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Migration als Wirkungsfeld für Psychoanalyse

Sie hat wegweisende psychoanalytische Studien durchgeführt sowie zahlreiche Monographien, Aufsätze und Sammelbände veröffentlicht, die inzwischen als Klassiker der psychoanalytischen Forschung gelten. Als „Wandlerin zwischen den Welten“ gelang ihr immer wieder der diskursive Brückenschlag zu anderen Disziplinen wie den Neurowissenschaften. Für ihre Arbeiten und internationales Engagement wurde sie mit Preisen ausgezeichnet, u.a. in 2004 mit dem Research Prize der International Psychoanalytic Association. 1980 promovierte sie in Zürich. Seit 1988 ist sie Professorin für Psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel und seit 2002 leitet sie als Direktorin im Wechsel mit Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl die Geschäfte des Sigmund-Freud-Institutes (SFI) in Frankfurt am Main. Die Rede ist von der gebürtigen Schweizerin Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber.

Am 30. Mai 2013 war die erfahrene Psychoanalytikerin und Autorin zu Gast an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin und hielt im Rahmen der Ringvorlesungsreihe ›Modernities – Konfligierende Modernen‹ einen Vortrag, der den Titel „Erste Schritte – ein Frühpräventionsprojekt für Familien mit Migrationshintergrund“ trug.

Bevor die renommierte Wissenschaftlerin näher auf das von ihr maßgeblich mitgeprägte Konzept der 'aufsuchenden Psychoanalyse' für Familien mit Migrationshintergrund einging, erläuterte sie, in welchem Ausmaß die gesellschaftlich-institutionellen Veränderungen und ökonomische Interessen die Psychoanalyse der Gegenwart beeinflussen. Auf der ganzen Welt außer im Westen, so Leuzinger-Bohleber, wachse das Interesse an Psychoanalyse. Die Nachfrage nach psychoanalytischen Heil- und Behandlungsmethoden steige vor allem in Ländern wie China oder in Osteuropa rasant. Laut einer Prognose der World Health Organisation (WHO) werde die Depression bis zum Jahr 2020 die weltweit zweitgrößte Krankheit sein.

Analog zu den gesellschaftlichen Umbrüchen sind die Anforderungen an die Psychoanalyse gestiegen. Psychoanalyse begann einst als „one man army“ (nach Alexander Mitscherlich). Heute sei mehr denn je eine 'aufsuchende Psychoanalyse', also das „Vor-Ort-sein“, gefragt. Von den Entwicklungen der letzten Jahre wurde auch das Sigmund-Freud-Institut ergriffen. Das Frankfurter SFI ist hierzulande eine etablierte Einrichtung und repräsentiere die „Verankerung der Freudschen Psychoanalyse“ in Deutschland, konstatierte Leuzinger-Bohleber. Über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Institutes sorgen auf vielfältige Weise für die ständige Weiterentwicklung der klinischen Behandlungsmethoden und Ausbildungsstandards.

Sie kam nun zurück zum Kern ihres Vortragsthemas. Auf die Frage, was die Psychoanalyse als Antwort auf dissoziative Problematiken im Kontext von Migration zu bieten habe, antwortete sie mit zwei Fallbeispielen aus aktuellen SFI-Projekten, bei denen die Methodik der 'aufsuchenden Psychoanalyse' zur Anwendung kommt. So wie in dem Projekt mit dem Akronym 'EVA'. Leuzinger-Bohleber ist im Rahmen des EVA-Projektes psychoanalytische Supervisorin für eine Gruppe von Kindergarten-Erzieherinnen. 'EVA' wird in Stadtteilen mit einer hohen sozialen Probemlage umgesetzt. Kriseninterventionen und Therapien werden dabei ausschließlich von „gestandenen Kindertherapeuten“ durchgeführt, sagte sie.

In dem von ihr geschilderten Beispiel ging es um einen viereinhalbjährigen Jungen aus einem ostafrikanischen Land, dessen Erzieherinnen mit ihm überfordert seien. Dem Jungen fehle es nach Ansicht der Erzieherinnen völlig an innerer Struktur. Zwar sei er ein „fittes Kerlchen“, aber sehr aggressiv, ohne jegliche Impulskontrolle, und er scheine die einfachsten Regeln nicht zu kennen. Außerdem sei er „hyperaktiv“. Weil er so aggressiv sei, habe er laut der Erzieherinnen auch keine Freunde. Trotzdem komme er sehr gerne in die Kita. Seine Mutter strafe ihn, indem sie ihn nicht in die Kita lasse. Die Mutter wurde von den Erzieherinnen als eine sehr schöne Frau beschrieben, die sich allerdings „mehr für Mode als für ihre Kinder“ interessiere, auch sei sie „arrogant“ und „hochnäsig“.

Eine der Erzieherinnen berichtete der Supervisorin Leuzinger-Bohleber von einer Unterredung mit der Mutter des Jungen. Diese hatte ihr gegenüber erwähnt, dass ihr Mann und Vater des Jungen an dem Tag der Geburt ihres zweiten Kindes durch einen politisch-motivierten Anschlag während einer Fluchtsituation aus einem Krisengebiet ums Leben gekommen sei. Exakt diese Aussage der Erzieherin habe einen Wendepunkt eingeläutet. Laut Leuzinger-Bohleber wurde bei dem Jungen folgendes Symptom indiziert: er schreie jede Nacht so laut „Mama, Mama!“, dass sich die Nachbarn bereits beschwert hätten und die Mutter infolgedessen Angst vor der Kündigung durch den Vermieter habe. „Also was ist da los?“, fragte Leuzinger-Bohleber. Physisch sei die Mutter zwar anwesend, sie verharre jedoch in einem "dissoziativem Zustand", also einem schweren Trauma oder Depression, „deshalb erreicht sie der Junge nicht“. Folglich versuche er, „sie durch Schreien emotional zu erreichen“, erklärte Leuzinger-Bohleber. Auf Basis dieser Hypothese stütze sich nun der laufende Kriseninterventionsprozess, bei dem das Wissen um kulturelle Merkmale und Sekundärprobleme von Migration (bei dem genannten Beispiel handelt es sich um wegbrechende familiäre Haltestrukturen, fehlende Trauerrituale, starke Isolation und schweres Heimweh nach der Ursprungskultur) eine entscheidende Rolle spielen.

Hinweis
Der für den 27. Juni 2013 geplante Vortrag von Prof. Dr. Wielant Machleidt (Hannover) entfällt. Eine Neuauflage der Ringvorlesungsreihe zum kommenden Winter-Semester 2013/14 ist in Planung.