Dr. Sebastian Winter

Lecturer

IPU Berlin
Stromstr. 1
10555 Berlin
Tel.: +49 30 300 117-500
E-Mail: sebastian.winter(at)ipu-berlin.de

Ziel meiner stark transdisziplinär, theorievergleichend und theoriegeschichtlich orientierten Lehre ist die Vermittlung einer „Landkarte des Wissens“: Wo liegen welche Ansätze und wo siedeln sie relativ zu anderen? Führen breite Wege von dem einen zum anderen oder nur überwucherte Pfade? Sind sie durch tiefe Schluchten getrennt, sind sie verfeindet, hat schon mal jemand versucht, eine Brücke zu bauen? Wann und wie sind die „Denkorte“ jeweils entstanden? Waren sie Ableger von anderen? Überlagern sie sich? Das unvermeidlich zu Beginn des Studiums inselhafte Wissen bekommt so Konturen und Zusammenhang. Unabdingbar ist es dafür aber, immer wieder die eigene epistemologische Brille selbst zu betrachten (wie das geht, die eigene Brille zu untersuchen ohne dabei blind zu werden, ist eine wichtige Frage) und sich nicht nur mit dem blanken „Wissen“, sondern auch mit den (affektiv getönten) „Haltungen“ der Autor*innen gegenüber ihren Gegenständen zu beschäftigen. Meine Aufgabe als Dozent sehe ich dabei als die eines ortskundigen „Scouts“, der den Studierenden neue Denkwege zu Antworten auf ihre Fragen und Interessen aufzeigen kann.
Theoretisch bewege ich mich dabei in einem weiten Feld – aber nicht ohne selbst Position zu beziehen und manche Orte gegenüber anderen zu bevorzugen – von Psychoanalyse (orthodoxer bis relationaler), Kritischer Theorie, Poststrukturalismus, Ethnomethodologie und Leibphänomenologie. Thematisch stehen die Geschlechter-, insbesondere die kritische Männlichkeitsforschung, die Gewaltforschung und die Rechtsextremismusforschung im Fokus.

Derzeit verfolge ich insbesondere drei Forschungsprojekte:

Vatersein mit Leib und Seele? Affektive Konflikte in der väterlichen Kinderpflege
In der Familiensoziologie wird seit längerem eine Kluft zwischen Einstellungsbekundungen und der realen Praxis väterlicher Kinderpflege beobachtet. Die Entwicklung der häuslichen Arbeitsteilung erweist sich als Gemengelage von Persistenz und Wandel. »Rhetorischen Modernisierungen« (Wetterer) stehen zäh sich gleichbleibende Praxen gegenüber, aber auch ideologische Resouveränisierungen von Männlichkeit. Mittels tiefenhermeneutischer Auswertungen narrativer Interviews mit jungen Vätern analysiere ich diese Konflikte auf der Handlungs- und Affektebene des „Doing Masculinity“: Was passiert, wenn Männer, deren habitusgenerierende Sozialisation in einer Relation der Abgrenzung zur weiblich assoziierten Sphäre der Familie statt­gefunden hat, als Väter mit der Familiengründung in diesen Raum zurückkehren? Welche affektiven, leiblichen und habituellen Konflikte bringt dies mit sich? Leitend ist die These, dass die handlungspraktischen Rückzüge von Vätern aus der Kinder­pflege trotz modernisierter Einstellungen ihre Ursachen (neben insti­tu­tio­nellen und finanziellen Zwängen) auch in unbewussten, in den männlichen Habitus eingelagerten Ängsten vor Souveränitäts- und Autonomieverlust haben. Zugleich ermöglicht es die „Illusion der Emanzipation“ (Koppetsch & Burkhard), diese Dynamik vom bewussten Selbstbild (und aus möglichen Paarkonflikten) fernzuhalten. Die aktuell an Einfluss gewinnenden „antigenderistischen“ Ideologien nutzen das bleibende Unbehagen und versprechen, „unsere Männlichkeit wiederzufinden«, wie es Björn Höcke von der AfD es ausdrückt.

Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der extremen Rechten
Die „antigenderistische“ Feindschaft gegen Liberalisierungstendenzen im Geschlechter­verhältnis ist eine verbindende Klammer der aktuellen extremen Rechten. Die affektive Attraktivität der mit ihr einhergehenden Projektionsvorgänge lässt sich psychoanalytisch-sozialpsychologisch fassen als ‚Schiefheilung‘ der konfliktreichen Dialektiken intersubjektiver Beziehungen. Klare (Geschlechts-)Identitäten unter dem Dach des Volkes, ihre verleugnete Hierarchisierung und die ‚pathische Projektion‘ alles dabei Störenden auf „die Anderen“ („nordafrikanische Vergewaltiger“) versprechen ein ambivalenzfreies Heil.
Die Funktion dieser ideologischen Phantasmen als Schiefheilungsschablonen wird in diesem Projekt tiefenhermeneutisch aus den Reden und Inszenierungen von Agitator*innen und publizierten Propagandatexten herausgelesen.

