Wer ist ...


Prof. Dr. phil. Benigna Gerisch

1. Welche sind Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre?

Mein Schwerpunkt in der Lehre an der IPU speist sich im Wesentlichen aus dem Interventions-/Beratungsmodul mit dem Ziel, einerseits die komplexen Konzeptualisierungen der theoretischen und klinischen Psychoanalyse (im Bereich Intervention und Beratung) zu vermitteln und andererseits an einer anwendungsakzentuierten und damit fallkonzentrierten Lehre und Forschung mitzuwirken.
Dieser Akzent der praxisgeleiteten Lehre, Evaluation und Beforschung von Indikation, Diagnostik und Behandlungskonzepten wird künftig auch in meiner Co-Leitungsfunktion der Hochschul- und Forschungsambulanz (Leitung: Prof. Dr. Heinrich Deserno) an der IPU verankert sein. Befördert durch meine 21-jährige Tätigkeit in einer Ambulanz mit Hochrisikopatienten einerseits und langjährige Lehreerfahrungen an verschiedenen Fachbereichen andererseits, stellt die Hochschulambulanz der IPU eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, die Studierenden mit großer Sorgfalt an die praktisch-klinische Arbeit von Patienten mit unterschiedlichen Störungsbildern heranzuführen.
Darüber hinaus gilt mein besonderes Interesse der Themenklammer von "Psychoanalyse als Kulturtheorie", das heißt die Vermittlung ihrer produktiven Indienstnahme als Interpretations- und Deutungsmethodik im außerklinischen Kontext, die Eingang finden wird in der Entwicklung transdisziplinärer Forschungskooperationen und der Ausgestaltung der Öffentlichkeitsarbeit an der IPU.

2. Was sind Inhalte Ihrer Studienmodule?

Das Modul "Interventionen" bildet zusammen mit den Modulen 5 und 9 den Studienbereich IV "Diagnostik, Intervention, Beratung und Prävention." Es vermittelt Grundkenntnisse und Basiskompetenzen psychoanalytischer Grundbegriffe (z.B. Rahmen, Setting, Frequenz, Übertragungs- und Gegenübertragungsanalyse etc.) sowie psychotherapeutischer Interventionsmethoden. Ferner wird ein differenzierter Einblick in den Schulenpluralismus der klassischen und aktuellen psychoanalytisch/psychodynamischen Therapieverfahren sowie anderer Psychotherapieformen gegeben und deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede reflektierend erarbeitet.
So werden z.B. die Rahmenbedingungen und Interventionstechniken der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, der Analytischen Psychotherapie, der Analytischen Fokaltherapie, der Psychoanalytischen Krisenintervention, der Mentalisierungsbasierten und Übertragungsfokussierten Psychotherapie gelehrt sowie u.a. der Kognitiven Verhaltenstherapie, der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie und der Systemischen Therapie.
Ein wesentlicher Schwerpunkt in diesem Modul liegt auf der Exemplifizierung der schulenspezifischen Interventionsformen und Wirkfaktoren anhand von ausführlichen Kasuistiken, die in Rollenspielen, durch Videoaufzeichnungen und künftig durch praktische Beispiele aus der Ambulanz in ihrer Komplexität erlebbar gemacht werden sollen.
Ziel ist, dass die Studierenden die verschiedenen psychoanalytischen, psychodynamisch orientierten und psychotherapeutischen Interventionstechniken differenzieren können, Kompetenzen erwerben in der Interpretation von diagnostischen Befunden und ein psychodynamisches Symptom- sowie Prozessverständnis in einer argumentationszugänglichen Kasuistik entwickeln.

Im Modul "Psychodynamische Beratung" geht es zuvorderst um die Vermittlung von Grundlagenwissen über den Zusammenhang von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und dem korrespondierenden Beratungsbedarf. Es wird ein Überblick zu klassischen Beratungskonzepten gegeben, um dann die aktuellen Konzepte und Interventionsmethoden der "Psychodynamischen Beratung" einschließlich psychoanalytischen Basiswissens von Interaktions- und Beziehungsprozessen in klinischen (z. B. der Einzelfall‐ und Familienhilfe, der Drogenhilfe, der Jugendgerichts- und Bewährungshilfe, der Mütter‐Säuglingsberatung, der Schwangerschaftskonfliktberatung) und außerklinischen Beratungssettings (z.B. psychodynamische Organisationsberatung und psychodynamisches Coaching) zu erarbeiten.
Ziel ist es, dass die Studierenden eine fundierte Beratungskompetenz erwerben, um in verschiedenen Anwendungsfeldern der Psychologie hilfreiche Beratungsprozesse gestalten zu können. Dazu gehören insbesondere sozialkognitive Fähigkeiten wie Perspektivenübernahme und Empathie, Selbstreflexivität und Mentalisierungsfähigkeit.
Auch in diesem Modul wird ein wesentlicher Schwerpunkt auf der anwendungsakzentuierten Exemplifizierung theoretischer Inhalte anhand von Fallbeispielen, der Fallrekonstruktion und von Videomaterial liegen.

