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Migration – Trauma in Transition

Exploring sociotraumatic roots of dealing with refugees. East-West-Dialogue with universities in the Western Balkans. DAAD-gefördertes, internationales Forschungsprojekt.

Die sogenannte Balkanroute hat in den letzten Jahren unrühmliche Bekanntheit erlangt. Über die Türkei nach Griechenland, Serbien, Kroatien und Slowenien sind viele Menschen aus den Kriegsgebieten in Syrien nach Deutschland geflohen. Oftmals sind sie traumatisiert von den Erlebnissen in ihrer Heimat oder auf der Flucht. Die klinische Bezeichnung für dieses ganze Menschengruppen betreffende Phänomen ist „soziales Trauma“. Im Forschungsprojekt „Migration – Trauma in Transition“ werden die Folgen und die Hintergründe von sozialen Traumata erarbeitet, die im Rahmen von teilweise erzwungener Migration entstehen.

Ziel ist es, die Forschungsergebnisse zu sozialen Traumata auf die neue Situation und die Erfordernisse der Flüchtlingskrise zu beziehen. Seit 2012 hat sich unter Beteiligung der IPU Berlin ein Forschungsnetzwerk gebildet, aus Professoren, Studierenden und Westbalkan-Experten. 2016 endete das erste gemeinsame Projekt „Trauma, Trust, and Memory“. Mitte Juli saß die Gruppe aus Bosnien-Herzegovina, die aus der Föderation und der Republika Srpska besteht, Serbien und Bulgarien mit dem Projektleiter Andreas Hamburger von der IPU zur Koordination des neuen Projekts in Berlin zusammen.

Migration – Trauma in Transition

Von links nach rechts: Asst. Prof. Dr. Slavica Tutnjević (Banja Luka, Bosnien-Herzegowina), Prof. Dr. Dzenana Husremović (Sarajevo, Bosnien-Herzegovina), Chief Asst. Prof. Camellia Hancheva (Sofia, Bulgarien), Asst. Prof. Dr. Biljana Stanković (Belgrad, Serbien), Dr. Maida Koso-Drljević (Sarajevo, Bosnien-Herzegovina), Prof. Dr. Vladimir Hedrih (Nis, Serbien)

Gemeinsam tauschen Forscher und Praktiker aus der Arbeit mit Geflohenen Wissen und Erfahrung aus, um Interventionsstrategien und Vorgehensweisen zu entwickeln. Ein Hauptziel dieses Dialogs ist es, die zwangsläufige Verbindung von sozialem Trauma mit Migration zu verdeutlichen. Häufig sind soziale Traumata der Hauptgrund für Auswanderung. Neben den Erfahrungen während der Flucht kann auch der Umgang in Transit- oder Aufnahmeländern (re)traumatisierend auf die Menschen wirken. Zudem treffen die neu ankommenden Fliehenden in den Westbalkan-Staaten auf Gesellschaften, die erst vor wenigen Jahren Kriegszustände hinter sich gelassen haben. In diesen Ländern, die sich selbst sozial, ökonomisch und politisch teilweise noch nicht konsolidieren konnten, existiert ein eher abweisender Umgang mit dem Ansturm weiterer hilfs- und unterstützungsbedürftiger Menschen.

So entsteht ein Interaktionseffekt, wenn die Neuankommenden auf nicht oder unzureichend aufgearbeitete Traumata in den Aufnahmeländern treffen. „Selbst Geflohene versuchen aus Bulgarien zu entkommen“, erklärt dazu Vladimir Hedrih, „sie sagen sich ‚wir möchten lieber hier raus kommen, als die Zustände zu erleben‘.“ Andererseits sind die Fluchterfahrungen vieler Balkanbewohner noch nicht lange her. Dadurch könnten sich viele von ihnen besser einfühlen und die Fliehenden freundlich empfangen – de facto geschieht dies jedoch eher nicht.

In der Zusammenarbeit im Forschungsnetzwerk geht es um die Schlüsselfrage, wie in demokratischen Diskursen mit konflikthaften Gruppenidentitäten umgegangen werden kann. Eine Schlüsselfrage, die gerade die Destabilisierung des Nahen Ostens und die Fluchtwelle neu und verschärft stellt. Für diesen Umgang braucht es eine Kooperation, bei der die oft hoch emotionalen Abstoßungsprozesse zwischen den verschiedenen Nationen und Menschengruppen aufgearbeitet werden. „Dazu ist es ganz wichtig, auch möglichst viele Psychologie-Studierende mit ins Boot zu holen, weil sie als neue Generation dabei helfen können, ihre Länder vorurteilsfreier und somit demokratischer zu gestalten“, betont die Projektkoordinatorin Carmen Scher. Es ginge um nicht weniger als das Überwinden von kriegsbedingten Traumata – um die Arbeit an einer besseren gemeinsamen Zukunft.