„Ich kann mich sehr gut erinnern, es ist schrecklich!“ Das KZ Limmer der Continental AG in den Berichten ehemaliger Häftlinge
Aus dem Konzentrationslager Limmer, einem Außenlager Neuengammes in Hannover, sind zahlreiche Ego-Dokumente ehemaliger Gefangener überliefert und von einem Arbeitskreis engagierter Bürger*innen zusammengetragen worden (Briefe aus dem Lager, dort verfertigte „Andenken“, überlieferte Texte und Melodien dort gesungener Lieder, nachträglich verfasste Autobiographien und Interviews).
Das die Subjektivität annihilierende Erleben im KZ-Kosmos zerstört in weitem Umfang die Bildbarkeit symbolischer Interaktionsformen. Die Reaktionsweisen der ehemaligen Gefangenen angesichts der Unmöglichkeit des Vergessens, ihre Suche nach Ausdrücken des Erlebens und des dem entgegenstehenden Menschbleibens stehen im Mittelpunkt dieses Forschungsprojekts. Es geht um die Rekonstruktion eines (scheiternden) Bemühens, das zerstörte Erleben greif- und bearbeitbar zu machen – mit Worten, Musik und der Verfertigung tief geliebter übergangsobjekthafter „Andenken“ aus dem Lager. Sie halten das unmittelbare Geschehen vom Leib, müssen das tun, und drücken es zugleich aus.

Interviews/Presse:

  • Deutschlandfunk, 12.10.2019, Thema: Antisemitismus Link
  • SWR2, 20.11.2018, Thema: Antisemitismus Link
  • Die Zeit, 29.04.2018, Thema: Antisemitismus Link
  • Die Welt, 02.07.2018, Thema: „Willkommenskultur“ Link
  • Nordkurier, 05.09.2017, Thema: Terrorismus Link
  • Der Spiegel, 26.08.2017, Thema: Terrorismus Link
  • Lippische Landes-Zeitung, 01.04.2017, Thema: Rechtsextremismus Link
  • Hallo Linden-Limmer, 16.04.2016, Thema: KZ Limmer Link
  • HR, 14.03.2016, Thema: Antisemitismus Link
  • Revista, Juni/Juli 2013. Thema: Antiziganismus Link

 

Vorträge zum Nachhören:

  • Podiumsdiskussion »Linker Populismus«
    03.05.2019, »Streitbar« der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt a.M.) Link
  • Sozialpsychologie des Antiziganismus
    27.04.2018, Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (Duisburg) Link
  • Sozialpsychologie des Antisemitismus
    18.06.2018, 9. Blickwinkeltagung. Antisemitismuskritisches Forum für Bildung und Wissenschaft (Hannover) Link
  • Dr. Sebastian Winter im Gespräch zu Islamismus, Rechtsextremismus und Amoklauf.
    05.11.2016, Podcast der AG Politische Psychologie (Hannover) Link
  • Einführung »Wo beginnt israelbezogener Antisemitismus?«
    15.09.2016, Podiumsveranstaltung der Liberalen jüdischen Gemeinde Hannover u.a. (Hannover) Link
  • Die Geschlechterordnung und der »Trieb«
    23.06.2016, Veranstaltungsreihe „aufgetaucht. Psychologie und Gesellschaftskritik“ (Halle) Link
  • Vatersein mit Leib & Seele. Affektive Konflikte in der Existenzweise Neuer Vater
    24.11.2015, Vortragsreihe „Feminismus, Brudi! Feminismus, Psychoanalyse und Geschlecht“ des AK kritische Psychologie (Frankfurt a.M.) Link
  • Psychoanalyse des Antisemitismus
    23.07.2014, Veranstaltungsreihe „Schall & Wahn – Gegen den Kampftag der antisemitischen Internationalen“ (Hannover) Link
  • Lieber „Kriegskind“ als „Täterkind“? Sozialpsychologische Überlegungen zur affektiven Funktion erinnerungskultureller Generationenkonstruktionen
    22.07.2014, Reihe: „Erinnern, Verdrängen, Vergessen“ des AStA der TU (Darmstad) Link
  • Leib und Sprache. Überlegungen zur Psychoanalyserezeption Judith Butlers
    05.06.2014, Veranstaltungsreihe „Kritsche Lee(h)re“ der FS Sowi an der LUH (Hannover) Link
  • Psychoanalyse queer gelesen
    14.05.2014, Eine Veranstaltung des Lesben- und Schwulenreferates im AStA der FH (Bielefeld) Link
  • Sinnlose Gewalt? Zur Selbstinszenierung von School Shootern als Rächer der Ausgegrenzten
    20.11.2012, Veranstaltungsreihe „Warum Gewalt?“ in der VHS (Hannover) Link