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Die böse Seite der Wissenschaft

Am Abend des 15.11.2012 startete an der IPU Berlin die auf insgesamt vier Semester angelegte Ringvorlesungsreihe unter dem Motto "Pathologien der Moderne" in die dritte Runde. Der Schwerpunkt des aktuellen Winter-Semesters liegt auf den "Abjekten der Moderne", also auf jenen Ausschlüssen und Verwerfungen, die die Moderne hervorbringt und derer sie sich letztlich verdankt.

Den Eröffnungsvortrag bestritt in diesem Semester Herr Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin und renommierter Literaturwissenschaftler. Er studierte Germanistik, Politische Wissenschaften, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Seit 1985 hat Peter-André Alt zahlreiche Werke veröffentlicht, darunter vier Sammelbände zur deutschsprachigen und europäischen Literatur des 17., 18. und 20. Jahrhunderts. Für den Abschluss seines Buchprojektes "Ästhetik des Bösen" erhielt er 2008 das Opus-Magnus-Stipendium der Volkswagen- und der Thyssen-Stiftung. Prof. Alt ist seit Juni 2010 Präsident der Freien Universität Berlin. 2012 ist er außerdem zum Präsidenten der Deutschen Schillergesellschaft gewählt worden.

In seiner Forschung beschäftige er sich viel mit "dem Bösen", so Prof. Alt mit einem Augenzwinkern. Der Titel seines Vortrags lautete: "Ausschließung und Inszenierung. Literarische Pornographie als Ästhetik des Abjekten". Darin umschrieb er das Abjekte im Grunde als Phänomen, welches das vordergründig Abstoßende, Verwerfliche zum bedeutenden Element einer erzählerischen Darstellung markiert. Anhand ausgewählter Passagen aus den Werken berühmter und gleichzeitig berüchtigter Autoren verdeutlichte er seine Kernaussage.

Literarische Wegbereiter der Moderne, wie etwa die französischen Protagonisten Charles Baudelaire (1821-1867), Georges Bataille (1897-1962) oder solch schillernde Gestalten wie der Marquis de Sade (1740-1814), brachen durch die drastische, detaillierte Darstellung von Tabuisiertem mit den vorherrschenden Normen und Wertvorstellungen einer stark durch den christlichen Glauben geprägten Gesellschaft. Den Erzählungen dieser Autoren liegt nach den Ausführungen von Prof. Alt ein Stil zugrunde, der auf jeweils spezifische Art und Weise die Fragmentierung von Erfahrungswelt reflektiert und der in extreme, teils pervertierte Ausdrucksformen mündet. "Es geht um Provokation!", so Prof. Alt. Das Anstößige in der "Poetik des Exzesses" provoziere, sobald man sich dem Erzähler aussetze, fuhr er fort.

Zu den Vertretern des literarischen Genres der Moderne zählt Prof. Alt auch den Schriftsteller Franz Kafka. Diesen zitierte er mit den Worten: "Selbsterkenntnis hat nur das Böse!". Tatsächlich, so Prof. Alt weiter, ist das sogenannte Böse ohne Gegenbezug nicht denkbar, denn das Böse spalte sich vom Guten ab. Von hier zog er eine Verbindung zu Sigmund Freuds Konzept einer grundsätzlichen Ambivalenz von Gut und Böse. Prof. Alt bezog sich in diesem Zusammenhang wohl auf Freuds Deutung des Zusammenspiels von Ekel und ursprünglicher Lust (sowie deren Drang nach Befriedigung), welche in Form von Perversionen ausgelebt werde, sobald die Lustgefühle stärker sind als die Scham oder der Ekel.

Die weiteren Termine der Veranstaltungsreihe

13.12.2012 - Prof. Dr. Winfried Menninghaus, Berlin
Transgression oder Regression? Zur Lust an Ekelhaftem in Kunst und Medien

24.01.2013 - Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, Basel
Wegwerfen, Verwerfen, Ausstossen? Wie Abfall entsteht und wiederkehrt. Semiotische und soziopsychoanalytische Betrachtungen

14.02.2013 - Dr. Kristin Marek, Karlsruhe
Anwesende Abwesenheit. Die Sichtbarkeit der Toten zwischen Virtualität und Materialität?