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Das Schöne, das nur schön ist, ist nur halbschön

Über die vielfältigen Facetten des Ekels sprach der renommierte Wissenschaftler Prof. Dr. Winfried Menninghaus im Rahmen der IPU-Ringvorlesungsreihe „Abjekte der Moderne“ am Abend des 13.12.2012 an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin. Winfried Menninghaus ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut an der Freien Universität Berlin. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er hochdekorierte Auszeichnungen, darunter der „Premio Internazionale di Estetica“ der Italienischen Gesellschaft für Ästhetik oder die „Opus magnum“-Förderung der VolkswagenStiftung.  

In seiner Vorlesung „Transgression oder Regression? Zur Lust an Ekelhaftem in Kunst und Medien“ (so der Titel) zeichnete Prof. Menninghaus historische Stationen im Denken des Ekels nach. Seine Ausführungen glichen einer literarischen Zeitreise, angefangen bei der griechischen Mythologie bis hinein in die Postmoderne, als die Aneigung des Ekelhaften als künstlerische und mediale Ressource ihre stärkste Ausprägung entwickelte. Das Themengebiet, so Menninghaus, sei derart komplex, dass bis heute keine feste Definition von Ekel existiere und noch viel zu klären sei. Ihn als Sprachwissenschaftler interessiere hauptsächlich, welche Phänomene man mit der Sprache als Ekel bezeichnet.

Anhand ausgewählter Hypothesen über den Nahrungsekel, den Exkrementenekel und zuletzt „einer Art von Distanzierungsekel vor tierischen Phänomenen“ ergründete Menninghaus deren Plausibilität, wies aber zugleich – aus sprachwissenschaftlicher Sicht – auf Unzulänglichkeiten hin. Sichtlich amüsiert beschrieb er Sigmund Freuds Beobachtungen aus dem Jahre 1897, die dem Versuch gleichkämen, den Menschen wieder in ein „schnüffelndes Wesen“ zu verwandeln. Diese Beobachtungen Freuds enthalten plausible Thesen und eröffnen dem Leser darüber hinaus eine tiefenpsychologische Blickweise, die „immer wieder total witzig ist“, sagte Prof. Menninghaus. Neben Freud betonte Menninghaus die Verdienste des Franzosen Georges Bataille. „Der Mensch ist dem, was ihn ekelt, eng verbunden, ja ausgeliefert“ sei eine der Thesen Batailles, von der Menninghaus die Notwendigkeit der Existenz von Ekelverboten als „Reservoir“ für die Menschen ableitete.

Auch andere namhafte Philosophen und Denker wie Winkelmann, Schiller, Herder oder Nietzsche gingen seinerzeit der Frage nach, wie man „das Schöne“ definiert. Menninghaus zitierte einen für ihn typischen Nietzsche-Satz: „Es ekelt mich, also hab' ich erkannt“. Ausdrucksformen dieser Art führte der Wissenschaftler auf den im Denken Nietzsches verhafteten „Ekel am Leben“ zurück.

Die Faszination des Ekels hat weit über verschiedene Wissenschaftsdisziplinen hinaus gewirkt und erfährt bis heute unterschiedlichste Deutungen und Bewertungen. Prof. Menninghaus' pointiert vorgetragene „Kostproben“ von teils komplexen bis hin zu äußerst erheiternden Denkweisen über den Ekel samt deren medialer oder künstlerischer Darstellungsformen sorgten für erhellende Einblicke in die Gedankenwelt namhafter Protagonisten, deren Auseinandersetzungen mit Ekel und Ekelhaftem die Wissenschaft noch immer beschäftigt.

Nächste Termine der Vorlesungsreihe

24.01.2013 – Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, Basel
Wegwerfen, Verwerfen, Ausstossen? Wie Abfall entsteht und wiederkehrt
Semiotische und soziopsychoanalytische Betrachtungen

14.02.2013 – Dr. Kristin Marek, Karlsruhe
Anwesende Abwesenheit. Die Sichtbarkeit der Toten zwischen Virtualität und Materialität?