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Was Freud und Tarantino gemeinsam haben

Die öffentliche Vortragsreihe "Pathologien der Moderne - Maskeraden der Gewalt" hat sich zu einem publikumswirksamen Bestandteil der IPU entwickelt. Nicht ohne Grund. Wie renommierte Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen detaillierte Einblicke in die Thematik gewährten, was die Vorlesungen an überraschenden Erkenntnissen boten, und welchen Beitrag die Psychoanalyse bei der Untersuchung der verschiedenen Formen von Gewalt hat - all das konnten die Gäste in den vergangenen Veranstaltungen hautnah erleben.

Auch der Vortrag über die "Archaisierung der Gewalt in der gegenwärtigen Moderne" von Prof. Dr. Hartmut Böhme, einem profunden Kenner der Psychoanalyse und der Originalschriften Sigmund Freuds, dürfte bei einigen Zuhörern eine Gänsehaut verursacht haben. Ob es dem Zufall geschuldet oder wohlfeil geplant war, dass sein Vortrag zeitgleich mit Beginn der 62. Filmfestspiele Berlin, der "Berlinale", stattfand, dieses Geheimnis wurde nicht gelüftet. Dafür gewährte der Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin dem Publikum Einblicke in seine Erkenntnisse über die Verflechtungen zwischen Kultur und Barbarei anhand exemplarischer Beispiele aus der Filmwelt.

Die zerstörerische Kraft einer "von Allem entblößten Gewalt", die "keine Ursache und keinen Kontext braucht", beschrieb der Kulturwissenschaftler Böhme anhand dreier Spielfilme aus der jüngeren Vergangenheit. Darunter "Inglourious Basterds" des amerikanischen Filmemachers Quentin Tarantino sowie die zwei Filme "Funny Games" und "Das weiße Band" des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. Die Gewalthandlungen der Protagonisten und der sie beeinflussenden Faktoren ließen sich, so Prof. Böhme, "symptomatisch" zur Analyse des "archaischen Erbes" (Freuds These in den Diskussionen um 1900 über die Unvergänglichkeit des stammesgeschichtlichen Erbes) von Gewalt heranziehen.

Seiner Ansicht nach gehe von diesen Filmen eine zentrale Botschaft aus, und zwar die: Die Kultiviertheit eines Menschen steht in keinem Gegensatz zu der von ihm ausgeführten Gewalt. Die todbringende Kombination aus dem "messerscharfen Verhör" und der "sanften Verführung zum Verrat" aus der Anfangsszene in Tarantinos "Inglourious Basterds" bezeichnete er in diesem Zusammenhang als "das deutlichste Beispiel" einer "unausweichlichen Eskalation von Gewalt". Sei es doch gerade die Kultiviertheit des SS-Standartenführers Hans Landa (gespielt von Christoph Waltz), die dieser erfolgreich als "Instrument seiner gewalttätigen Strategie" gegen einen französischen Bauern einsetze und die schließlich die Ermordung der im Haus des Bauern versteckten Menschen jüdischen Glaubens nach sich zieht. Hier zeige sich eine Parallele zu Freuds kulturpessimistischer Sicht: demnach war Kultur nicht mehr als "ein Firnes am Abgrund der Gewalt".

Prof. Böhmes Vortrag war die vierte und letzte Vorlesung in der IPU-Ringvorlesungsreihe  "Pathologien der Moderne - Maskeraden der Gewalt" dieses Winter-Semesters, die im kommenden Sommer-Semester 2012 unter dem Titel "Pathologien der Moderne - Gewißheit als Fiktion" wieder aufgenommen werden wird. Schon jetzt freuen wir uns auf die sicherlich wieder spannenden Vorträge, zu der alle Interessenten herzlich eingeladen sind.


Nächster Veranstaltungstermin
19.04.2012 - Prof. Dr. Matthias Kettner, Witten/Herdecke
Das Versagen in der Freiheit. Über ein modernes Lebensgefühl