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Die Kunsthistorikerin Frau Dr. Kristin Marek von der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe war Gast der öffentlichen Ringvorlesungsreihe „Abjekte der Moderne“ an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin. Am Abend des 14.2.2013 hielt sie einen Vortrag mit dem Titel „Anwesende Abwesenheit. Die Sichtbarkeit der Toten zwischen Virtualität und Materialität?“. Darin gewährte sie Einblicke in Bildtheorien und sprach aus einer kunsthistorischen Perspektive über mediale Reflektion im Zusammenhang mit der Ästhethik des Leichnams.

Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war der Befund, dass moderne Gesellschaften den Umgang mit dem Tod verlernt hätten, dass der Tod heute systematisch verdrängt würde und nur noch kaum wahrnehmbar am Rande stattfände. Prägend für diesen Wandel sei die Distanz zum Tod und Allem, was ihn umgebe. Wie sich dieses Phänomen im Lebensalltag äußere, zeigte die Referentin am Beispiel des Umgangs mit Angehörigen von Verstorbenen auf: es dauere oft mehrere Wochen, so Dr. Marek, bevor man sich bei der zurückgebliebenen Person melde, nicht wissend oder aus Angst davor, was in diesem Moment zu sagen wäre.

Dr. Marek merkte an, dass der französische Historiker Philippe Ariés, der die Geschichte des Todes erforschte, schon in den 1970ern zu dem Ergebnis kam: „Die Gesellschaft hat den Tod ausgebürgert“. Etwas mehr als 30 Jahre später geht nun die Kunsthistorikerin der Frage nach, ob Ariés' These von der „radikalen Verdrängung der Toten“ auch heute noch Gültigkeit hat, schufen doch Computer und Digitalisierung unbegrenzte Vervielfältigungsmöglichkeiten, verbunden mit der zeitgleichen Präsenz und Zirkulation von Bildern rund um den Globus. Ihrer Erklärung nach stellt diese Form der Digitalisierung eine „einschneidende Entkörperlichung bildlicher Repräsentation“ dar. Strukturell beruhen digitale Bilder auf „Algorithmen", die „ohne jegliche materielle Präsenzen und ohne fest zugeschriebene Orte auskommen“, erklärte Dr. Marek. Oder anders ausgedrückt: Je stärker die Bilder von Toten in der visuellen Kultur zunähmen, desto mehr verflüchtige sich Materialität in virtuellen Welten.

In der Kunst beobachte sie das Gegenteil, so Dr. Marek. Zwar sei die Thematisierung von Tod und Vergänglichkeit praktisch das Thema in der Kunst seit jeher und habe dort nach wie vor Konjunktur, doch liege ein gravierender Unterschied in den künstlerischen Arbeiten, die die „Anwesenheit des Toten im physischen Raum“ erfordern. Wenn Tote in ihrer „konkreten Körperlichkeit und Materialität“ im Zentrum stehen (wie z.B. bei der mexikanischen Künsterlin Teresa Margolles oder dem Berliner Künstler Gregor Schneider), löse dieser Umstand regelmäßig kontroverse Diskussionen aus, und das sei der für sie interessante Punkt dabei. Die Frage hier sei: „Wird durch die vielen Bilder in der visuellen Kultur und Kunst Präsenz erzeugt und sind die Toten dadurch so enttabuisiert wie nie zuvor?“ Besonders gut könne man dieser Frage im Bereich von „Krimis, der von Toten lebt“, nachgehen. Krimis bescheinigte sie eine „Aufmerksamkeitsverschiebung vom Kommissar auf den Forensiker“. Der quotenstärkste Münsteraner Tatort, in dem der populäre Jan Josef-Liefers den Forensiker verkörpert, steht ihrer Meinung nach beispielhaft für das ganze Genre. Darüber hinaus erfolgt die Aufklärung eines Mordes auch in den neueren Fernsehserien längst nicht mehr in der „maroden Amtsstube des tüftelnden Kommissars mit früher noch untrügbarem Gespür für Gut und Böse“, sondern im „cool gestylten High-Tech-Labor“. In der zeitgenössischen Kunst hingegen definiere in erster Linie die „mediale Präsenz der aufbereiteten Bilder, was körperlich präsent erscheint oder nicht“, so Dr. Marek. Überschreite die Masse der Bilder jedoch die „Verarbeitbarkeit, die der Mensch noch verarbeiten kann“, verliere man sich im Dickicht der Bilderflut. An Überblick ist dann nicht mehr zu denken. Es trete ein „Zustand der Blindheit“ ein, schlussfolgerte sie. Zu viel zu sehen, bedeutet demnach, nichts zu erkennen.

Mit dem Vortrag der Kunsthistorikerin und Juristin Dr. Kristin Marek endete die öffentliche Ringvorlesungsreihe des Winter-Semesters 2012/13. Die auf vier Semester angelegte IPU-Vorlesungsreihe unter dem Motto „Pathologien der Moderne“ wird im Sommer-Semester 2013 mit dem Themenschwerpunkt ›Modernities – Konfligierende Modernen‹ fortgesetzt.