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Die Reise von der Bindung zur Kommunikation

Peter Fonagy sprach am 15. Juni 2017 an der IPU zu seiner Forschung über Bindungstheorie und Psychoanalyse

Die Bindungstheorie sei „mechanistisch”, „reduktionistisch” und die Zuordnung in „breite Kategorien lassen die Feinheiten und Details des Untersuchungsmaterials verschwinden“ – sagen Psychoanalytiker. Bindungsforscher John Bowlby hielt seinerzeit dagegen: Die Psychoanalyse vernachlässige Umwelt und Erfahrungen zugunsten der psychischen Innenwelt. Es herrsche ein rigider Dogmatismus, die Metapsychologie sei spekulativ, es fehle an experimenteller Beobachtung.

Peter Fonagy ist ein Vermittler zwischen diesen beiden „Welten“ von Bindungstheorie und Psychoanalyse. In seinem Vortrag am 15. Juni an der IPU hat er das integrative Element von Bindungstheorie und Psychoanalyse vorgestellt: Epistemic Trust. Dahinter steckt die Idee, dass Menschen Vertrauen in die Worte ihres Gegenübers haben müssen, um Bindung aufbauen zu können. Bindung und Beziehungen entstehen demnach durch Kommunikation.

Mit diesem Konzept löst sich die statische Verbindung aus Mensch und Bindungsstil. Die Frage sei nicht, ob ein Kind „sicher gebunden“ ist, erklärt Fonagy. Vielmehr sei es wichtig, dafür zu sorgen, dass Kinder wissen, wie sie soziale Beziehungen eingehen und wem sie vertrauen können.

Die Bindungstheorie fokussierte sich traditionell auf eine dyadische Beziehung. Selbst die Triade aus Mutter, Vater und Kind wurde in der Forschung in die verschiedenen Zweierbeziehungen aufgeteilt. Fonagy betont dem gegenüber, dass Bindung in einem Netzwerk entsteht: insbesondere in nicht-westlichen Kulturen sei es selbstverständlich, dass Kinder verschiedene Bezugspersonen haben, die sich unabhängig von Ort und Zeit kümmern. Erst in der Zusammenschau der von allen betreuenden Personen erfahrenen Fürsorge ließen sich Aussagen über die Handlungsfähigkeit und die sozialen Kompetenzen des Kindes ableiten.

Fonagy erklärt die Bildung dieses sozialen Netzwerks als kommunikativen Prozess und veranschaulicht ihn aus soziobiologischer Perspektive. Demnach existieren fünf Charakteristika von Kultur. Am Anfang steht eine Technologie, die eine moralische Komponente mit sich bringt, da Regeln für den richtigen Umgang und den Missbrauch der Technologie festgelegt werden. Indem dieser Umgang gelernt wird, trennt sich die regelkonform handelnde In-Group von der missbrauchenden Out-Group. Mit der Zeit formt sich so über verschiedene Technologien hinweg der Charakter der Kultur. Die Regeln, die diese Kultur mit sich bringt, müssen gelernt werden, weshalb es Konzepte für deren Lehre braucht. In der Konsequenz ist eine epistemische Wachheit (Epistemic Vigilance) notwendig, also ein grundsätzlicher Wille zur Erkenntnis, zum Lernen. Nur so kann das kulturelle Wissen transgenerational weitergegeben werden.

Nun entsteht aber eine Herausforderung für den Einzelnen: Unterscheiden können, wessen Erkenntnis zu vertrauen ist. Zwischen verlässlichen und trügerischen Informationsquellen zu unterscheiden, lernen Kinder anhand bestimmter kommunikativer Merkmale oder Hinweise (Ostensive Cues). Ein klassisches Beispiel ist das Lächeln beim Blickkontakt. Dieses Verhalten wird vom Kind gespiegelt und schafft Vertrauen. Wichtig ist, dass das Kind als ein Selbst geachtet wird und besondere Aufmerksamkeit erhält.
Das können auch andere Bezugspersonen neben Mutter oder Vater sein. Jede Kommunikation, die das Gegenüber als intentional Handelnden begreift, fördert epistemisches Vertrauen. In der Folge steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen aus dieser Kommunikation als relevant und generalisierbar im Gedächtnis gespeichert werden. So angesprochen zu werden ist das zentrale biologische Signal für den Menschen, dass es „sicher“ ist, von einem Menschen zu lernen.

