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Gleich und Gleich gesellt sich gern

In der Lesart des britischen Psychoanalytikers Dr. Ronald Britton steht dieser sprichwörtlichen Auffassung über natürliche Überzeugungen bei Menschen immer auch eine  analytische Betrachtungsweise gegenüber. Um Zugang zu bekommen in die Welt, in der ein Patient gerade lebt, müsse sich der Analytiker nicht nur mit natürlichen, also ethisch manifestierten, sondern auch mit "unnatürlichen, unheimlichen Überzeugungen" auseinandersetzen. So lautete eine der Kernaussagen des renommierten Wissenschaftlers und Autors Dr. Britton in seinem Diskurs über "Natural, Unnatural and Super-natural Beliefs" (so der Titel seines Vortrags) am Abend des 12.07.2012.

Dr. Britton, ehemals Präsident der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft (BPA) sowie Vizepräsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA), ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Psychoanalyse. Er betreibt heute seine eigene Praxis in London, nachdem er mehrere Jahre an einer psychiatrischen Klinik tätig war. Er vertritt einen vorwiegend klinischen Ansatz, beschäftigt sich jedoch immer wieder mit der Beziehung der Psychoanalyse zu angrenzenden Wissenschaften.

Seine Abhandlung führte ihn zurück bis in die Entstehungszeit der Psychoanalyse in England. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die beiden Briten Wilfred Trotter, Chirurg und Pionier der Neurochirurgie und Ernest Jones, Psychoanalyst und der erste Biograph Sigmund Freuds, unter den Ersten, die sich intensiv mit Freud auseinander setzten. Auf deren Erkenntnisse stützt sich Dr. Britton in seiner analytischen Arbeit bis heute. Trotter, der einst niederschrieb, dass Glauben eine "unauslöschliche natürliche Neigung des Menschen" sei, wurde von Dr. Britton dahingehend interpretiert, dass Menschen "große Schwierigkeiten" hätten, aus "Erfahrung zu lernen". Dr. Britton sagte, dass natürliche Überzeugungen eben nicht auf Vernunft basierten, obwohl sie für sich in Anspruch nähmen, "auf dem Wege der Vernunft" erreicht worden zu sein.

Zur Verdeutlichung seiner Erkenntnisse schilderte Dr. Britton präzise Beispiele aus seinem klinischen Alltag. Er berichtete von einer Patientin ohne "natürliche Überzeugungen" und dass sich dieser Umstand bei ihr in einer "alptraumhaften kognitiven Welt" äußerte. Ganz ähnlich jener Welt, fuhr Dr. Britton fort, welche David Hume bereits vor langer Zeit philosophisch beschrieb.

Dr. Britton stellte klar: Was bei den Einen als unnatürlich angesehen wird, wie "archaische Überzeugungen" oder "Kannibalismus, weibliche Beschneidung oder Sati-Rituale", nehmen Andere wiederum als "selbstverständliche, offensichtliche Tatsachen" wahr. Erklärungsansätze, warum Überzeugungen "natürlich oder auch nicht natürlich" erscheinen, seien in der Beziehung zu den Überzeugungen zu suchen und nicht in den Überzeugungen selbst. Nach Meinung von Dr. Britton müsse die Anstrengung eines Analytikers folglich darin bestehen, "Erinnerung und Begehren beiseite zu legen" und "die Unsicherheit anzunehmen", um Einlass in die Welt eines Patienten gewährt zu bekommen.

Was für den klinischen Alltag gilt, gilt nicht gleichermaßen für den Analytiker als Privatperson. Zum Ende seines Vortrags brachte Dr. Britton noch einmal auf den Punkt, was der schottische Philosoph Hume erkennen ließ, als er beschrieb, in welch glücklicher Lage er sei, nach "Verlassen des Arbeitsplatzes zu seinen natürlichen Überzeugungen zurückkehren zu können".