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Wie die Psychoanalyse Siri Hustvedts Leben änderte

Die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt beschäftigt sich mit neurologischen Themen und psychoanalytischen Fragestellungen nicht nur aus intellektueller Neugier, sondern auch aus persönlicher Betroffenheit heraus. Auslöser war ein unkontrollierbares Zittern am ganzen Körper, das sie plötzlich während einer Rede über ihren zwei Jahre zuvor verstorbenen Vater befiel.

Angetrieben durch die verstörende Frage, was damals eigentlich mit ihr passierte, machte sich Siri Hustvedt kurzerhand selbst zum Forschungsobjekt. Ihre Erfahrungen in diesem Prozess der (Selbst-)Erkenntnis schilderte sie in ihrem Vortrag mit dem Titel "Between You and Me: Art and Analysis" am Abend des 29.05.2012. Die Veranstaltung markierte einen Höhepunkt der öffentlichen IPU-Ringvorlesungsreihe des Sommer-Semesters unter dem Motto "Psychoanalyse als Kulturreflektion: Pathologien der Moderne - Gewissheit als Fiktion".

Die promovierte Schriftstellerin nahm das Publikum mit auf eine Reise durch die Wissensgebiete, die sie interessieren. Sie ließ die Zuhörer teilhaben an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit den Zweideutigkeiten einer Diagnose aus Sicht der Philosophie, Neurologie, Psychatrie, und nicht zuletzt der Psychoanalyse und der Kunst.

Es seien die Gespräche mit ihrer Psychoanalytikerin, die Siri Hustvedt erstmals im Alter von 53 Jahren nach dem rätselhaften Zittern aufsuchte und die sie veränderten. Gerade weil sie mit der psychoanalytischen Theorie bereits sehr vertraut war, interessierte sie sich besonders für die Frage, ob dieser Umstand irgendwelche Auswirkungen auf ihre eigene Therapie haben würde.

Mittlerweile sei sie sich im Klaren darüber, dass das theoretische Wissen ihrer Analytikerin gut für den Verlauf der Sitzungen sei, so die Schriftstellerin. Völlig unbekannt seien ihr als Patientin jedoch die spezifischen Gedanken und Überzeugungen ihrer Analytikerin. Hustvedt erinnerte daran, dass die Psychoanalyse von Beginn an Kontroversen und intellektuelle Grabenkämpfe hervorrief. Jedes philosophische System, jedes theoretische Modell über die menschliche Seele, das Gehirn, das Selbst, den Körper, das Bewusstsein und das Unbewusste, sei lückenhaft. Es gäbe immer ein "Ding", das entrinne, ungesagt bliebe, fasste Hustvedt ihre Gedanken in Worte und schlug sogleich eine Brücke zur Kunst. Denn auch Kunst entwickle eine Sprache außerhalb der Theorie, indem sie gefühlte Ideen verkörpere.

Hustvedt, nun in der Rolle einer Zeitzeugin, berichtete über das sich wandelnde intellektuelle Klima an den amerikanischen Universitäten in den 70er- und 80er-Jahren. Der Wind an den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten begann sich damals in eine andere Richtung zu drehen. Hustvedt zufolge hätten poststrukturalistische und posthumanistische Theorien damals ganze Campusse durcheinander gewirbelt und viele Intellektuelle in ihren Bann gezogen.
Bezugnehmend auf diesen intellektuellen Wandel in Verbindung mit Freuds Definition (der 1932 die Psychoanalyse als eine Erforschung der psychischen Begleiterscheinungen von biologischen Prozessen bezeichnete), forderte Hustvedt, dass die Lücke zwischen den Neurowissenschaften und der Psychoanalyse jetzt geschlossen werden müsse. Ihrer Überzeugung nach existiere nicht nur eine Form der Psychoanalyse - sondern viele. Sie selbst bevorzuge eine Psychoanalyse, die weder die Biologie ignoriere noch die Psyche einzig und allein auf neuronale Schaltkreise reduziere.

Was nun folgte, war eine präzise Beschreibung ihrer Gedanken in Reaktion auf die Frage, ob ihre intellektuellen Phantasien eine substanzielle Rolle in ihrer Therapie spielten. Überzeugt war die Autorin nur, dass dem so ist. Ihre Vorstellungskraft sei aber unmittelbar an die besondere Realität des Behandlungszimmers und ihrer Analytikerin gebunden. Der Raum sei immer derselbe, ihre Analytikerin sähe immer gleich aus, habe immer dieselbe Stimme und sei da, wenn sie sage, sie würde da sein. Die Analytikerin und der Raum, da war sich Siri Hustvedt sicher, gehören als Setting zusammen, bilden eine unzertrennbare Einheit. Und nur deshalb sei sie als Patientin in der Lage, sich zu ändern.

"Die konstante Realität besteht aus zwei Personen in einem Raum, die miteinander sprechen", sagte Siri Hustvedt. Dabei spreche einer mehr als der Andere und dieser Dialog setze eine endlose Bewegung in Gang, von der auch der Analytiker ergriffen werde. Letztlich erwachse daraus aber die Veränderung des Patienten. Die dialektische Veränderung zwischen dem Ich ("Me") und dem Du ("You"), und alles, was in dem Raum eines Analytikers passiere, ist nach Meinung der Schriftstellerin Freuds größte Errungenschaft.

Kontinuierlich wiederkehrende Gespräche zwischen zwei Personen könnten eine ganz besondere Form des Erinnerns befördern, ein Erinnern mit Gefühl oder anhand eines Gefühls, welches zuvor unbekannt oder nicht möglich war. Freud, den sie in diesem Zusammenhang zitierte, prägte den Begriff der "Nachträglichkeit". Für Siri Hustvedt ist Nachträglichkeit der Grund, warum eine Analyse mit einem künstlerischen Schaffensprozess vergleichbar sei. Sie sagte: "Kunst wird immer für jemand Anderen gemacht" und ergänzte, dass Kunstwerke nie in Isolation entstehen würden. Wenn sie schreibe, dann spreche sie immer zu einem imaginären Gegenüber. Das Buch (ent-)stünde zwischen ihr und ihrem imaginärem Gegenüber. Wer dieses Gegenüber aber sei, das wisse sie nicht.

Vielleicht aber, so Siri Hustvedt abschließend, werde ihr das - und damit meinte sie auch viele andere noch unbeantwortete Fragen - zu einem späteren Zeitpunkt einmal klar werden.


Nächster Veranstaltungstermin

12.07.2012 - Dr. Ronald Britton, London: Natural, Unnatural and Super-natural Beliefs
Der Vortrag beginnt um 20 Uhr und findet im großen Hörsaal der IPU, Stromstraße 2, 10555 Berlin, 3.OG statt.