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Warum moderne Freiheit nicht nur Glück bedeutet

Der Forschungsdekan der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Matthias Kettner, war fünfter Gastredner der IPU-Ringvorlesungsreihe "Psychoanalyse als Kulturreflektion". Prof. Kettner ist Psychologe und wird als Philosoph zur Frankfurter Schule gezählt. Er ist außerdem Professor an der Universität Witten/Herdecke und zeichnet dort als Dekan für die ›Fakultät für Kulturreflexion - Studium fundamentale‹ verantwortlich, die den Begriff der Kulturreflexion „nicht nur im Namen trägt“, so Prof. Kettner, sondern „den Programmbegriff auch vor einigen Jahren mitgeprägt hat“.

Die öffentliche Vortragsreihe an der IPU Berlin, die, wie er betonte, „unter dem gar nicht selbstverständlichen Programmbegriff der Kulturreflexion“ stehe, läuft in diesem Sommer-Semester unter der Überschrift "Pathologien der Moderne - Gewissheit als Fiktion". In seinem Vortrag am Abend des 19.04.2012 mit dem Titel "Das Versagen in der Freiheit. Über ein modernes Lebensgefühl" beschrieb Prof. Kettner, was der moderne Mensch an Freiheiten für sich beansprucht. Aus einer interdisziplinären Perspektive setzte er sich mit eben diesem Lebensgefühl der Menschen in der Moderne aueinander.

In präziser Abgrenzung zu benachbarten Disziplinen beschrieb der renommierte Wissenschaftler zunächst die methodologische Vorgehensweise seiner Lesart des Programmbegriffes Kulturreflexion. Demnach betreibe man Kulturreflexion weder „von innen und außen, und nie nur von außen“, also nie lediglich als bloßer Beobachter, oder „wie Systemtheoretiker gerne sagen: Beobachter erster Ordnung“, aber auch „nie nur von innen“ und „niemals nur kontemplativ“.

Auf die Frage, welchen Zweck die Kulturreflexion denn nun erfülle, verwies Prof. Kettner auf die kulturelle Dimension einer Gesellschaft. Sie bestimme, welchen „Sinn beziehungsweise welche Bedeutung die Aktivitäten der Menschen“ tatsächlich für sie haben könnten. Betrachte man die Kulturreflexion als „Veränderung dessen, was reflektiert wird“, erhalte sie, so Prof. Kettner, eine durchaus „praktische Pointe“. Wie hilfreich diese Pointe für die Entwicklung einer kulturdiagnostischen Sichtweise sein kann, verdeutlichte er anhand von Beispielen aus der Werbung, der Kunst, oder aufgrund psychoanalytisch geprägter Literatur. Insbesondere Erich Fromms analytische Kulturreflexionen würdigte er als „großartige Versuche“. Fromm, auf den er bei seiner Beschäftigung mit dem Thema immer wieder zurückkam, empfinde er „als neu zu entdeckenden kulturreflexiven Autor der Psychoanalyse“.

„Was aber wird in dieser Sichtweise aus der Moderne?“ fragte Prof. Kettner weiter. „Was aus den so genannten modernen Menschen? Und was vor allem aus der Freiheit?“ Statt dem Auditorium die Antworten gleich mitzuliefern, stellte er die These auf, dass Freiheit keine Eigenschaft etwa des Willens, sondern eine kulturelle Praxis und somit nie still gestellt sei. Garantiert sei einzig und allein ihre Unbeständigkeit. Diese Unbeständigkeit oder auch Kontingenz charakterisiere die Moderne. Und das Spezifikum der Moderne sei es, die „gesteigerte Kontingenz irgendwie zu verarbeiten“. Egal in welchem Bereich. Zwar sei Kontingenz die Voraussetzung für Freiheit, so Prof. Kettner weiter, sie habe aber im Umkehrschluss immer auch eine bedrohliche Komponente: nämlich ihre eigene Unbeständigkeit.


Nächste Veranstaltungstermine

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29.05.2012 - Siri Hustvedt, Ph.D., New York
Between You and Me: Art and Analysis

12.07.2012 - Dr. Ronald Britton, London
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