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Das Schicksal des Don Juan der Postmoderne

Prof. Dr. Christa Rohde-Dachser ist Soziologin, Psychoanalytikerin und war Professorin in der Nachfolge des Alexander Mitscherlich - Lehrstuhls an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu erleben war die vielseitige Wissenschaftlerin am Abend des 03.05.2012 im Rahmen der öffentlichen IPU-Ringvorlesungsreihe "Pathologien der Moderne - Gewissheit als Fiktion" mit ihrem Vortrag "Was sich ändert und was bleibt. Über die Unkündbarkeit der Verheißung". Darin ging sie der Frage nach, welche Sprache der Psychoanalyse heute als Reaktion auf die Versprechungen der Moderne zur Verfügung stünden.

Frau Prof. Rohde-Dachser stellte die von ihr geschilderten Beobachtungen unter das Motto: "Leben in einer Welt ohne festen Grund und Boden". Feste Strukturen von früher seien brüchig geworden, die Menschen in der Postmoderne deshalb herausgefordert, mit den wachsenden Unsicherheiten zurechtzukommen: so lautete ihre Botschaft. Diese Unsicherheiten "in ein Narrativ zu packen" und sie dadurch "kontrollierbar zu machen" sei ein tief verwurzeltes Bedürfnis im Leben des postmodernen Menschen, meinte Frau Prof. Rohde-Dachser. Aus wissenschaftlicher Perspektive seien dafür sogenannte "Zeitdiagnosen" geeignet. Denn wer aus einer scheinbar dritten Person heraus benennen oder gar wissenschaftlich beweisen könne, was die postmoderne Gesellschaft definiere oder vorantreibe, so Prof. Rohde-Dachser, der erzeuge auch eine Form von Gewissheit.

Ihrer Erkenntnis nach sei der Mensch ein Leben lang auf der Suche nach Erfüllung. Zwar hätten im Gegensatz zu früher die "mit der menschlichen Subjektwerdung untrennbar verbundenen Konflikte" im Rahmen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ihre Ausdrucksform geändert, sagte sie, die Grundstrukturen würden jedoch im Wesentlichen fortbestehen. Wie sich diese Konflikte bereits vor über 300 Jahren in Szene setzten und wie sie sich im Gegensatz dazu unter "den Bedingungen der Postmoderne" inszenierten erläuterte Frau Prof. Rohde-Dachser anhand einer zeitgenössischen Theaterinszenierung von Don Juan am Schauspielhaus Hannover aus dem Jahr 2011 (die Uraufführung des Originals von Moliere wird auf das Jahr 1665 datiert). Demnach lasse sich die Figur des Don Juan als eine "symbolische Figur der Postmoderne" verstehen, die unter den heutigen Bedingungen etwas anderes quäle als die Angst vor Höllenstrafen. Erst der Tod setze dem "suchtartigen Vorwärtskommen" und der Rücksichtslosigkeit Anderen gegenüber - von ihr als "Illusion von Unbegrenztheit" umschrieben - ein Ende.

Vom Standpunkt der Wissenschaftlerin aus würden auch heute ähnliche Regeln gelten wie zu Zeiten Don Juans. Allerdings seien die erkorenen Objekte in der Moderne nicht (wie im Stück von Don Juan) die Frauen. Bezugnehmend auf ihre vorangegangene Schilderung über die Psychoanalyse der Finanzmärkte des Londoner Psychoanalytikers David Tappert bezeichnete sie Wertpapiere und Aktien als "die erkorenen Objekte" des modernen Menschen. Hohe Gewinnaussichten ließen die Erwartungen der Spekulanten "ins Phantastische" steigen. Man wolle immer mehr davon besitzen, entwickle eine "Liebesromanze" mit ihnen und lasse dabei alle Risiken außer Acht. Erst wenn die Teilnehmer an dieser "postmodernen Beschleunigungsspirale" (nach Baumann) ihre Kräfte schwinden sehen, fuhr Prof. Rohde-Dachser fort, werde das "schwindelerregende Tempo zum Albtraum". Der Kampf gegen das "Heilsversprechen der Moderne", sagte sie, sei beschwerlich und "mache müde". Ehrenberg, den sie in diesem Zusammenhang zitierte, spräche hierbei vom "erschöpften Selbst" und davon, dass Depression eine "unvermeidliche Begleiterscheinung der Autonomie" sei.


Nächste Veranstaltungstermine:

29.05.2012 - Siri Hustvedt, Ph.D., New York: Between You and Me: Art and Analysis
ACHTUNG: Vortrag findet ausnahmsweise im Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin
Unter den Linden 6 (Eingang auch Dorotheenstraße), 10117 Berlin, statt.

12.07.2012 - Dr. Ronald Britton, London: Natural, Unnatural and Super-natural Beliefs