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Auf dem Gipfel der Empathie mit Sudhir Kakar

Der Psychoanalytiker und Wissenschaftler Sudhir Kakar aus Goa/Indien hat vermutlich wie kein Anderer einen Dialog zwischen der indischen und der westlichen Kultur in die Wege geleitet. Dieser Dialog hat mittlerweile eine solche Spannbreite erreicht, dass ihn die Wochenzeitung 'Die Zeit' als einen von 21 Denkern für das 21. Jahrhundert betrachtet und er von dem französichen 'Le Nouvel Observateur' zu den 25 Meisterdenkern gezählt wird. Seine Bücher wurden in 21 Sprachen übersetzt.

Sudhir Kakar besuchte die International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Am Abend des 13. Juni 2013 hielt er in dem voll besetzten Hörsaal der IPU einen Vortrag mit dem Thema „Ist die Psychoanalyse auch eine spirituelle Disziplin? Psychoanalyse in Indien.“. Kakars Besuch bildete den krönenden Abschluss der Ringvorlesungsreihe ›Pathologien der Moderne‹ an der IPU. Von einem Schuss Ironie begleitet wandte er sich gleich zu Beginn an das Auditorium und verwies auf potentielle Nebenwirkungen, die sein Vortrag hervorrufen könne. Er sagte: „Für viele säkulare Menschen (Anm. d. Verf.: wozu er sich selbst zählte) löst jedes Gespräch über Spiritualität wegen seiner starken religiösen Konnotationen Unbehagen aus.“

Ohne Religion also keine Spiritualität? In den meisten Religionen werden die „Manifestationen des Geistes im Menschen“ untrennbar von dem Willen Gottes betrachtet. Obwohl heute durchaus zwischen dem Religiösen und Spirituellen unterschieden werde – eine Unterscheidung, die zuerst im 19. Jahrhundert von amerikanischen Schriftstellern wie Ralph Waldo Emerson und Walt Withman gemacht wurde – bleibt „der Geruch des Religiösen an dem Begriff des Spirituellen hängen“, sagte Kakar.

Die Zuhörerschaft erfuhr von ihm, auf welche Art und Weise die spirituelle Betrachtung sowohl Theorie als auch Praxis der Psychoanalyse bereichern kann. Aus einer östlichen, hinduistisch-buddhistischen Perspektive bezeichnete Kakar das Spirituelle als einen Weg, sich „zur Welt mit einem "Wir-Gefühl" in Beziehung zu setzen“. Für gewöhnlich scheitere man jedoch bei dem Versuch, die Gegenwart des Spirituellen im Alltag wahrzunehmen, da man eher von einem „mystischen Augenblick“ ausgehe. Kakar selbst vertritt die Auffassung, dass Spiritualität ein „Kontinuum“ ist.

Zum Spirituellen gehört Meditation. Ziel von Meditation ist die „Durchlässigkeit von Grenzen“, so Kakar. Dem zugrunde liegt das „Streben nach einer spirituellen Perspektive des Wesen des Selbst“ erklärte der indische Psychoanalytiker. Das selbst Ghandi etwas zur Psychoanalyse beigetragen hat, erfuhr das Auditorium während Kakars Ausführungen über die „freischwebende Aufmerksamkeit“, die sich aus einer Verbindung von „freier Assoziation“ und dem „Wie hört der Psychoanalytiker zu?“ einstellt.

Kakar widmete einen Großteil seiner Ansprache der Veranschaulichung seiner Gedanken über Empathie. Empathie ist für ihn ein „Schlüssel zu verborgenen Welten“. Dahinter verberge sich „Aufgeschlossenheit zu Irrationalem, Okkulten“. Toleranz und Mitgefühl seien charakteristische Vertreter von Empathie. Nach seiner Exegese war klar: viele Wege führen längst nicht nur nach Rom. Aus der Perspektive des Psychoanalytikers Kakar bedarf es eben vieler unterschiedlicher Wege, die wiederum vereint sind in dem Streben danach, „emphatische Wege zu verinnerlichen“.

Mit Sudhir Kakars Vortrag endete der erste viersemestrige Ringvorlesungszyklus der IPU. Die öffentlichen Vorträge widmeten sich einer psychoanalytisch perspektivierten Kulturreflektion. Das Ziel, die IPU als einen Ort des Diskurses zwischen Psychoanalyse und den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften zu markieren, wurde zweifelsfrei erreicht. Über vier Semester wurden viele Fragen aufgeworfen, kontroverse Ansichten diskutiert und immer wieder interdisziplinäre Brücken zu anderen Wissenschaften gebaut. Eine Neuauflage der Ringvorlesungsreihe – dann mit einem anderen thematischen Schwerpunkt – zum kommenden Winter-Semester 2013/14 ist in Planung. Das Programm wird im Lauf des Sommers auf der Website der IPU zu finden sein.