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Grenzen überwinden, nicht mehr schweigen

IPU-Studierende berichten vom Israel-Austausch im August 2017

Über dem Toten Meer scheint ein heller Vollmond. Es ist Nacht und trotzdem zeigt das Thermometer deutlich über 30° Celsius. Im Wasser treibt eine Gruppe junger Menschen, sie halten sich an den Händen und bilden einen großen Kreis. Für die meisten ist es ein merkwürdiges Gefühl, zum ersten Mal den Auftrieb des stark salzhaltigen Wassers zu spüren. Doch das gemeinsame Liegen auf dem Wasser schafft eine Verbindung. Es ist Ende August 2017 und die Badenden sind die Teilnehmer des Israel-Austauschprogramms der IPU.

Je zwölf Studierende von der IPU und der Hebrew University begegneten sich im letzten Sommer für zwei Wochen – zunächst in Berlin, zwei Wochen später in Jerusalem. Beim gemeinsamen Schwimmen im Toten Meer herrschte ein Moment der Ruhe, in dem die schwelenden Konflikte in den Hintergrund treten. Denn die Verwerfungen zwischen „Deutschen“ und „Israelis“ sind auch 70 Jahre nach dem Holocaust wirksam. Scham- und Schuldgefühle kommen immer wieder auf, es gibt gegenseitige Vorwürfe und Unverständnis. Die Begegnung rührt an ganz persönliche Empfindungen und es war eine sehr intime Erfahrung, da sind sich alle einig.
Diese Intimität zeigt sich auch bei der Vorstellung der Erfahrungen der deutschen Gruppe vor interessierten Studierenden und Universitätsmitgliedern der IPU. Audioaufnahmen möchte niemand von seinen Berichten erstellen lassen. Die Sensibilität des Themas ist zu spüren. Darum taucht in diesem Text auch keiner der Studierenden mit Namen auf.

Anlass für den Austausch war der psychoanalytische Gedanke, sich mit der eigenen Vergangenheit und Herkunft auseinanderzusetzen. Der Massenmord an sechs Millionen Juden zur Zeit des Dritten Reichs hat tiefe zwischenmenschliche Wunden geschlagen, die auch Generationen später spürbar bleiben. Die IPU-Studierenden begaben sich daher in eine Situation, die bedeutete, sich mit diesen tiefen Wunden zu konfrontieren.

So sahen sich die deutschen Teilnehmer schon vor Beginn des Austauschs einer Spaltung ausgesetzt, die im Antisemitismus des Nationalsozialismus wurzelt und sich nun erneut reinszenierte: Da gibt es die Gruppe der Deutschen und die Anderen, die Gruppe der Israelis. Diese ungewollte, aber wirksame Trennung der beiden Gruppen blieb während der Aufenthalte in Berlin und Jerusalem zu spüren. An einem geselligen Abend kam es in einer Bar zu einem Tischkickerspiel – zwischen zwei deutschen und zwei israelischen Teilnehmern. Plötzlich herrschte eine deutliche Spannung im Raum, alle verstummten. „Zum Glück“, sagt eine Teilnehmerin, „ging die Partie dann unentschieden aus.“ Es gibt auch ein Foto von der Situation. Darauf zu sehen ist der Handshake der Kontrahenten nach dem Remis.

Das Gefühl, dass es zum Glück noch einmal gut gegangen ist, zieht sich durch die Berichte der Studierenden. Die Tage in Berlin seien vergleichsweise unproblematisch gewesen. Nach der Ankunft in Jerusalem habe der Zusammenhalt dann zu bröckeln begonnen. „Am letzten Tag“, erzählt eine Teilnehmerin, „als wir mit einer Gruppe zusammentrafen, die sich als politisch links versteht, dachte ich: ‚Jetzt bricht es auseinander.‘“ Gerade, wenn Themen aufkamen, in denen „rechte“ und „linke“ politische Haltungen eine Rolle spielten, sei die Spaltung besonders spürbar gewesen. Während es in Deutschland „eigentlich nicht geht rechts zu sein“, sei die Orientierung in Israel aufgrund der eigenen, unvergleichbaren Geschichte eine ganz andere. Es kostete die Deutschen einige Zeit, um das zu verstehen.

Daher entstanden auch Vorwürfe der deutschen Gruppe gegenüber, etwa der falschen Anteilnahme am Schicksal der Palästinenser. An einem Tag zeigte sich das am realen Beispiel, als die Teilnehmer mit einer palästinensischen Familie zusammentrafen, die zwangsgeräumt wurde, nachdem sie 45 Jahre in ihrem Haus gelebt hatte. „Investoren entdecken dann Papiere, die beweisen, dass dort mal Juden gelebt haben und bekommen vor Gericht Recht, weil sich daraus ein gesetzlicher Besitzanspruch ableitet“, erklärt eine Teilnehmerin die Situation. Die aufkommenden Vorwürfe verstärkten diese grundsätzliche Problematik: „Es ist kaum möglich, eine Position einzunehmen im Nahost-Konflikt, vor allem als Deutsche.“

In Israel haben sich einige Organisationen zum Ziel gesetzt, den Dialog anzustoßen und in Gang zu halten. Beispielsweise die „Combatants for Peace“, die sich in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts einsetzen. Ein Projekt in diesem Zusammenhang nennt sich „Crack in the Wall“. Deren Idee ist es, einen telefonischen Austausch zwischen Palästinensern und Israelis herzustellen. Wer teilnehmen möchte, gibt an, welche Sprachen er spricht und wird mit einem anderen Interessierten „hinter der Grenze“ in Verbindung gebracht. So entstehen ganz kleine und einfache Begegnungen, bei denen beide Parteien merken können, dass hinter der Grenze kein Teufel lauert, sondern vielleicht ein anderer Vater oder eine andere Mutter, deren Schicksale ganz ähnlich sind wie die eigenen.

Es war dieser Wille zum Austausch, die anhaltende Motivation aller Teilnehmenden, die innerhalb der Studierendengruppe den Zusammenhalt bewahrte. „Es gilt immer wieder Grenzen zu überschreiten – durch Kommunikation“, so formuliert eine Teilnehmerin einen möglichen, aber auch notwendigen gemeinsamen Umgang. Es müsse noch viel mehr solcher Austauschprogramme geben, das Schweigen überwunden, Themen immer wieder angesprochen und diskutiert werden.

Zentraler Ort für dieses Ansprechen und Erinnern ist Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Als die Gruppe dort zu Besuch war, zeigte sich die Spannung aus Schweigen und notwendigem im Gespräch bleiben besonders deutlich. Es ist erklärtes Ziel in Yad Vashem, den Opfern ein Gesicht zu geben, jedem Einzelnen. So wie auch den Nazis ein Gesicht gegeben wird, um zu zeigen, wie sie waren.

Diese intensive Auseinandersetzung mit den vielen expliziten Bildern und Geschichten ist extrem bedrückend. Schon Minuten nach Beginn der Führung sei bei allen Gruppenmitgliedern ein Schweigen entstanden, das bis zur allabendlichen Reflexionsgruppe angehalten habe. „Es ist schwierig Worte dafür zu finden, die das Grauen angemessen erklären könnten“, versucht eine Teilnehmerin das Problem zu beschreiben – und ringt auch hier um die wenigen Worte. Dennoch: Yad Vashem hilft in Kommunikation zu kommen und zu bleiben. In der Gedenkstätte wird eine Erinnerung am Leben gehalten, die ein Leiden zeigt, das niemals in Vergessenheit geraten darf: „Damit wir daraus lernen und verhindern, dass jemals wieder so etwas geschieht.“