Das Resultat ist die Fähigkeit zur Mentalisierung: menschliches Verhalten als Ausdruck intentionaler mentaler Zustände wahrnehmen und interpretieren. Das bedeutet, eine Vorstellung von Bedürfnissen, Gefühlen und Beweggründen von anderen Menschen zu haben. Wer mentalisiert, kann nachvollziehen, wie und aus welchen Gründen Menschen handeln oder sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten.

Die ursprüngliche Bedingung für eine sichere Bindung ist demnach, dass die „Fürsorger“ das Kind als intentional handelnden Menschen mentalisieren. So eröffnet sich dem Kind die Möglichkeit, etwas über die Welt zu lernen – es entwickelt epistemisches Vertrauen. In der Folge kann das Kind selbst in die Lage kommen zu mentalisieren, im Austausch mit anderen zu lernen und sich in der sozialen Welt zurecht zu finden.

Werden Kinder misshandelt oder vernachlässigt, kann dieses epistemische Vertrauen nicht entstehen. Es entwickeln sich Misstrauen und ein Gefühl der Isolation von der Welt. Die Mentalisierungsfähigkeit wird nicht ausreichend ausgebildet und es kommt zu Schwierigkeiten in der Deutung sozialer Situationen bzw. Hinweise. Die soziale Abwendung vom Kind führt zur Zerstörung des Vertrauens in alle Arten von sozialem Wissen.

Ein besonders schwerer Fall dieses Mangels an epistemischem Vertrauen ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die habe, so betont Fonagy, nichts mit der Persönlichkeit zu tun, sondern resultiere aus einer Unzugänglichkeit zu kultureller Kommunikation. Es seien Beziehungsstörungen: dem Partner, dem Therapeuten, dem Lehrer – allen wird misstraut. Der Eindruck entstehe, diese Patienten seien „schwer erreichbar“. Hier scheitere allerdings vielmehr die Lernbeziehung zwischen Patient und Therapeut: Der Patient lebt in einem unerträglichen Zustand von empfundener Isolation, die aus seinem grundsätzlichen Misstrauen resultiert. Dadurch nicht mit dem Patienten kommunizieren zu können, kann beim Gegenüber Frust auslösen und begünstigt ein Victim Blaming – der Patient wird für die Kommunikationsstörung verantwortlich gemacht.

Wer gelernt hat, dass Beziehungen unsicher sind und so nicht in der Lage ist zu vertrauen, verliert sein soziales Netzwerk, mit dessen Hilfe er oder sie neue Informationen lernen könnte. Bindung ist daher die sichere Basis, um die eigene psychische Welt zu erkunden. Es ist die Basis für das Entstehen der Mentalisierungsfähigkeit. Psychische Störungen sind aus dieser Perspektive Beeinträchtigungen beim sozialen Lernen. Es mangelt an epistemischem Vertrauen und es entsteht ein ständiges Wittern von Gefahr in der sozialen Situation. Gute Bindungsbeziehungen bieten die ausreichenden Bedingungen für epistemisches Vertrauen.


Prof. Dr. Peter Fonagy ist Psychoanalytiker und Leiter des Anna Freud National Centre for Children and Families in London. Bekannt ist er vor allem für die von ihm entwickelte Mentalisierungsbasierte Psychotherapie (Mentalisation-Based-Treatment, MBT), mit der insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörungen behandelt werden. Die Behandlungsmethode entstand im Rahmen seiner Forschung zu frühem sozialen Erleben und Bindung. In seinen Längsschnittstudien untersuchte er die Eltern-Kind-Bindung und zeigte den Zusammenhang zwischen der Bindungsvergangenheit der Eltern und deren Bindungsstil zu ihren eigenen Kindern.