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Forschungsprojekt: Das vermessene Leben

Produktive und kontraproduktive Folgen der Quantifizierung in der digital optimierenden Gesellschaft

Schritte zählen, Puls messen und das Essen nach Nährwerten aufschlüsseln. Das sind nur ein paar der möglichen Werte, die mit Smartphone-Apps und Fitnessarmbändern aufgezeichnet werden können. Self-Tracking nennt sich das dahinterstehende Konzept.

Im neuen Forschungsprojekt „Das vermessene Leben“, an dem auch die IPU teilnimmt, werden die Folgen dieser fortschreitenden Quantifizierung des Lebens untersucht. In dieser Woche wurde die Forschungsförderung durch die VolkswagenStiftung für drei Jahre bewilligt. Das Vorhaben ist eine Kooperation von Prof. Dr. Vera King (Goethe-Universität & Sigmund Freud-Institut Frankfurt/Main), Prof. Dr. Hartmut Rosa (Universität Jena & Max-Weber-Kolleg Erfurt) und Prof. Dr. Benigna Gerisch (IPU Berlin). Anknüpfungspunkt ist das Forschungsprojekt „Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne“ (APAS), das die drei Professor/-innen bereits gemeinsam geleitet und im letzten Jahr beendet haben.

Benigna Gerisch erzählt im Interview, wie die Digitalisierung dazu beiträgt, dass Menschen sich immer stärker an Zahlen orientieren und welche Folgen das Self-Tracking haben kann.

IPU: Frau Gerisch, an welcher Stelle knüpft „Das vermessene Leben“ an das Vorgängerprojekt an?
Benigna Gerisch: Im APAS-Projekt ging es um die Folgen der Beschleunigungsdynamiken. Eine Folge sind gestiegene Optimierungs- und Perfektionierungsanforderungen. Was sich ergeben hat und einer systematischen Untersuchung bedarf, ist der Kontext der Digitalisierung. Der Schwerpunkt des Projekts liegt dabei auf der Orientierung an der Zahl.

IPU: An welchen Zahlen orientieren sich die Menschen in der digitalen Welt?
Gerisch: Klassische Beispiele sind Facebook-Freundschaften oder Likes. Oder wenn wir über den Bereich der Körperoptimierung sprechen, dann sind es Gesundheits-Apps, mit denen Zahlen erhoben werden. Auf iPhones ist beispielsweise obligatorisch die Schrittzahlmessung installiert. Dazu gibt es dann einen normativen Hype. Plötzlich ist klar: Pro Tag muss man mindestens 10.000 Schritte zurücklegen. All diese Self-Tracking-Bestrebungen laufen auf Zahlen hinaus. Pausenlos wird sich in Vergleich gesetzt über die Zahl. Das betrifft dann auch die Anzahl der Likes auf Facebook. Vera King hat dazu in ihrer Publikation sehr passend einen jungen Mann zitiert: „Würde ich mein wahres Gesicht zeigen, verlöre ich sofort 10.000 Follower.“

IPU: Neben dieser individuellen Ebene untersuchen Sie auch Organisationen. In welchen Bereichen wird sich dort auf Zahlen fixiert?
Gerisch: Ein naheliegendes Beispiel sind wir selbst, also der Universitätsbetrieb. Für die Reputation von Professoren ist unter anderem die Zahl der Publikationen wichtig. Ich selbst habe 20 Jahre lang in einer Uniklinik gearbeitet und erlebt, dass nicht die reine Anzahl, sondern auch der Impact-Faktor der Journale zählt, in denen publiziert wird. Denn nicht jede Zeitschrift ist gleich hoch gescored. Solche Dinge spielen in Bewerbungen eine große Rolle und sie dienen als ein vermeintlicher Ausweis für die Qualifikation des Bewerbers. Was vollkommen unbeachtet bleibt, ist die Frage nach den persönlichen Kompetenzen, beispielsweise in der Lehre und der täglichen Zusammenarbeit mit Studierenden und Kollegen.

IPU: Welche problematischen Folgen kann das haben?
Gerisch: Zunächst möchte ich zur Vorsicht mahnen: Es geht nicht darum, alles Neue mit einer kulturpessimistischen Haltung kritisch zu beäugen. Aber so manche Jugendlichen und jungen Erwachsenen fürchten sich inzwischen regelrecht vor der Nutzung von Social Media. Durch den dort beständig praktizierten Vergleich können Selbstwertproblematiken verstärkt werden, die ohnehin schon eine große Rolle in dieser Lebensphase spielen.

IPU: Und gibt es auch positive Effekte?
Gerisch: Ganz sicher, das wären dann die produktiven Folgen. Etwas vereinfacht formuliert: Ein stark übergewichtiger Mensch mit einem Diabetes- oder Herzinfarktrisiko fängt möglicherweise an, sich durch Gesundheits-Apps wieder mehr um sich selbst zu kümmern. Manche vernetzen sich über die Apps. Das hat dann eine beziehungsstiftende und selbstfürsorgliche Funktion. Das Problem ist natürlich immer die Balance. Gegen Self-Tracking ist prinzipiell gar nichts einzuwenden. Aber die Interviews, die wir geführt haben, zeigten, dass viele dieser Menschen ständig um sich kreisen. Der Fokus ist viel mehr als in früheren Zeiten auf der Selbstoptimierung. Das hat Vorrang vor der Beziehung. Ich will viele Facebook-Freunde, aber wie verlässlich und vertrauensvoll die einzelne Beziehung ist, zählt weniger.

IPU: Wie gehen Sie in Ihrer Untersuchung vor?
Gerisch: Das Alleinstellungsmerkmal in unserer Untersuchung ist, dass wir einen transdisziplinären Ansatz haben, schon repräsentiert in der breiten Expertise der Projektleiter/-innen aus Soziologie, Psychoanalyse, Sozialpsychologie usw. Im Teilprojekt von Prof. Rosa geht es um die digitale Quantifizierung in Organisationen, beispielsweise ermittelt anhand von Experteninterviews im Bereich der Berufsberatung. Bei Prof. King geht es um die Bedeutung von und Orientierung an Zahlen, insbesondere in der Beziehungsgestaltung in Social Media in Relation zur nicht-digitalen und Face-to-face-Kommunikation. Bei uns in Berlin fokussieren wir die intrapsychische Ebene, insbesondere in Bezug zur Körperpraxis von Patient/-innen.  Im Vorgängerprojekt sind wir beispielsweise auf drei Störungsgruppen gestoßen, bei denen das Selbstoptimierungsprinzip Teil der Symptomatik ist: Burnout, Bulimie und Depression. Im neuen Projekt wird es zudem um die Self-Tracker gehen, die dieses Optimierungsprinzip und die Zahlenfetischisierung auf die Spitze treiben.

IPU: Gibt es denn auch praktische Schlussfolgerungen aus den Projekten?
Gerisch: Es geht uns nicht darum, direkte Empfehlungen abzugeben. Wir wollen vielmehr dafür sensibilisieren, dass es psychische Dispositionen gibt, die in besonderer Weise passförmig sind für bestimmte Anforderungen und normative Imperative – und auf diese Weise bedeutsam und handlungsleitend werden. Nehmen wir die Praxis der Organisationsberatung: In diesen Beratungsprozessen geht es dann nicht nur um die Analyse von dysfunktionalen Organisationen, sondern in einem zweiten Schritt auch um die psychische Disposition des Einzelnen. Das in den Blick zu bekommen, gewissermaßen das Scharnier zwischen Kultur, Gesellschaft und Psyche, ist ein Bemühen von uns seit Langem.