3. Was können Studierende von Ihnen persönlich lernen?

Mein Wunsch ist es, den Studierenden meine ungebrochene Leidenschaft für die Psychoanalyse zu vermitteln, die im klinischen Kontext zu verschwinden droht und im akademischen Bereich als obsolet diskreditiert wird. Gleichwohl aber verfügen gerade die psychoanalytischen Theorien, die in den letzten Jahrzehnten eine enorme Weiterentwicklung erfahren haben, über hochwirksame Behandlungstechniken für eine bislang als unbehandelbar geltende oder chronisch schwer kranke Klientel, wie etwa suizidale Patienten und Borderlinepatienten.
Lasse ich die Rückmeldungen der Studierenden Revue passieren, so konnte ebendies durch die sehr anwendungs- und fallorientierte Lehre im Interventionsmoduls vermittelt werden, wodurch sich sowohl die Angst vor dem Studium komplexer Theorien milderte als auch der "psycho-physische" Zugang zu und das Verständnis von - einschließlich der Behandlungsmöglichkeiten - schwer kranken Patienten befördert wurde. Durch die zahlreichen Fallbeispiele und die sorgfältige Erarbeitung dessen, was Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse kennzeichnet, konnten ganz unmittelbar erlebbare Erfahrungen mit den oft schwer aushaltbaren, intrapsychisch wirksamen destruktiven Dynamiken dieser Klientel und deren Reinszenierungen in der therapeutischen Beziehung gemacht werden.
Ferner bekommen die Studierenden Einblicke in die faszinierenden Anwendungsvarianten der psychoanalytischen Tiefenhermeneutik und Deutungsmethodik anhand von aktuellen Filmen und Theaterinszenierungen, wodurch eine spielerische Aneignung psychoanalytischen Denkens, Konzeptualisierens und Interpretierens ermöglicht wird.

4. Was begeistert Sie an der Psychoanalyse/Psychologie?

Mich begeistert an der Psychoanalyse, dass sie die einzige Wissenschaft ist, die mittels ihres ausgefeilten Interpretationsreservoires von mikroskopische Binnenanalysen der verästelten Tiefendimensionen des Unbewussten einen Verstehenszugang zu dem bietet, was das Menschsein an sich und menschliches Leiden ausmacht. Sie verfügt inzwischen nicht nur über hoch theoretische, komplexe Theorien von Psychopathologien, sondern auch über differenzierteste Technik- und Interventionsmethoden, die uns einen einzigartigen Zugang zum Verständnis und zur Behandlung auch schwer psychisch Kranker liefert.
Darüber hinaus fasziniert mich die von Freud entwickelte psychoanalytische Kulturtheorie, die in überindividuellen, kulturellen Praktiken stets Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens verhandelt sieht, deren Invarianz und Bedeutungsfacetten seit der Antike bis zur Gegenwart durch die Dimensionen und Dynamiken des Unbewussten in völlig neuer Weise aufgeschlossen werden können. Auf dieser Matrix entwickelte sich eine psychoanalytische Hermeneutik, die eine spezifische Technik bietet, um im außerklinischen Bereich, das heißt in kulturellen Produktionen wie etwa dem Film, der Belletristik und dem Theater unbewusste Sinnkonstruktionen und Ausgestaltungen des kollektiven Unbewussten aufzuspüren. Durch diese originäre und spezifische Methodik ist zugleich auf das ihr inhärente gesellschafts- und kulturkritische Potenzial verwiesen, das auch in der gegenwärtigen Moderne von hoher Relevanz ist - und dem an der IPU durch zahlreiche Veranstaltungsformate gebührend Rechnung getragen wird.

5. Haben Sie ein Lebensmotto oder ein Lieblingszitat?

Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. (Sigmund Freud)

Blumen anschauen hat etwas Beruhigendes: Sie kennen weder Emotionen noch Konflikte. (Sigmund Freud)

Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. (Franz Kafka)

Liebe ist alles was unser Leben steigert, erweitert, bereichert. Nach allen Höhen und Tiefen. Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste und die Straße. (Franz Kafka)

Kontakt

Prof. Dr. phil. Benigna Gerisch

Leiterin Studienkommission/
Hochschullehrerin

IPU Berlin
Stromstr. 3 - Raum 1.03
10555 Berlin

Tel.: +49 30 300 117-713
Fax: +49 30 300 117-509

E-Mail: benigna.gerisch@ipu-berlin.de

Sprechstunde: Donnerstags von 15.00 - 16.00 und nach Vereinbarung

Prof. Dr. phil. Benigna Gerisch