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Moderne Höllen als paradiesische Erfahrung

Am 12.01.2012 versammelten sich im Großen Hörsaal der IPU wieder zahlreiche Gäste, um den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Rolf-Peter Warsitz über "Moderne Höllen" zu hören. Der Mitherausgeber der Zeitschrift PSYCHE und Professor an der Universität Kassel folgte der Einladung der Vorbereitungsgruppe, um an diesem Abend die dritte Veranstaltung im Rahmen der öffentlichen IPU-Vorlesungsreihe "Patholgien der Moderne - Maskeraden der Gewalt" zu bestreiten.

Prof. Warsitz überbrachte seine wichtigste Botschaft gleich am Anfang seines Vortrags; das Anliegen der Psychoanalyse sei es, "Deutungsmuster des Jenseitigem im Diesseitigen" herzustellen. Diesem Motto folgend schlug der promovierte Philosoph und Mediziner anschließend einen zeitgeschichtlichen Bogen, der bis weit zurück in die griechischen Mythologie reichte. Er wies darauf hin, dass deren tragische Helden und Mächte der Unterwelt über Jahrhunderte hinweg berühmte und weniger berühmte Maler inspirierten, die epochale Auffassung über die "Hölle" in Form von ausdruckstarken Gemälden darzustellen. Die "schrecklich schöne" Bildsprache dieser alten Meisterwerke, von Prof. Warsitz als "klassische Höllen" tituliert, könne den Psychoanalytikern - im Gegensatz zu der im Vergleich dazu unsagbaren Bilderwelt über die Katastrophen des "traumatisierten 20. Jahrhunderts", ergo der "modernen Höllen" - durchaus wichtige Impulse bei ihrer Arbeit liefern. Als praktizierender Psychoanalytiker setze er im Umgang mit Borderline-Patienten auf die Symbolkraft eben dieser "klassischen Höllen", um eine gemeinsame "Sprache" zwischen ihm und seinen Patienten herstellen zu können.

Das "Sprechen zu ermöglichen, da wo man nicht sprechen kann" kennzeichne die Psychoanalyse, sagte der Analytiker Warsitz und schilderte den Fall einer von ihm behandelten Borderline-Patientin, die ihm auf eine unangenehm ostentative Art und Weise ihre Schnittwunden präsentierte, jedoch nicht imstande war, darüber zu sprechen; solange, bis er ihr sagte, er halte das nicht mehr aus. Dann, so Warsitz, erst dann war der Bann gebrochen und sie äußerte das Gefühl, zum ersten Mal verstanden worden zu sein. Diese "Repräsentierbarkeit des Nicht-Sagbaren" herzustellen, ist seiner Auffassung nach Aufgabe der Psychoanalyse. Insbesondere bei der psychopathologischen Auseinandersetzung mit Borderline, diesem "Symptom der Moderne", das in vielen Fällen geprägt sei durch eine Sprache der Inszenierung von "in die Haut geritzter Zeichen" der betroffenen Personen, habe sich Prof. Warsitz' Beobachtungen zufolge die Kraft der Bildsprache der "klassischen Höllen" bewährt, um zu dem tief verborgenen Seelenleben der Patienten vordringen zu können.

Die Auffassung des Wissenschaftlers, man könne all die traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht "literarisieren", teilten nicht alle der fachkundigen Gäste. Während der vorgestellte Denkansatz einer Teilnehmerin eine regelrechte "paradiesische Erfahrung" bescherte, verspürte eine andere geradezu "Kulturpessimismus". Jedoch, es ist das Ziel der Vorlesungsreihe, einen Diskurs zwischen der Psychoanalyse und den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften anzustoßen und zu etablieren. Und die Fragen und Kommentare der fachkundigen Gäste waren schließlich so vielfältig, dass die Gespräche bei einem kleinen Umtrunk in gemütlicherer Atmosphäre noch eine ganze Weile weitergeführt wurden.

Interessenten sind wieder herzlich auch zu der letzten Veranstaltung im Rahmen der Vorlesungsreihe in diesem Wintersemester 2011/12 eingeladen.

Nächster Veranstaltungstermin:

09.02.2012 - Prof. Hartmut Böhme, Berlin
Archaisierung der Gewalt in der gegenwärtigen Moderne