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Vortrag der Ringvorlesung zu Maskeraden der Gewalt

Der Vortrag über "Gefühlte Ungerechtigkeit" des renommierten Wissenschaftlers Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl war die zweite Veranstaltung im Rahmen der öffentlichen IPU-Ringvorlesungsreihe des Winter-Semesters "Pathologien der Moderne - Maskeraden der Gewalt". Prof. Haubl lehrt seit 2003 Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt / Main und ist derzeit stellvertretender Geschäftsführender Direktor des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt.

Haubl vertritt einen transdisziplinären Ansatz, wobei er sich neben der Psychoanalyse einer Reihe von zusätzlichen Methoden aus benachbarten Disziplinen, wie der Sozialphilosophie, Krankheitslehre, Verhaltensbiologie, aber auch der Ökonomie, bedient. Die Stifterin der IPU, Prof. Dr. Christa Rohde-Dachser, würdigte ihn als Wissenschaftler, dessen Arbeiten insbesondere über den menschlichen Neid ihn zu einem prädestinierten Redner für die Ringvorlesungsreihe mache.

Haubl erwähnte gleich zu Beginn seines Vortrags einige Studien- und Umfrageergebnisse, die belegen, wie weit die soziale Schere - ein idealer Nährboden für gefühlte Ungerechtigkeit - bereits auseinander gegangen ist. Aktuellen Zahlen aus dem Jahre 2008 zufolge besäßen in Deutschland die Reichen achtmal mehr als die Armen. In manchen Städten lebten 40 Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze. "Sie verhungern zwar nicht", so Haubl, aber sie "verelenden". Die Wahrnehmung der Menschen von sozialen Missständen dieser Art auf der einen Seite und auf der anderen Seite Firmen-Vorstände, die sich weit über die Unternehmenserlöse hinaus bereichern, erzeuge "gefühlte Ungerechtigkeit". Diese "besondere Art des Zorns" ist nach Einschätzung Haubls bereits soweit fortgeschritten, dass er die Demokratie "ein Stück weit" gefährdet sieht. Sein Eindruck bestätige sich auch anhand von Umfrageergebnissen aus den Jahren 2002 bis 2007. Demnach traue jeder Dritte im Osten und jeder Zweite im Westen der Demokratie nicht mehr zu, soziale Probleme zu lösen. Für ihn sei das gesellschaftlicher "Sprengstoff".

Der Wissenschaftler der Frankfurter Goethe-Universität erinnerte daran, dass schon für Sigmund Freud der Gerechtigkeitssinn eine Reaktionsbildung gegen Eifersucht und Neid war. Psychoanalytisch betrachtet sei Gerechtigkeit ein Ich-Ideal, der Gerechtigkeitssinn trete für ihre Realisierung ein. Die Zuhörer erfuhren, was Menschen fühlen, wenn sie ungerecht behandelt werden oder sich ungerecht behandelt fühlen und unter welchen Bedingungen diese sozialen Gefühle in Reaktionen wie Neid, Eifersucht oder gar Gewalt umschlagen können. Der Psychoanalyse bescheinigte er in diesem Zusammenhang, sie könne dabei helfen, die zu Grunde liegenden Motive zu klären. Auch habe Freud bereits gewusst, dass sich das Ungerechtigkeitsgefühl am stärksten durch Rache befriedigen lässt. Haubl ist überzeugt, dass man erst durch eine Enttabuisierung von Gewalt die Realität anerkennen könne und dadurch "an Spielraum" zurückgewinne.

Die abschließende Fragerunde offenbarte ein reges Interesse der anwesenden Gäste an der gestellten Thematik der Ringvorlesungsreihe. Viele Teilnehmer nutzten noch das anschließende Beisammensein zu vertiefenden Gesprächen mit anderen Gästen, Hochschullehrern und Studierenden der IPU.

Interessenten sind herzlich zu allen weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Vorlesungsreihe eingeladen.

Nächster Veranstaltungstermin:

12.1.2012 - Prof. Rolf-Peter Warsitz, Kassel
Moderne Höllen