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Von Worten, die ausgrenzen und Taten, die zerstören

Im geographischen wie fachlichen Sinne grenzüberschreitend war der Vortrag von Professor Dr. Joachim Küchenhoff im Rahmen der öffentlichen IPU-Ringvorlesungsreihe „Abjekte der Moderne“. Der Wissenschaftler Joachim Küchenhoff ist Professor an der Universität Basel, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Psychatrie Baselland. Er ist Autor, Co-Autor und Herausgeber vieler Bücher.  Am 24. Januar 2013 besuchte er die International Psychoanalytic University (IPU) Berlin und sprach dort über das „Wegwerfen, Verwerfen, Ausstossen? Wie Abfall entsteht und wiederkehrt. Semiotische und soziopsychoanalytische Betrachtungen“.

In präzisen Schilderungen umriss Prof. Küchenhoff seine Gedanken über Deutungsansätze aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich nicht nur mit dem vordergründig Unfassbarem (die Rede war u.a. von einer Installation über die bevorstehenden Gräueltaten der Nazis) aus einer rein wissenschaftlichen Perspektive heraus beschäftigten, sondern auch einen konkreten Bezug zur Geschichte und der Gegenwart aufwiesen (Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Hilfen für Asylbewerber kein menschenwürdiges Existenzminimum zulassen und deshalb zu erhöhen sind).

Seinen Ausführungen stellte er seine Definition zum Konzept des Abjekts voran: diesem „Begriff“, der „ungemütlich genug und nicht so leicht zu fassen“ sei. Das Abjekt entstehe mit den ersten Trennungslinien des Ich. Diese seien komplex, ließen sich in verschiedene Richtungen ausziehen und klären. Der Gewinn in der Auseinandersetzung mit diesem Konzept liegt in der Meinung des Psychoanalytikers Küchenhoff darin, dass sich Übergänge zwischen vielen Erlebnisbereichen, also in den „Prozessen von Ein- und Ausschließen“, fassen ließen. Ihn interessieren besonders die Prozesse an diesen Übergängen, sagte Küchenhoff, die auch soziologisch relevant sind. Beispielsweise könnten gesellschaftliche Prozesse dahingehend untersucht werden, welche Auswirkungen Grenzziehungen haben würden. Genauso interessant zu fragen sei, wer in sozialen Ausgrenzungsprozessen geopfert oder aufgegeben werde. „Welche Kraft geht von dem aus, was ausgegrenzt und was weggeworfen wird?“ formulierte er eine weitere Frage.

Prof. Küchenhoff sprach über psychische (Ausgrenzungs-)Räume, nutzte also Raumbilder psycho- und auch ein Stück weit soziodynamisch für die Darstellung von Ausgrenzungsformen. Diese Raummetaphern untersuchte er nach drei Gesichtspunkten: (1) ihrer klinisch-psychoanalytischen Relevanz; den (2) ihnen zugrunde liegenden zeichentheoretischen, semiotischen Mechanismen und (3) deren soziodynamische Entsprechungen.

Wenn man über Abjekte rede, müsse man auch über Macht reden – psychische ebenso wie soziale oder gesellschaftliche Macht. „Abjektale Räume sind immer auch Rückzugsräume, die wir ernst nehmen müssen“ so Küchenhoff. In abjektalen Räumen sei immer etwas aufgefangen, was in der „Macht des Bewusstseins, der Macht von Tauschökonomien“ verloren gehe. Räume seien nicht per se immer gleich negativ. Es komme vielmehr auf den „Grad des Erhalts ihrer symbolischen Ordnung oder ihrer Zerstörung“ an. Räume können demzufolge unterschiedlich stark abjektiv sein. Was Küchenhoff damit meinte, schilderte er – bezugnehmend auf eindringliche, auch schreckliche Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit bis ins aktuelle Zeitgeschehen hineinreichend – anhand von fünf Raumbildern (Krypta, Sanktuar, Ermitage, Lager, Müllberg), die in dieser Hinsicht als „Vergegenständlichung und Eingrenzung“ der von ihm beschriebenen abjektiven Prozesse zu begreifen waren.