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Ambivalenzen in Fundamentalismus und Aufklärung

Christina von Braun ist Kulturwissenschaftlerin, Gender-Theoretikerin, Autorin und Filmemacherin. An der Humboldt-Universität zu Berlin ist sie seit 1994 Professorin für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte. Sie blickt auf zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Mentalitätsgeschichte, Zirkularisierungsprozesse und Diskurskritik, durch die sich wie ein roter Faden eine konsequent inter- und transdisziplinäre sowie eine eben immer auch immanent psychoanalytische Perspektivierung zieht. Ihr sind zahlreiche Ehrungen zuteil geworden und eine weitere steht an: im Herbst diesen Jahres wird sie den Sigmund-Freud-Kulturpreis erhalten. Dieser wird von der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung an Nicht-Analytiker vergeben, die psychoanalytische Theorien auf kulturelle Phänomene anwenden.

Die beeindruckende Vita Christina von Brauns unterstreicht ihre prädestinierte Rolle als Gastreferentin für die öffentliche Ringvorlesungsreihe ›Modernities – Konfligierende Modernen‹ des Sommer-Semesters 2013 an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin. Am 18. April hielt sie dort einen Vortrag, der den Titel „Conflicting Modernities: Fundamentalismus und Aufklärung“ trug. Die Erläuterung der Begriffe "Fundamentalismus" – obgleich weltlich und hochpolitisch – einerseits und "Aufklärung" andererseits verband sie dabei eng mit den drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Die Genese dieser Begriffe sei sehr eng an die Moderne und die Geschichte des Westens geknüpft, erklärte Christina von Braun, und deshalb böten sie sich besonders für ihren Vortrag an, in dessen weiteren Verlauf sie sechs Charakteristika beschrieb, die in allen drei großen Religionen anzutreffen seien und die sie zu Phänomenen der Moderne zählte.

Am Beispiel der Geschlechterrollen stellte sie dar, auf welche Weise die Aufklärung zur Entwicklung des Fundamentalismus, dessen Ursprung sie im christlichen Kulturraum – gewissermaßen als „Bruder der Aufklärung“ – verortete, beitrug. Der Begriff "Fundamentalismus" wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem nordamerikanischen Baptisten Curtis Lee Laws geprägt. Von diesem Ausgangspunkt an setzte ein Prozess ein, in dessen Folge extreme Anschauungen, wie beispielsweise die der Vertreter der sogenannten "Princeton-Doktrin", bis hin zum Ku-Klux-Klan und anderer extremer Erscheinungen, entstanden sind. Besonders in den USA paarte sich der Fundamentalismus mit dem Glauben an die freie Marktwirtschaft, die zeitgleich die Bühne mit der abendländischen Aufklärung betrat, so die Wissenschaftlerin. Bereits 1981 war die "Moral Majority" in 50 Staaten vertreten. Sie umfasste ca. 110.000 Prediger, 400 täglich ausstrahlende Radiosender, und führte gigantische Medienkampagnen durch. Recht bald verfügte die "Moral Majority" über 300 Universitäten und 25.000 Schulen. Zu ihren Anhängern zählten und zählen nicht nur Protestanten, sondern auch Katholiken und Juden, darunter auch „zur Heterosexualität konvertierte, ehemalige Homosexuelle beiderlei Geschlechts“ zitierte von Braun. In den „Erlebnis-Gottesdiensten der TV-Church“ spielten Patriotismus, Antisemitismus, Antimodernismus und Geschlechterfragen eine wichtige Rolle.

Der Interpretation der Wissenschaftlerin von Braun zufolge sollen die Rollen von Mann und Frau das Verhältnis von Mensch und Gott widerspiegeln. Sie sollen das Transzendente „in die Natur verlagern“, sagte sie wörtlich. Bei der symbolischen Geschlechterordnung handele es sich weniger um die Ableitung von den ideologischen Gegebenheiten des männlichen und des weiblichen Körpers, sondern um die Funktion von Männlichkeit und Weiblichkeit in einer „wie auch immer imaginierten göttlichen Ordnung“, die es zu reflektieren gelte. Die Realität werde hierbei dem Text angepasst. Letztlich verberge sich hinter der symbolischen Geschlechterordnung das „Projekt der Unsterblichkeit“, das jeder Religion zugrunde liege. Das erkläre die hohe Emotionalität der Konflikte um die Geschlechterordnung und es erkläre auch, warum jeder einzelne Körper "seine" Geschlechterordnung als die natürliche ansieht.

Bei näherer Betrachtung der drei großen monotheistischen Religionen erkennt von Braun in dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch als auch auf der Ebene der Geschlechterverhältnisse mehr Ähnlichkeiten zwischen der jüdischen Religion und dem Islam als zwischen diesen beiden und dem Christentum. Die strenge Trennung von Mensch und Gott finde in der „Segregation der Geschlechter“ ihr Spiegelbild – von Ausnahmen wie beispielsweise dem Kampf osteuropäischer Jüdinnen Anfang des 19. Jahrhunderts um das weibliche Stimmrecht und das Anrecht auf Bildung einmal abgesehen. Das Christentum hingegen sei geprägt von der Nähe des Menschen zu Gott, oder wie sie es ausdrückte, von der „Menschwerdung Gottes“. Das heilige Abendmahl stehe als Metapher für das große Heilsversprechen, welches impliziert, dass „auch der Mensch an Gottes Unsterblichkeit Anteil haben kann“. Wie Judentum und Islam verkläre das Christentum die moderne Rolle beider Geschlechter, indem es ihnen unterschiedliche Rollen zuweist. Im Christentum, ergänzte von Braun, entspricht die unauflösbare Bildung der Geschlechterordnung dem „Spiegelbild des christlichen Vereinigungsideals von göttlicher Ewigkeit und menschlicher Sterblichkeit“.

Auf eine einfache Formel gebracht, schlussfolgerte die Wissenschaftlerin, werde im Christentum die Ehe sakralisiert, während es im Judentum und im Islam der weibliche Körper ist, der im Christentum wiederum alles andere als sakral sei. Wie sehr diese unterschiedlichen Geschlechterordnungen mit den Schriftsystemen zusammenhängen, zeigte sie anhand eines Vergleichs. Gemeinsam sei allen drei Religionen, dass ihre heiligen Schriften in alphabetischen, also in phonetischen Schriftsystemen, niedergelegt sind. Was aber bewirkt das Alphabet, fragte von Braun. „Es entreißt dem Körper die Sprache“, lautete die Antwort.

Nächste Termine

30. Mai 2013 – Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, Kassel
ERSTE SCHRITTE - ein Frühpräventionsprojekt für Familien mit Migrationshintergrund. Beispiel einer "aufsuchenden Psychoanalyse".

13. Juni 2013 – Sudhir Kakar, Goa (Indien)
Ist Psychoanalyse auch eine spirituelle Disziplin? Psychoanalyse in Indien.

27. Juni 2013 – Prof. Dr. Wielant Machleidt, Hannover
Der Zusammenprall der Kulturen im Selbst. Migrationsprozesse zwischen Konflikt und Chance

Alle Vorträge beginnen um 20.00 c.t. und finden im großen Hörsaal der IPU, Stromstraße 2, 10555 Berlin, 3.OG statt. Der Eintritt kostet 5.- Euro, Studierende sowie Mitglieder des Vereins der Freunde und Förderer der IPU haben freien Eintritt.