benigna.gerisch(at)ipu-berlin.de

Projektmitarbeiter
Dipl.-Psych. Christiane Beerbom (Koordination und Durchführung)
IPU Berlin
Stromstr. 3 – Raum 3.08
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-743
E-Mail: christiane.beerbom(at)ipu-berlin.de

Benedikt Salfeld-Nebgen M. A. (Koordination und Durchführung)
IPU Berlin
Stromstr. 3 – Raum 3.08
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-744
E-Mail: benedikt.salfeld(at)ipu-berlin.de

Luis Saß
Studentischer Mitarbeiter
Studiengang Master of Arts (MA) Psychologie

Theresa Vos M.A. (Koordination und Durchführung)
IPU Berlin
Stromstr. 3 – Raum 3.08
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-744
E-Mail: theresa.vos(at)ipu-berlin.de

Teilprojekte

Universität Hamburg
Prof. Dr. Vera King (Projektsprecherin)
Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft
Fachbereich: Erziehungswissenschaften
E-Mail: Vera.King(at)uni-hamburg.de

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Prof. Dr. Hartmut Rosa (Projektleitung)
Institut für Soziologie
Fachbereich: Allgemeine und theoretische Soziologie
E-Mail: hartmut.rosa(at)uni-jena.de

Dr. Diana Lindner (Durchführung und Koordination)
Institut für Soziologie
Fachbereich: Allgemeine und theoretische Soziologie
E-Mail: diana.lindner(at)uni-jena.de

Publikationen

  • King, V. u. Gerisch, B. (2015): Editorial – Perfektionierung und Destruktivität – Eine Einführung. In: King, V.; Gerisch, B. (Hrsg.) (2015): Psychosozial: Schwerpunktthema: Perfektionierung und Destruktivität. 38. Jhg., Nr. 141, Heft III, S. 5 – 11.
  • Schreiber, J.; Uhlendorf, N.; Lindner, D.; Gerisch, B.; King, V.; Rosa, H. (2015): Optimierung zwischen Zwang und Zustimmung – Institutionelle Anforderungen und psychische Bewältigung im Berufsleben. In: King, V.; Gerisch, B. (Hrsg.) (2015): Psychosozial: Schwerpunktthema: Perfektionierung und Destruktivität. 38. Jhg., Nr. 141, Heft III, S. 27 - 42.
  • Beerbom, Ch.; Busch, K.; Salfeld-Nebgen, B.; Gerisch, B.; King, V. (2015): Körperoptimierung im Kontext zeitgenössischer Muster der Lebensführung – Exemplarische Analyse psychischer und biografischer Bedeutungen schönheitschirurgischer Eingriffe. In: King, V.; Gerisch, B. (Hrsg.) (2015): Psychosozial: Schwerpunktthema: Perfektionierung und Destruktivität. 38. Jhg., Nr. 141, Heft III, S. 43 - 56.
  • Salfeld-Nebgen, B.; Gerisch, B.; Beerbom, Ch.; King, V.; Lindner, D.; Rosa, H. (2016): Bagatellisierung als Idealtypus – Über ein Muster der Lebensführung in Zeiten der Perfektionierung. In: Psychoanalyse im Widerspruch 28. Jahrgang, Nr. 55: 9 – 30.
  • Uhlendorf, N.; Schreiber, J.; King, V.; Gerisch, B.; Rosa, H.; Busch, K. (2016): ‚Immer so dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein’: Optimierung und Leiden. In: Psychoanalyse im Widerspruch 28. Jahrgang, Nr. 55: 31 - 50.