Gegenübertragungsverhalten in Langzeitpsychotherapien

2019-2023 / Leitung: Dr. Christian Sell

Kooperationsprojekt mit der Universität Kassel

Projektbeschreibung

Diese psychoanalytisch begründete Psychotherapie-Prozess-Ergebnis-Studie zielt auf die Untersuchung von Gegenübertragungsverhalten in verschiedenen Formen von Langzeitpsychotherapien, einschließlich Psychoanalyse, ab.

Als primäre Datengrundlage haben wir eine Kooperationszusage zur Nutzung der audiographierten Therapiesitzungen sowie der Prozess- und Ergebnisdaten der Münchener Psychotherapiestudie (MPS; PI: Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber; N = 100). Die MPS ist eine quasi-experimentelle vergleichende Ergebnisstudie zur Effektivität von Psychoanalyse, psychodynamischer Therapie und kognitiver Verhaltenstherapie in der Behandlung von depressiven Störungen. Die Ergebnisse der MPS zeigen, dass alle Therapieformen ähnlich effektiv sind bis zum Ende der Behandlungszeit, dass die psychoanalytisch behandelten Patient*innen sich aber während der 3-jährigen Katamnese weiter verbessern. Aus psychoanalytischer Perspektive nehmen wir an, dass die Fähigkeiten der Therapeut*innen, einen produktiven Umgang mit ihren Gegenübertragungsmanifestationen zu finden und maligne Formen von Agieren und Mitagieren zu vermeiden, solche Varianz im langfristigen Therapieergebnis erklären könnten.

In dieser Studie werden wir ein Beobachter-Rating-Instrument, die Interpersonal Transaction Scales-8 (ITS-8; Sadler et al., in press) einsetzen, um verhaltensmäßige Manifestationen der Therapeut*innengegenübertragung in den MPS-Behandlungen zu erfassen und zu quantifizieren. Mit Wolf, Goldfried und Muran (2017) lässt sich das interessierende Phänomen auch als „negatives Therapeut*innenverhalten“ verstehen, also Therapeut*innenverhalten, welches von den persönlichen emotionalen und motivationalen Therapeut*innenreaktionen ausgeht und das in der einen oder anderen Form als „zu viel“ oder „zu wenig“ in Bezug auf eine bestimmte interpersonelle Qualität eingeschätzt wird. In einer aktuellen Prästudie wurde die ITS-8 als psychometrisch angemessene Methode zur Erfassung von Gegenübertragungsverhalten im oben beschriebenen Sinne validiert. The ITS-8 ist eine Beobachter-Rating-Methode basiert auf dem interpersonellen Circumplexmodell (Kiesler, 1983). Während des Ratings hören trainierte und supervidierte Studierendenrater die Aufnahmen der Therapiesitzungen an und raten anhand von 48 Items, inwieweit bestimmtes interpersonelles Verhalten von den Therapeut*innen gezeigt wird. Das Studiendesign sieht das Rating von insgesamt N = 300 Therapiesitzungen vor. Für jede Therapie sollen drei Sitzungen geratet werden: die dritte Sitzung, die mittlere Sitzung und die drittletzte Sitzung. Im Anschluss an den Ratingprozess sollen anhand von hierarchischen linearen Regressionen Antezedenzbedingung, Korrelate und Konsequenzen von Gegenübertragungsverhalten statistisch modelliert werden.

Das Projekt ist mit einer Dauer von 24 Monaten geplant. Wir haben einen IPA Research Grant zur Unterstützung der Datenerhebung erhalten, also für das Beobachter-Rating der audiographierten Sitzungen aus der MPS. Die Phase wird nach 12 Monaten abgeschlossen sein (1. Meilenstein). Die verbleibende Projektdauert steht für die Datenauswertung (2. Meilenstein) und die Publikation (3. Meilenstein) zu Verfügung.

Projektteam

IPU Berlin
Prof. Dr. Dr. Dorothea Huber
dorothea.huber(at)ipu-berlin.de

Imke Grimm, M.A. Psych.
Telefon: +49 30 300 117-776
imke.grimm(at)ipu-berlin.de

Universität Kassel
Dr. Christian Sell
Telefon: +49-(0)561-804 2896
csell(at)uni-kassel.de